Das geschönte Porträt zur Selbstinszenierung
Das Wirkliche ist wie das Wunderbare: Es misst die Welt mit eigenmächtigen Maßen.
Rilke bringt es auf den Punkt. Er stellt Wirklichkeit und Beschönigung, Realität und Fantasie auf eine Stufe. Kuratorin Susanne Blöcker hat in der Ausstellung Werke aus ganz unterschiedlichen Kunstepochen nebeneinander gestellt und festgestellt, dass der Umgang zum Beispiel mit Porträts früher nicht viel anders war als heute.
„Das Porträt war ein Medium zur Selbstinszenierung“, erklärt Susanne Blöcker. „Der eine wollte eine Ehefrau gewinnen und hat deshalb ein kleines Porträt von sich anfertigen lassen, das ihn erheblich schönte. Damit sind dann seine Botschafter auf Reisen gegangen.“
Die Frau, die sie dann zurückbrachten, dachte, sie heiratet einen Prinzen, doch das stellte sich nach der Ankunft als falsch heraus. „Wirklichkeit, das Ich, wurde ganz stark inszeniert“, so Susanne Blöcker.
Zwei Ebenen eines Bildes
In der Renaissance waren Alltagsszenen in der Kunst sehr beliebt. „Die Tric-Trac-Spiele“ des niederländischen Malers Hendrik ter Brugghen zum Beispiel zeigt eine uniformierte Männerrunde beim Brettspiel. In einer zweiten Ebene verbirgt sich die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn mit der entsprechenden moralischen Mahnung.
Damit diese versteckten Botschaften auch ankamen, ließen die Künstler ihre Werke per Kupferstich vervielfältigen und setzten kleine Erklärtexte dazu.
Stilleben aus dem 17. Jahrhundert - Szene aus der Welt der Reichen
Die Stillleben des 17. Jahrhunderts bestechen durch fast fotorealistische Darstellung: üppige Blumenarrangements, edles Geschirr, Obst oder Tiere. Szenen aus der Welt der Wohlhabenden, erklärt Susanne Blöcker. Mit der Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen haben sie nichts zu tun.
Und sie zeigt noch einen zweiten Fake-Effekt auf: „Man hat das Gefühl, man kann wirklich hineingreifen. Es täuscht eine Dreidimensionalität vor, die de facto nicht besteht“, sagt Susanne Blöcker.
Sie ergänzt: „Wenn man genau in die Bilder schaut, dann merkt man, das kann so nicht stimmen. Da ist ein Blumenstilleben, da sieht man die Blüten verschiedenster Jahreszeiten. Das kann nur der Maler, nicht die Natur.
Das Jüngste Gericht direkt vor der eigenen Stadt
Vieles, was uns heutigen Kunstbetrachtern fremd oder unwahr erscheint, erklärt sich aus den Umständen der Zeit, das macht diese Ausstellung deutlich. Das gesamte Kapitel Glauben in den Werken des Mittelalters müsse man so betrachten, sagt Kuratorin Susanne Blöcker.
Zum Beispiel in einem Altarbild mit Stadtansicht und Darstellung des jüngsten Gerichts, auf der man im Hintergrund eine Stadt aus dem 15. Jahrhundert sieht. Für die Menschen dieser Zeit sei das Jüngste Gericht absolut real gewesen, sagt Susanne Blöcker. Daher habe der Maler das Geschehen in seine Landschaft vor seine Stadt transportiert. „Wirklichkeit war damals eine andere als unsere“, so Susanne Blöcker.
Pioniere der Fotografie machen erste Luftbilder
Wirklichkeit hängt auch von der Perspektive des Künstlers und des Betrachtenden ab. Die Fotografie und die beginnende Luftfahrt brachte im Zeitalter der Industrialisierung neue Blickwinkel auf die Welt.
„Als die Zeit für viele Menschen unübersichtlich wurde, machen sie sich dieses neue Medium zunutze, sie steigen in die Luft mit dem Fotoapparat, in den Ballon, um die Übersicht über die Städte zu behalten“, erzählt Susanne Blöcker.
Die großen Pioniere der Fotografie wie La Guerre und Nadar hätten das gemacht, Nadar fuhr mit einem Ballon über Paris und machte die ersten Luftbilder. „Und das hat wiederum die Impressionisten angeregt“, erzählt Susanne Blöcker. „Die haben dann plötzlich auch die Pariser Dachlandschaften in ihre Bilder gebracht.“
Diese Schau ist ein gekonntes Extrakt, eine kluge Sammlung zum Thema und lebt besonders von den Geschichten hinter den Werken.
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