Jemandem, der nicht mehr für sich selbst sprechen kann, die eigene Stimme zu leihen, ist ein sehr persönliches Ereignis. Für „Imiona nurtu“ sind Menschen aus ganz Europa dem Aufruf von Hörspielregisseur und Autor Kai Grehn gefolgt und haben aus den Sterbebüchern von Auschwitz die Namen von Ermordeten ausgewählt und eingesprochen.
Entstanden ist ein memento mori, verwoben mit Lagergedichten des KZ-Überlebenden Tadeusz Borowski und mit Geräuschaufnahmen aus den ehemaligen Häftlingsbaracken, ein Hörspiel-Oratorium, das berührt und Brücken schlägt ins Hier und Heute, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach der Befreiung der Konzentrationslager.
Tadeusz Borowski war eine große Hoffnung der polnischen Literatur, 1951 nahm er sich jedoch im Alter von 28 Jahren in Warschau das Leben. Er war zwei Jahre lang in den Konzentrationslagern in Auschwitz, Dautmergen und Dachau inhaftiert gewesen.
Gespräch mit dem Schauspieler Alexander Fehling
Für „Imiona nurtu. Die Namen der Strömung“ hat Alexander Fehling die Gedichte von Tadeusz Borowski gesprochen. Im Interview erzählt er, wie es zu der Zusammenarbeit mit Kai Grehn für dieses besondere Stück kam:
Wenn ich mich richtig erinnere, hatten Kai Grehn und ich gerade die Arbeit am „Sick Bag Song“, einem Hörstück nach Texten von Nick Cave hinter uns, als er mich anrief und sagte, er hätte da ein neues Projekt und es sei schwierig. Das hat mich natürlich interessiert. Als ich mich dann mit Borowskis Gedichten beschäftigt habe, war ich erschüttert von der Kraft dieser Texte. Das passiert manchmal, dass man da rein will in diese Sätze und Bilder oder dass man glaubt, jemanden zu verstehen. Wobei ich nicht die Zeit in Birkenau meine, auf keinen Fall, sondern die Stimme mit der Borowski spricht. Auch die kenne ich natürlich nicht, aber ich bilde mir dann ein, sie zu hören.
Und wie haben Sie den gemeinsamen Prozess mit Kai Grehn erlebt, herauszuarbeiten, wie die Gedichte vortragen werden können?
Das war tatsächlich nicht einfach. Es ist immer ein ganz schmaler Grat auf dem Gedichte anfangen zu klingen. Und hier ganz besonders, wegen des unfassbaren Alptraums von dem sie erzählen. Wobei man sagen muss, dass es dahinter eben auch um vieles andere geht. Nämlich wie ein extrem sensibler junger Mann seine Umwelt wahrnimmt; wovon er träumt, wenn er die Augen schließt; wo er sich Trost erhofft, was ihm heilig ist oder was er in sich selbst findet, wenn es draußen nichts mehr zu suchen gibt. Ich habe im Studio wie immer einfach ausprobiert und mich 100-prozentig auf Kais Ohr verlassen. Dabei wurde das Wort „Strömung“ für mich eigentlich zum entscheidenden Begriff. Ich wollte die Gedichte nicht vortragen oder interpretieren, sondern sie durch mich durchströmen lassen und versuchen, ihren ganz besonderen Klang zu bewahren.
Auf die Frage, wie er das Hören der fertiggestellten Produktion erlebt hat, antwortet Alexander Fehling:
Es geht mir äußerst selten so, eigentlich nie, aber: ich war fasziniert, von der grausamen Schönheit dieser Arbeit.
Mit: Alexander Fehling, Rafael Stachowiak, Besucherinnen und Besuchern der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und Menschen aus ganz Europa
Regie: Kai Grehn
Unterstützt wurde das Projekt durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, die „A und A Kulturstiftung“ und die „Berthold Leibinger Stiftung“
Produktion: Südwestrundfunk in Kooperation mit dem Deutschlandfunk 2025 - Premiere