Getragen von einer riesigen Community
„Der Godfather of Zettelwirtschaft“, Joab Nist, sammelt Botschaften aller Art und teilt sie mit anderen. Mittlerweile gibt es Bücher, Abreißkalender, einen Film und das Bühnenprogramm „Notes of Berlin“.
„Das ist wahrscheinlich die lustigste Powerpoint-Präsentation des Landes“ bemerkt er stolz. Joab Nist hat aus einem skurrilen Hobby einen Brotberuf gemacht und wird dabei von einer riesigen Community getragen.
Verzweifelt, romantisch, wütend und frech – Die analogen Botschaften kommen aus allen Berliner Stadtteilen und aus allen Lebensbereichen. Joab Nist ist gebürtiger Münchner und kam zum Studium nach Berlin.
Kein Tag ohne Zettelbotschaft
Um die Stadt kennenzulernen, machte er Streifzüge mit Kamera und entdeckte dabei, dass die Zettelwirtschaft in Berlin üppiger blüht als anderswo.
Beliebte Orte sind Laternenmasten, Hausflure oder Stromkästen. Rasch wurde daraus ein Blog mit täglichem Update – vor allem mithilfe der Follower. Die schicken zuverlässig jeden Tag Aufnahmen von neuen Zetteln. 10 bis 15 sind es durchschnittlich. Aber auf jeden Fall vergeht kein Tag ohne neue Zettelbotschaft.
Die Zettel verändern sich
Seit 15 Jahren läuft der Blog und hat sich zu einem echten Geschäftsmodell entwickelt. Joab Nist hat auch seine Masterarbeit in Kulturwissenschaften über die besondere Form der Berliner Kommunikation geschrieben und dabei festgestellt, dass sich dabei auch Veränderungen zeigen.
Zum Beispiel seien die Botschaften internationaler geworden. „Wir bekommen viel mehr englischsprachige Botschaften rein als früher“ sagt Nist. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt habe sich verschärft oder die Suche nach Unterbringung für Kinder.
Wir tauschen: Brautkleid gegen Kita-Platz.
Nachbarschaft sei der größte Themenbereich, erzählt Joab Nist. Egal, ob das gestohlene Fahrrad thematisiert wird oder die Ruhestörung durch lauten Sex: „Wenn Hose auf, dann Fenster zu“ – ein Zettel bringt es auf den Punkt.
Befindlichkeiten aus der Hauptstadt
Natürlich werden auch in anderen Städten Zettelbotschaften aufgehängt, aber die Berliner scheinen dafür besonders prädestiniert. „Das Schnoddrige, Poltrige passt super auf Zettel“ sagt Joab Nist.
Die Suche nach außergewöhnlichen Notes hat sich mittlerweile auf ganz Deutschland ausgedehnt. Aber zum Beispiel aus seiner alten Heimat München komme kaum verwertbares Potential.
Und so sind die analogen Botschaften im Stadtgebiet nach wie vor eine Berliner Spezialität und werden auch als solche in anderen Regionen verkauft – Befindlichkeiten aus der Hauptstadt, die man in keinem Reiseführer nachlesen kann.
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