Die Regie betont den jüdischen Kern von „Nabucco“
Giuseppe Verdis erster Meisterstreich „Nabucco“ über die babylonische Gefangenschaft der Israeliten und ihre Befreiung könnte den Untertitel „Die große Utopie“ tragen.
Es ist eine sehr jüdische, alttestamentarische Angelegenheit, wenngleich die Zeitgenossen des Komponisten den „Gefangenenchor“ der Hebräer in der Gefangenschaft sofort zur Widerstandshymne gegen die habsburgische Besatzung umfunktionierten.
Am Nationaltheater Mannheim will Regisseur Christian von Götz die Oper auf ihren jüdischen Kern zurückführen. Noch vor der Musik lässt er jiddische Texte des von den Deutschen im Krakauer Ghetto ermordeten Dichters Mordechaj Gebirtig rezitieren.
Inszenierung mit Widersprüchen
Das jüdische Volk sitzt im Bühnenbild von Lukas Noll in einer Bibliothek des jüdischen Wissens, die Nabuccos illegitime Tochter Abigaille mit einer berüchtigten Requisite des sogenannten Regietheaters abfackelt. Den Benzinkanister richtet sie am Ende gegen sich selbst.
Von Sarah Mittenbühler werden die Juden in das Schwarz der Dauertrauer gehüllt, während die babylonischen Besatzer als ziemlich „campige“ Truppe in Glitzer und Gold aufmarschieren.
Besonders schräg: Die von Hollywoods Gruselwidergänger Freddy Krueger entliehenen Messerklingen an den Fingern, mit denen bedrohlich durch die Luft geschnippelt wird.
Dem jüdischen Hohepriester Zaccaria – bewegt von Sung Ha gesungen – wird ein deutlich angeklebter Rabbi-bart gegönnt. Widersinnig wird die Ausstattung, wenn hinter der Schriftaufforderung „Glaubt an Baal“ das riesig projizierte Gesicht von Paul Wegener in seiner Stummfilmrolle als Golem dräut.
Ausgerechnet dieser sich gefährlich selbstständig machende jüdische Schutzgeist zerfällt als Synonym für einen heidnischen Götzen nach der Wiederherstellung der jüdischen Rechtgläubigkeit.
Der Chor singt grandios, spielt aber statisch
„Nabucco“ ist eine Oper des jüdischen Volks und damit des Chores, der in Mannheim grandios singt. Darstellerisch bleibt er aber oratorisch statisch oder rennt treppauf, treppab, wenn die babylonische Aktion sich zuspitzt. Und es gibt viel Zeigefingersingen an der Rampe.
Verfährt die Regie aber aus dem Geist der Musik, wird es spannend. Die Szene der Erniedrigung des von Gott mit Wahnsinn gestraften und durch seine rachsüchtige Tochter gedemütigten Nabuccos ist eine großartige Revueszene auf der Treppe.
Abigaille und Nabucco – ein fabelhaftes Alptraumpaar
Abigaille mit Feder am Hut als durchgeknallte Filmdiva und Nabucco als armseliger Irrer im Falschgold – Das passt zu Verdis surrealer Montage aus Zerrüttungston und Ballmusik, ist perfekt zugeschnitten auf den noblen Irrsinnston von Evez Abdullas Nabucco und der begehrlichen Leidenschaft von Csilla Boross als Abigaille: ein fabelhaftes Alptraumpaar.
Dagegen fällt Nabuccos legitime zum Judentum konvertierte Tochter Fenea bei Marie-Belle Sandis etwas blass aus, ihr Geliebter Ismael wird von Sung Min Song als metallischer, aber untergeordneter Strahlemann gesungen.
Alle übrigen Ensemblekräfte machen ihre Sache gut. Das Orchester des Nationaltheaters spielt unter der Leitung von Roberto Rizzi Brignoli klangschön und nimmt Verdis Musik nicht leichtgewichtig.
Etwas mehr explosiver Zug hätte der utopischen Dringlichkeit der Bläser gut getan. In musikalischer Hinsicht ist der Mannheimer „Nabucco“ aber wesentlich überzeugender als in seiner szenisch schwierigen Ausrichtung.
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