Schiller dient nur als Vorlage für weitere Fragen
Auf der Bühne kauert ein Mann mit einer Maske und singt. Er erzählt die alte Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen der Tochter eines mächtigen Mannes und ihres Geliebten aus einer niedrigen Kaste.
Inzwischen ist das Kasten-System in Indien zwar offiziell abgeschafft, aber die Menschen, die der untersten Kaste zugeordnet werden, die sogenannten „Unberührbaren“, sind auch heute noch Diskriminierungen ausgesetzt.
Und davon erzählt die zweite Geschichte einer unmöglichen Liebe. Eine Konstellation wie in Schillers „Kabale und Liebe“: eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen und ein reicher Politiker-Sohn verlieben sich ineinander und versuchen, ihre Liebe gegen die gesellschaftlichen Widerstände zu verteidigen.
Aber der indische Regisseur Lakshman KP nutzt Schillers Drama aus dem 18. Jahrhundert nur als Vorlage, um weiterführende Fragen zu diskutieren. Dürfen wir heute lieben, wen wir wollen? Wie frei und gleichberechtigt sind wir wirklich?
Die Kraft der Liebe nutzen
Regisseur Lakshman KP hat das Stück mit dem Titel „Still I Choose to Love“ („Ich wähle immer noch zu lieben“) mit einem deutsch-indischen Schauspielteam erarbeitet, das sich auch selbst spielt. Wir erleben mit, wie es bei der gemeinsamen Arbeit immer wieder an seine Grenzen stößt, aber es schafft, die Unsicherheiten im Umgang miteinander offen anzusprechen.
Ein berührendes, klug komponiertes Stück, das die vielen Themenbereiche gut ausbalanciert. Am Ende steht ein eindringlicher Appell, die Kraft der Liebe zu nutzen.
Einblicke in die Hinterzimmer der Macht
Die zweite Premiere zur Eröffnung der Internationalen Schillertage in Mannheim bleibt nah am Original-Text von „Kabale und Liebe“. Regisseurin Charlotte Sprenger flicht in ihre Neufassung ein paar wenige Modernisierungen ein: die tödliche Limonade wird „Limo“ genannt und in einer Einbauküche verabreicht.
Die Kabale, die Hofintrige, wird nicht mithilfe eines fingierten Briefs, sondern eines Fake-Videos durchgeführt. Überhaupt begleitet eine Kamera die ganze Zeit über das Geschehen und gewährt uns Einblicke in die Hinterzimmer der Macht.
Schnell ist klar: Bei so viel Durchtriebenheit, Egoismus und Machtmissbrauch kann eine Liebe nicht gedeihen.
Sozialkritik am Ende
Ferdinand tappt nur zu leicht in die Falle: Seine Liebe ist genauso heißblütig wie besitzergreifend und seine Eifersucht so rasend wie tödlich.
Und Luise? Mal ist sie das verhuschte, schwärmerische Teenie-Girl, mal klug, abgeklärt und selbstbewusst, weiß genau, dass sie ihren Ferdinand, unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen, nicht haben kann.
Am Ende ergreift Luise die Initiative: trinkt wissentlich das ihr vorgesetzte Gift und nimmt Ferdinand dann mit ins Bett: sie stirbt beim Sex und er lebt noch lange genug, um seinem Vater die Schuld an allem zu geben.
Zu guter Letzt erschießt die Hausangestellte alle, die an der Kabale beteiligt waren. So kommt auch noch ein bisschen Sozialkritik in diese Inszenierung, die sich leider nicht so recht entscheiden kann, ob sie Klamotte oder Trauerspiel sein möchte.
23. Internationale Schillertage Mannheim vom 19. bis 29. Juni 2025
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Forum 23. Internationale Schillertage Mannheim – Welche Rechte brauchen Menschen in der Migration?
Claus Heinrich diskutiert mit
Prof. Dr. Constanze Janda, Sozialrechtswissenschaftlerin, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer
Prof. Dr. Winfried Kluth, Jurist an der Universität Halle, Vorsitzender des Sachverständigenrat für Integration und Migration
Prof. em. Dr. Susanne Schröter, Ethnologin, Leiterin Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam
Mitschnitt der Veranstaltung (KEINE) RECHTS-UNTERSCHIEDE vom 21. Juni 2025 im Rahmen der 23. Internationalen Schillertage am Nationaltheater in Mannheim