„Blue Yeti“ erforscht die obskure, oft überzeichnete Klangwelt von Social-Media-Videos, in denen extrem nahe Mikrofonierungen, Zeitraffer und harte Schnitte alltägliche Geräusche in schrille akustische Miniaturen verwandeln. Zwischen Ironie, Irritation und Faszination entsteht ein Hörstück, das Fundstücke aus dem Internet – von ASMR-Flüstern über klirrende Alltagsobjekte bis zu kuriosen Tutorials – in neue musikalische Zusammenhänge setzt. Die Klänge wurden im Studio extrahiert, neu aufgenommen, geschichtet und mit Filtern, Vocodern sowie Tempo- und Tonhöhenmodulationen zu abstrakten oder rhythmischen Texturen verarbeitet.
Als zeitgemäße „Geräuschétude“ schlägt „Blue Yeti“ zugleich eine Brücke zu Pierre Schaeffers bahnbrechender „Étude de Bruits“ - Komposition aus dem Jahr 1948.
Neu eingespielte Klavier-, Schlagzeug-, Harmonium- und Stimmaufnahmen – teils selbst in ASMR-Ästhetik – bilden eine Hommage an die historische Vorlage. Ergänzt wird das Stück durch geflüsterte und collagierte Textebenen, inspiriert von ASMR-Stars sowie von Avantgarde-Collagen-Masterminds wie Mothers of Invention oder Negativland. Der Titel verweist auf das unscheinbare USB-Mikrofon „Blue Yeti“, das paradoxerweise zum ikonischen Werkzeug dieser globalen Klangkultur wurde.
Mit: Audrey Chen und Hanno Leichtmann
Komposition und Realisation: Hanno Leichtmann
Produktion: SWR 2025
Hanno Leichtmann lebt und arbeitet als Soundkünstler und Kurator in Berlin. Er ist für seine wegweisenden Impulse in der elektronischen Musikszene und seine Arbeit als Festival-Kurator bekannt. Leichtmann begann seine Musikkarriere Ende der 1990er Jahre und wurde schnell für seinen einzigartigen Stil in der Produktion elektronischer Musik und seinen Live-Konzerten bekannt. Seine Arbeit umfasst verschiedene Genres: von experimenteller Elektronik über Ambient bis hin zu Minimal Techno. Seine künstlerische Handschrift zeichnet sich durch subtile Klanglandschaften, feinfühlige Rhythmen und eine Vorliebe für klangliche Experimente aus.