Makellose Haut, glänzendes langes Haar, wohldefinierte Muskeln und das perfekte Make-Up. Social Media hat das Thema Schönheitswahn noch einmal auf ein neues Level gehoben. Die KI und Eingriffe wie Botox oder Filler definieren Perfektion neu.
Klassische Musik trifft auf Pop
Die Beauty-Trends werden immer absurder. Viele davon finden sich in einem neuen Stück im JOiN, der Jungen Oper im Nord (Staatsoper Stuttgart). Der plakative Titel: „hässlich as fuck“. Auch die Musikauswahl mutet provokativ an: von Shirin David bis Clara Schumann ist alles dabei.
Auf der ungewöhnlichen Bühne – einem Tennisplatz – zelebrieren zwei junge Frauen den „Morning Shed“-Trend. Dabei sollen Gesichts-Masken, Henna und Lockenwickler über Nacht einwirken und den Frauen dann morgens Zeit sparen.
Nach dem Aufstehen sind sie dann direkt „in shape“, auch wenn sie dafür nachts wie ein Gruselmonster aussehen. Dazu laufen die ersten Takte des Songs „Girl, so confusing“ der Sängerinnen Charli xcx und Lorde.
Male Gaze: Was heißt es, eine Frau zu sein?
Die beiden werfen sich in skurrile Tennis Outfits, die Falten-Miniröcke sind bei genauerem Hinschauen Geschirrtücher mit „Staatsoper Stuttgart"-Logo darauf. Dazu singen sie den viralen Hit.
Eine wilde Mischung – und genau das ist auch das Motto bei dieser ambitionierten Inszenierung.
„Girl, so confusing“ von 2024 handelt von der Rivalität der Künstlerinnen, ihrer Unsicherheit und was es heißt, eine junge Frau zu sein. Ein zentrales Thema auch in dem Stück, erklärt Schauspielerin Rosalie Zwenzner.
Es geht darum, wie man als Frau und mit dem weiblichen Körper in eine Welt geboren wird, die vom männlichen Blick geprägt ist.
Schauspielerin Zwenzner spricht von einem Schmerz, den man als Kind noch nicht spüre, in der Annahme, die Welt sei eben so. Später merke man dann: Warum muss das so sein? „Warum muss ich mich als Frau immer mit meinem Körper beschäftigen?“
Eine musiktheatrale Recherche
Das Regie-Duo, Raphaela Fiuza Nowakowski und Martin Mutschler, sprechen von einer „musiktheatralen Recherche“. Am Anfang waren die Songs, dann entwickelten sie gemeinsam Texte und Ideen, befragten Bekannte und erarbeiteten das Stück im Team.
„Darum auch Recherche. Work in progress sozusagen. Am Anfang wussten wir noch nicht, welche Atmosphäre am Ende auf der Bühne herrscht“, so Mutschler.
Die jungen Frauen – Schauspielerin Zwenzner und die mexikanische Mezzosopranistin Itzeli del Rosario tanzen zusammen, sind in einem Moment beste Freundinnen – aber im nächsten müssen sie gegeneinander antreten.
Ein Trainer beobachtet und bewertet die Frauen
Der Pianist Marco Rizzello wird immer wieder zu einer Art Trainer oder Vertreter des Patriarchats – des männlichen Blicks – wenn er auf seinen Schiedsrichter-Hochstuhl klettert und die Frauen bei sogenannten „Challenges“ bewertet.
Wer kann am schönsten weinen? Wer schwitzt weniger beim Pilates zu „Bauch Beine Po“ von Shirin David?
Die Produktion spielt mit vielen Klischees und all den Trends, die vor allem junge Menschen von Social Media kennen und bei der Generation, die mit Instagram und TikTok wenig am Hut hat, Befremden auslösen dürfte.
Dabei sind viele der Schönheitsrituale und Hypes nicht neu – die Ideale kommen immer wieder. Was bleibt, ist der beurteilende Blick von außen und der schmale Grat zwischen Schönheit und Schönheitswahn.
Der männliche Blick im Kopf der Frauen
So fragt sich zum Beispiel Schauspielerin Zwenzner auf der Bühne, wie der männliche Blick in ihren Kopf kam. Durch den ersten James Bond Film, den sie heimlich sah? Oder mit der ersten Lektüre der Jugendzeitung „Bravo“ in der Bücherei?
Regisseurin Raphaela Fiuza Nowakowski erklärt: „Man dachte ja vor ein paar Jahren, wir sind gerade auf einem guten Weg mit „Body Positivity“. Dass Leitmedien und Social Media doch auch andere Bilder reproduziert haben.“
Bei ihrer Recherche sei ihnen aber der Zusammenhang zwischen der stärkeren Reglementierung von weiblich gelesenen Körpern und dem Erstarken von „rechten, faschistischen Weltbildern“ ganz deutlich geworden, so Nowakowski.
Der „Heroin Chic“ ist zurück. Der alte Trend von sehr dünnen, ja abgemagerten Models auf dem Laufsteg und im Netz.
