Ausstellung im Stadtpalais Stuttgart

„Ballettwunder“ - Geschichte des Stuttgarter Balletts von John Cranko bis zur Gegenwart

New York feierte das Stuttgarter Ballett der 1960er Jahre als „Ballettwunder“. Das Stadtpalais Stuttgart zeigt, wie John Cranko mit dem Ensemble den modernen Tanz nachhaltig veränderte.

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Von Autor/in Tobias Ignée

Der Beginn des Ballettwunders: Gastspiel in New York

Ein großes Werbeplakat und Originaleintrittskarten kündigen zu Beginn der Ausstellung das Gastspiel des Stuttgarter Balletts im Juni 1969 an der Metropolitan Opera in New York an.

„Onegin“, der Klassiker der russischen Literatur, steht auf dem Programm, in einer Choreografie von John Cranko. Ein Foto zeigt die Ensemblemitglieder Marcia Haydée und Richard Cragun, wie sie nach der Aufführung die Kritiken studieren.

Es war der Kritiker der New York Times, der das Ballettwunder ausgerufen hatte und damit die Stuttgarter Truppe weltberühmt machte. Ebenfalls auf dem Spielplan des Gastspiels in Übersee stand die tragische Liebesgeschichte „Romeo und Julia“.

Marcia Haydée und John Cranko bei der Rückkehr aus New York am Flughafen, 1969
Marcia Haydée und John Cranko 1969 bei der gefeierten Rückkehr aus New York .

Egon Madsen und die Original-Requisiten

In der Rolle des frechen Draufgängers Mercutio, der im Duell durch einen tödlichen Stoß von Tybalt stirbt: Tänzer Egon Madsen. Er lässt es sich nicht nehmen, den Degen von damals, eines der Schmuckstücke der Ausstellung, aus der Vitrine zu nehmen und tänzelnd damit zu fechten.

Nach der kleinen Vorführung verschwindet die Waffe wieder hinter Glas. Denn die originalen Waffen aus dem Archiv des Staatstheaters sind, wie viele der Ausstellungsstücke, wertvolle Unikate. So auch das Kostüm der Tatjana in „Onegin“ – das aus einem Mieder und einem mehrlagigen Rock mit Spitzen besteht. Getragen hat es die erste Solistin Marcia Haydée, die das Kleid vor ein paar Jahren dem Stadtpalais überließ.

Egon Madsen, Corps de Ballet in Initialen R.B.M.E
Der Tänzer Egon Madsen in „Corps de Ballet in Initialen R.B.M.E.“

Mit Kostümen, Bühnenbildentwürfen, Filmausschnitten, Licht- und Videoanimationen, einer begehbaren virtuellen Tanzinstallation, Fotos und ganz viel Lesestoff an der Wand soll die Geschichte des Ballettwunders von Stuttgart veranschaulicht werden.

Eine Geschichte, die sich bei weitem nicht nur auf die 1960er-Jahre und die Zeit des legendären Choreografen John Cranko reduzieren lässt. Vielmehr geht es auch darum, zu zeigen, wie sein Erbe in Stuttgart bis heute hochgehalten und seine Art zu Choreografieren – das sogenannte Handlungsballett – weitergeführt wird. Etwa in der von ihm gegründeten John Cranko-Ballettschule.

Ballett, das berührt und begeistert

Kurator Yannick Nordwald: „John Cranko hat mal gesagt, das beste Ballett ist ein Ballett, wo jemand in die Vorführung kommt und vorher nichts weiß vom Ballett, sich hinsetzt und begeistert ist. Das war sein Traum vom Ballett. Also ein Ballett, das niederschwellig ist, dass durch die Körpersprache für jeden zugänglich ist.“

Marcia Haydée in Romeo und Julia, 1960er Jahre
Marcia Haydée in Romeo und Julia, 1960er Jahre.

Dieser Traum ging nur in Erfüllung, weil das ganze Ensemble wie eine große Familie funktionierte. Besonders deutlich macht dies ein Foto aus den 1960ern, aufgenommen im Probensaal.

Vor der Spiegelwand sitzt John Cranko mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem speziellen Regiestuhl, wie immer eine Zigarette in der Hand. Und um ihn herum die Tänzerinnen und Tänzer, sie hängen ihm aufmerksam, wie Kindern ihrem Vater, an den Lippen – auch der junge Egon Madsen:

„Der John wollte immer, dass ich Du zu ihm sage. Da habe ich gesagt: Das kann ich nicht, ich muss Respekt haben. Gut, sagte er, nimm deine Zeit, irgendwann wirst du dann schon Du sagen. Dieses Familiäre, Menschliche – das ist einfach schön.“ 

Die Geschichte des Stuttgarter Ballettwunders in Bildern:

Stuttgart

Das Leben des weltberühmten Choreografen Stuttgarter Ballettwunder: Wie John Cranko dem Stuttgarter Ballett zu Weltruhm verhalf

John Cranko sei ein „brauchbarer“, aber kein überaus talentierter Balletttänzer gewesen, sagte er selbst über sich. Dafür war er ein umso größerer Choreograf, der aus dem kleinen Stuttgarter Ballett eine weltberühmte Ballettkompanie machte.

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