Eröffnung der 23. Internationalen Schillertage Mannheim

Wenn Menschen nur Menschen sind: Zwei Mal „Kabale und Liebe“.

Alle zwei Jahre feiert das Nationaltheater Mannheim seinen berühmtesten Hausautor: Friedrich Schiller. Zum Auftakt des zehntägigen Theaterfestivals gab es eine Doppel-Premiere zweier sehr unterschiedlichen Versionen von Schillers Drama „Kabale und Liebe“.

Teilen

Stand

Von Autor/in Marie-Dominique Wetzel

Schiller dient nur als Vorlage für weitere Fragen

Auf der Bühne kauert ein Mann mit einer Maske und singt. Er erzählt die alte Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen der Tochter eines mächtigen Mannes und ihres Geliebten aus einer niedrigen Kaste.

Inzwischen ist das Kasten-System in Indien zwar offiziell abgeschafft, aber die Menschen, die der untersten Kaste zugeordnet werden, die sogenannten „Unberührbaren“, sind auch heute noch Diskriminierungen ausgesetzt.

"I Still Choose to Love" am Mannheimer Nationaltheater
David Smith, Chandrashekara Kempaiah, Larissa Voulgarelis, Devaki Rajendran (v. li.)

Und davon erzählt die zweite Geschichte einer unmöglichen Liebe. Eine Konstellation wie in Schillers „Kabale und Liebe“: eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen und ein reicher Politiker-Sohn verlieben sich ineinander und versuchen, ihre Liebe gegen die gesellschaftlichen Widerstände zu verteidigen.

Aber der indische Regisseur Lakshman KP nutzt Schillers Drama aus dem 18. Jahrhundert nur als Vorlage, um weiterführende Fragen zu diskutieren. Dürfen wir heute lieben, wen wir wollen? Wie frei und gleichberechtigt sind wir wirklich? 

Die Kraft der Liebe nutzen

Regisseur Lakshman KP hat das Stück mit dem Titel „Still I Choose to Love“ („Ich wähle immer noch zu lieben“) mit einem deutsch-indischen Schauspielteam erarbeitet, das sich auch selbst spielt. Wir erleben mit, wie es bei der gemeinsamen Arbeit immer wieder an seine Grenzen stößt, aber es schafft, die Unsicherheiten im Umgang miteinander offen anzusprechen.

Ein berührendes, klug komponiertes Stück, das die vielen Themenbereiche gut ausbalanciert. Am Ende steht ein eindringlicher Appell, die Kraft der Liebe zu nutzen.

"I Still Choose to Love" am Mannheimer Nationaltheater
Devaki Rajendran, Larissa Voulgarelis (v. li.)

Einblicke in die Hinterzimmer der Macht

Die zweite Premiere zur Eröffnung der Internationalen Schillertage in Mannheim bleibt nah am Original-Text von „Kabale und Liebe“. Regisseurin Charlotte Sprenger flicht in ihre Neufassung ein paar wenige Modernisierungen ein: die tödliche Limonade wird „Limo“ genannt und in einer Einbauküche verabreicht.

Die Kabale, die Hofintrige, wird nicht mithilfe eines fingierten Briefs, sondern eines Fake-Videos durchgeführt. Überhaupt begleitet eine Kamera die ganze Zeit über das Geschehen und gewährt uns Einblicke in die Hinterzimmer der Macht.

Schnell ist klar: Bei so viel Durchtriebenheit, Egoismus und Machtmissbrauch kann eine Liebe nicht gedeihen.

Kabale und Liebe - Nationaltheater Mannheim
Von links: Bruno Akkan (Ferdinand von Walter), Shirin Ali (Luise).

Sozialkritik am Ende

Ferdinand tappt nur zu leicht in die Falle: Seine Liebe ist genauso heißblütig wie besitzergreifend und seine Eifersucht so rasend wie tödlich.

Und Luise? Mal ist sie das verhuschte, schwärmerische Teenie-Girl, mal klug, abgeklärt und selbstbewusst, weiß genau, dass sie ihren Ferdinand, unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen, nicht haben kann. 

Kabale und Liebe - Nationaltheater Mannheim
Hinten v. li.: Annemarie Brüntjen (Lady Milford), Jonas Landerschier (Musiker), Bruno Akkan (Ferdinand von Walter), Shirin Ali (Luise Miller), Eddie Irle (Wurm), Ragna Pitoll (Frau Miller), vorne v. li.: Sarah Zastrau (Eine Angestellte), Boris Koneczny (Präsident von Walter), Rahel Weiss (Frau von Kalb).

Am Ende ergreift Luise die Initiative: trinkt wissentlich das ihr vorgesetzte Gift und nimmt Ferdinand dann mit ins Bett: sie stirbt beim Sex und er lebt noch lange genug, um seinem Vater die Schuld an allem zu geben.

Zu guter Letzt erschießt die Hausangestellte alle, die an der Kabale beteiligt waren. So kommt auch noch ein bisschen Sozialkritik in diese Inszenierung, die sich leider nicht so recht entscheiden kann, ob sie Klamotte oder Trauerspiel sein möchte.

Feminismus im Theater Heldinnen statt schmückendes Beiwerk – Wenn Frauen sich die Bühne zurückerobern

Frauen haben das Theater zu dem gemacht, was es heute ist. Gleichzeitig waren sie dort meist zur Unsichtbarkeit verdammt. Moderne Theatermacher*innen durchbrechen dieses Schema.

Forum 23. Internationale Schillertage Mannheim – Welche Rechte brauchen Menschen in der Migration?

Claus Heinrich diskutiert mit
Prof. Dr. Constanze Janda, Sozialrechtswissenschaftlerin, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer
Prof. Dr. Winfried Kluth, Jurist an der Universität Halle, Vorsitzender des Sachverständigenrat für Integration und Migration
Prof. em. Dr. Susanne Schröter, Ethnologin, Leiterin Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam

Mitschnitt der Veranstaltung (KEINE) RECHTS-UNTERSCHIEDE vom 21. Juni 2025 im Rahmen der 23. Internationalen Schillertage am Nationaltheater in Mannheim

Forum SWR Kultur

Abgesang auf Europa? Nationaltheater Mannheim bringt Robert Menasses „Die Erweiterung“ auf die Bühne

Das Nationaltheater Mannheim bringt Robert Menasses Roman „Die Erweiterung“ über die Bemühungen Albaniens, in die EU zu gelangen, als Nummernrevue auf die Bühne.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Marie-Dominique Wetzel