Gustav Mahlers Rückert-Lieder zentral im Stück
Das Stück ist auch eine Suche nach den Möglichkeiten, sich von den Anmaßungen dieser Welt voller Filler und Filter zu befreien. Dabei springen die beiden Darstellerinnen mit einem sogenannten „Fat Suit“ und Ganzkörperbehaarung über den Tennis Platz.
Besonders spannend ist der musikalisch breit gespannte Bogen von der gehypten Sängerin Rosalía bis zu Gustav Mahlers Vertonung des Gedichts von Friedrich Rückert. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ – berührend gesungen von del Rosario.
Die moderne Inszenierung mit vielen poetischen Elementen, aber auch Mut zur Albernheit sorgt für eine interessante Spannung. Gerade für ein junges Publikum ist das sperrige Thema so leichter zugänglich, genauso die eindrückliche Begegnung mit klassischer Musik.
„Wir haben uns beim Arbeiten schon auch immer gefragt: Wie können wir das junge Publikum abholen? Was wissen die schon, was erfahren sie durch uns?“, schildert Martin Mutschler.
Und das Team habe sich die Frage gestellt, wie man den Jugendlichen auch eine Orientierung geben könne: „So nach dem Motto: Ihr seid nicht allein mit diesen Fragen“.
Musik und Humor als Mittel zur Befreiung?
Was bleibt am Ende: Eine Gesellschaft, in der wir frei sind von fremden Zuschreibungen und in der wir uns mit unseren unperfekten Körpern versöhnen, scheint utopisch.
Die Botschaft: Humor und Musik helfen sicher dabei, sich – wenn auch nur ab und zu – ein bisschen von den Zwängen eines Schönheitsideals zu lösen.
Mehr zum Schönheitswahn
Plusminus. Mehr als nur Wirtschaft. Botox & Co: Müssen Männer schön sein für den Erfolg im Job?
Attraktivität als Karrieretreiber? Schönheitseingriffe bei Männern nehmen zu: Botox gegen Falten, Haartransplantationen oder ein definiertes Kinn. Ist gutes Aussehen wirklich entscheidend für den beruflichen Erfolg? Oder ist das reines Marketing? Anna Planken und David Ahlf stellen Studien vor und verraten uns was hinter dem Begriff „Brotox“ steckt.
Darum geht es in der Folge:
• Schönheitsbehandlungen für Männer – gekommen um zu bleiben? (05:10)
• Bevorzugen Unternehmen gutaussehende Männer? Manchmal! (09:05)
• Was ist schön an einem Mann? (12:10)
• Die Tricks der Schönheitsindustrie (17:56)
Weitere Infos und Quellen gibt es hier:
• Umsatzzahlen zu Botox: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/986256/umfrage/umsatz-des-pharmaunternehmens-abbvie-mit-botox/
• Behandlungsstatistik 2024 der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen: https://www.vdaepc.de/wp-content/uploads/2025/05/2025_05_16_VDAEPC_Behandlungsstatistik_2024.pdf
• Studie: Schönheit und der Arbeitsmarkt https://www.researchgate.net/publication/4980653_Beauty_and_the_Labor_Market
• Studie: Schön, reich, schön reich? Der Einfluss der physischen Attraktivität auf beruflichen Erfolg in Deutschland. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-38208-7_7
• Studie: Kandidierenden-Attraktivität und Wahlerfolg https://link.springer.com/article/10.1007/s12286-025-00629-y
• Studie zur Wirkung von Attraktivität auf Aktienkurse: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2357756
Das Team:
• Hosts: Anna Planken & David Ahlf
• @anna.planken https://www.instagram.com/anna.planken/
• @davidihrswisst https://www.instagram.com/davidihrswisst/
• Autorin: Beate Krol
• Redakteurin dieser Folge: Christine Bergmann (BR)
• Distribution: Sabine Storm, Jessica Hentschel, Levin Sallamon, Anne-Katharina Lauf
• Grafik: Saskia Schmidt
• Redaktion: Sina Rosenkranz, Christine Bergmann und Katharina Fortenbacher-Jahn
• Redaktionsleitung: Julia Görs und Silvia Renauer
Kontakt:
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Der Podcast "Plusminus. Mehr als nur Wirtschaft" ist eine Gemeinschaftsproduktion von BR, HR, SWR und WDR.
Unser Podcast-Tipp: nah dran – die Geschichte hinter der Nachricht
Die Nachfrage nach Beauty-Eingriffen steigt immer weiter an. Vor allem bei jüngeren Menschen. Das Nervengift Botox dürfen nur Ärztinnen und Ärzte spritzen. Aber mittlerweile gibt es auch viele illegale Anbieter ohne eine qualifizierte Ausbildung, die gerade junge Menschen in den Sozialen Medien mit niedrigen Preisen locken. Doch wie riskant ist das? Timm Giesbers ist Reporter beim WDR und hat eine Doku zum Thema Botox gemacht. Er war selbst in illegalen Botox-Studios und hat sich angeschaut, wie gefährlich Botox in den falschen Händen ist.
https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:25fc7833006769ae/
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