Virulente Themen und Forschergeist
Martha – das ist der Name der letzten amerikanischen Wandertaube. Sie starb 1914 in einem Zoo in Cincinnati. Fotografin Lynn Gerstmair erinnert an das Verschwinden einer ganzen Art, indem sie ein Foto ebenjener Taube verblassen lässt. Sie ist eine der diesjährigen Preisträgerinnen des Wettbewerbs „Gute Aussichten“.
Mehr als hundert junge Kunstschaffende haben sich in diesem Jahr beworben. Gute-Aussichten-Gründerin Josefine Raab ist aufgefallen, dass die acht Preisträgerinnen und Preisträger sich mit virulenten Themen beschäftigen: Der Krieg in der Ukraine, rassistische Gewalt, Erinnerungsarbeit. Gleichzeitig bewiesen sie Forschergeist.
Vielfältige Darstellungsformen
Nicht nur die Themen sind vielfältig, sondern auch die Darstellungsformen. So kombiniert Gerd Waliszewski etwa Fotografien aus dem Alltag von jungen Menschen in der Ukraine mit einem Stummfilm, der auf einem Stück Autokarosserie abgespielt wird.
Doch eins haben alle Werke gemeinsam, sagt Josefine Raab: „Alle haben sich mehr oder weniger dokumentarischer Strategien bedient. Vielfältig, aber alles im Bereich der Dokumentation - nicht der Imagination.“
Es wird nichts inszeniert. Es wird so genommen, wie es ist.
Fotograf Steffen Niers hat Holocaust-Überlebende portraitiert – und die farbigen Fotos mit schwarz-weiß-Aufnahmen von Orten umrahmt, an denen es in den vergangenen Jahre antisemitisch oder rassistisch motivierte Angriffe gegeben hat.
Steffen Niers spielt bewusst mit der Wahrnehmung des Publikums, sagt er. Man frage sich, ob es sich hier um Archivmaterial handele. Dabei seien es Porträts von Orten, die aktuelle Ereignisse zeigen, auf eine Art und Weise, wie es früher auch passiert sei.
Irritation lädt zum Nachdenken ein
Die Ausstellung ist keine leichte Kost. Jeder Raum, jede Nische in dem alten Festungs-Gemäuer drängt den Besucher dazu, sich auf ein neues Thema einzulassen. Sich Gedanken zu machen. Dinge in Frage zu stellen. So auch die Beziehung zwischen Mensch und Kamera.
Fotografin Bob Jones hat sich genau zu diesem Zweck selbst Lochkameras im 3-D-Drucker gebaut. Sie hat sich lange mit Porträtfotografie beschäftigt und mit der Frage, wie heute Bilder entstehen. Der Wunsch, sich selbst abzubilden, ohne von Geräten abhängig zu sein, die sie nicht versteht, treibt sie an.
Während mit dem Smartphone in kürzester Zeit eine Vielzahl von Fotos geschossen werden kann, brauchte sie für jedes ihrer „Selfies“ eine Stunde. Sie ging dabei an körperliche Grenzen und erlebte einige Überraschungen.
Man kann Sonnenbrand von Blitzlicht bekommen und man braucht Sonnenschutz für die Augen, sonst wird es gefährlich.
An ihren Erkenntnissen lässt Bob Jones die Besucher der Ausstellung teilhaben. Neben ihren Selbstporträts finden sich handschriftliche Notizen zum Entstehungsprozess, den sie letztlich als „ermächtigende Erfahrung“ beschreibt.
Zwar gebe sie die Kontrolle ab, erzählt Bob Jones, und sei zurückgeworfen auf ein imaginiertes Selbstbild ohne Sucher. Aber dafür spüre sie ihren Körper, sei super-präsent. Das sei eine Art poetische Auseinandersetzung mit der Kamera, die sie mit dem Smartphone noch nicht erlebt habe.
Experimentierfreudige junge Generation
Josefine Raab lobt die Experimentierfreudigkeit der jungen Generation von Fotografen und Fotografinnen. Obwohl der Preis in diesem Jahr schon zum 22. Mal verliehen wurde, und sie schon unzählige Arbeiten gesehen hat, gibt es für sie immer noch Neues entdecken.
Es ist auf jeden Fall immer eine Wundertüte.
Die jungen Künstlerinnen und Künstler seien neugierig, forschen und spielen, aber ohne den Ernst des Lebens aus den Augen zu verlieren. Sie setzten sich mit Problemen auseinander, erzählten Geschichten und fänden dabei Wege abseits ausgetretener Pfade.
Die Fotografie ist ein unglaublich lebendiges Medium. Eigentlich das lebendigste, das in der Lage ist, Grenzen zu überschreiten und für sich zu vereinnahmen.
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