Literaturadaption im kleinen Haus

Familienepos auf Mainzer Bühne – Staatstheater zeigt „Das achte Leben (Für Brilka)“

Der Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili ist ein echtes Mammutwerk. Sie erzählt darin eine Familiengeschichte im Georgien des 20. Jahrhunderts – mit besonderem Blick auf die Frauen. Das Staatstheater Mainz bringt eine eigene, opulente Fassung auf die Bühne.

Teilen

Stand

Von Autor/in Mareike Gries

Eine Familie erlebt die Brüche des 20. Jahrhunderts in Georgien

Es sind viele Menschen und ihre Geschichten aus der Familie von Erzählerin Niza, die das Publikum an diesem rund viereinhalbstündigen Theaterabend kennenlernen wird.

Nein, ich bin nicht verrückt geworden. Die Gespenster, die kommen tatsächlich zu mir, damit ich ihre Geschichten aufschreibe, unsere Geschichten. Deine, meine und die all der Menschen, die sich in uns aufgeschrieben haben.

Alles beginnt mit Urgroßmutter Stasia, geboren im Jahr 1900. Sie wächst in einem wohlhabenden Umfeld in Tiflis auf. Ihr Vater ist Konditor und hat ein legendäres Schokoladen-Rezept entwickelt. Diese Schokolade wird Stasia und all die anderen Menschen, vor allem die Frauen, der Familie Jaschi über die Jahrzehnte begleiten.

Beginnend zur Zeit des Zarenreichs, über den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Hochzeit und den Zerfall der Sowjetunion, bis zum Bürgerkrieg in Georgien nach dem Mauerfall.

Das achte Leben
Bereits mehrfach wurde Nino Haratischwilis Familienepos für die Bühne adaptiert. Nun legt Alexander Nerlich in Mainz seine Interpretation vor.

Die neue Bühnenfassung ist aus Eigendynamik entstanden

Regisseur Alexander Nerlich ist nicht der erste, der sich der schwierigen Aufgabe gestellt hat, Nino Haratischwilis Familienepos für die Bühne zu adaptieren. 2017 wurde der Stoff am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt, weitere Inszenierungen folgten. Allerdings hat Nerlich für die Mainzer Umsetzung keine der bereits existierenden Stückfassungen verwendet, er hat eine eigene mitentwickelt. Warum dieser enorme Aufwand?

„Ich hoffe, nicht Selbstüberschätzung“, sagt der Regisseur. „Der Grund war, dass wir in Stückfassungen, die wir gefunden haben, zwar viele gute Anregungen finden konnten, aber uns so einige Szenen und auch Szenenblöcke anders gedacht haben. Und dann haben wir gedacht: Okay, es entwickelt gerade so eine Eigendynamik, wie wir das machen. Trauen wir uns doch einfach, was Eigenes zu entwickeln.“

 

Das achte Leben
Verletzungen und männliche Gewalt sind zentrale Themen in Haratischwilis Roman.

Eine Genealogie der Gewalt

Die Mainzer Bühnenfassung verbreitet eine düstere Stimmung. Bühnenbildnerin Fernanda Jardí hat dafür eine Art Dachboden entwickelt, bei dem riesige, bewegliche Bühnenelemente einerseits an die Berliner Mauer erinnern und andererseits umgedreht einzelne Zimmer oder zentrale Schauplätze der Familie Jaschi zeigen.

Die Verletzungen, die männliche Gewalt und das Ausgeliefertsein der Kinder und Frauen dieser Familie, die sich über Generationen hinweg auswirken, sind die Themen, die Regisseur Alexander Nerlich besonders wichtig waren: „Wir haben schon gemerkt, dass es trotz vieler heiterer Momente eine Genealogie der Gewalt ist, die vor allem die weiblichen Figuren verarbeiten.“

Das habe zu einigen Besetzungsentscheidungen geführt, die einen transgenerationalen Gedanken versinnbildlichen sollen, erklärt Nerlich: „Dass man versteht: Jetzt kriege ich einen ganz sinnlichen Hinweis, dass hier eine Person etwas ganz Ähnliches durchmacht wie ihre Verwandte – auch wenn sie 40 Jahre später lebt.“ 

Das achte Leben
Die Mainzer Inszenierung bleibt mit der Romanvorlage auf Augenhöhe.

Die Bühnenfassung lädt ein, das Original zu lesen

So ist die Figur der Stasia zum Beispiel doppelt besetzt. Zum einen mit einer Schauspielerin, zum anderen mit einer Tänzerin. Der Zwillingsbruder von Regisseur Alexander Nerlich, Daniel Nerlich, hat eine stimmungsvolle, oft sphärische und an traditionelle georgische Klänge angelehnte Musik für die Inszenierung komponiert. Kostümbildnerin Viktoria Schrott hat in Georgien authentische Stoffe und historische Orden gefunden, die in die Ausstattung mit eingeflossen sind.

Die Inszenierung bleibt mit der Romanvorlage auf Augenhöhe und wird die Fans des Buches sicher nicht enttäuschen. Und wer das Buch noch nicht kennt, wird es nach diesem Theaterabend bestimmt lesen wollen, um noch tiefer in die spannende Geschichte von Niza und ihrer Familie eintauchen zu können.

Stuttgarter Literaturfestival Nino Haratischwili: Literatur ist Überlebenskunst

In einer Welt voller Krisen sieht Nino Haratischwili in der Literatur mehr als Trost. Für das Stuttgarter Literaturfestival hat sie ein Programm ums „Überleben“ kuratiert.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Schauspieler spielt oft bekannte Musiker Alexander Scheer wird auf der Bühne zu David Bowie

Schauspieler Alexander Scheer geht in der Rolle des David Bowie mit der Berliner Volksbühne auf Deutschlandtournee.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Stuttgart

Die mit dem Stuhl tanzt Wie Jaana Felicitas Tanz mit Magie verbindet

Jaana Felicitas ist Zauberkünstlerin in Stuttgart – zur Zeit tritt sie in der Live-Show „A Kind of Magic“ im Friedrichsbau Varieté auf.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Édouard Lalos Oper „Le Roi d’Ys“ Musik als Botschaft - Das Opernfestival „Ars Mondo“ in Straßburg

Das Festival „Ars Mondo“ der Opéra National du Rhin in Straßburg, Colmar und Mulhouse widmet sich in diesem Jahr den Gegensätzen von Inseln. Im Mittelpunkt steht unter anderem die Oper „Le Roi d’Ys“ („Der König von Ys“).

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur