Opernregie in Zeiten von Autokraten
1924 erlebte Georg Friedrich Händels Oper „Tamerlano“ zweihundert Jahre nach ihrer Londoner Uraufführung in Karlsruhe ihre erste Wiederaufführung in der Neuzeit. Nach weiteren hundert Jahren eröffnet sie die 48. Internationalen Händelfestspiele in Karlsruhe in der Regie des medienaffinen, ehemaligen Sängers Kobie van Rensburg.
René Jacobs hat mit dem Freiburger Barockorchester die musikalische Leitung übernommen und in der Titelpartie gastiert der bei den Salzburger Festspielen im vergangenen Jahr hoch gelobte Countertenor Christophe Dumeaux.
Die historische Begebenheit um den Gewaltherrscher Tamerlan und seinen gefangenen Gegner, den osmanischen Sultan Bajazet, den er in einen politisch motivierten Selbstmord treibt, könnte in Zeiten der Autokratie kaum aktueller sein.
Stummfilm-Ästhetik über Bluescreen
Regisseur Kobie van Rensburg nutzt Schein und Sein als dialektisches Gegenüber. Er ist ein Gesamtkunstwerker, denn er inszeniert, entwirft Kostüme, gestaltet den Raum und Bildebenen mit Hilfe von KI-Programmen. Die musikalische Umsetzung muss der ehemalige Sänger anderen überlassen.
Die Illusionswelten der barocken Bühne, ihre scheinperspektivischen Prospekte und magischen Maschinen sind ins Virtuelle transferiert. Auf der unteren Bühnenhälfte platziert van Rensburg eine Studio-Sszenerie mit Kameras für die Aktionen des Opernpersonals, darüber eine Breitbildeinwand.
Mit Hilfe des Bluescreen-Verfahrens fügt sich die Studioaktion in die Projektion der virtuellen Welten eines türkischen Palastlabyrinths ein, das Tamerlano von Bajazet erobert hat. Das Geschehen läuft in einer schwarz-weißen Stummfilmästhetik ab, ist aber zugleich ein live produzierter und gespielter Opern-Tonfilm.
Tyrannei mit etwas Witz
Der italienisch gesungene Text ist so zentral, dass er in deutscher Übersetzung als Untertitelung durchs Bild läuft. Dabei illuminiert van Rensburg all die ornamental wuchernden Text-Metaphern.
Durchaus mit Humor: So besingt Andronico, der scheinbar von Bajazets Tochter Asteria hintergangene Liebhaber, seine Begehrte mit zackigen Koloraturen als Tigerin. Da bedrohen ihn zähnefletschende Riesenkatzen, die sofort verschwinden, sobald er der Kamera den Rücken kehrt.
Dieser ornamentale Sprach- und Bildwitz täuscht allerdings nicht über die vollkommen illusionslose Gewaltgeschichte hinweg. Die Tyrannen Tamerlano und Bajazet, die sich in ihrem Rassismus nichts schenken, manipulieren in einer macht-erotischen Intrige Asteria.
Der Vater wird in den Selbstmord getrieben und die Tochter hat am Ende auch genug von ihrer Rolle: Mit einem Steinwurf lässt sie die projizierte Fiktion zerspringen. Licht aus. Alle treten im Dunkeln aus der Illusionsmaschine auf Vorder- und Seitenbühne, wo Asteria ihrem Vater in den Tod folgt. Die Übrigen können nur noch im Dunkeln um das Licht der Aufklärung bitten.
Counterwunder und eine Entdeckung bei den Händel-Festspielen
Diese brillante Aktualisierung des barocken Welttheaters geht allerdings nur auf, wenn es mit sänger-darstellerischer Brillanz erfüllt wird. Jede Geste, jede Mimik, die kleinste Pore als sichtbar gewordene Innerlichkeit, wird zum machtvollen Detail in der großen Projektionsapparatur.
Im Ensemble der Händelfestspiele hat van Rensburg kongeniale Partner. Christophe Dumaux‘ Tamerlano und der Andronico von Alexander Chance verkörpern das derzeit vielerorts zu bestaunende Counterwunder. Thomas Walker ist als Bajazet darstellerisch großartig, bei seinen gaumig gequetschten Spitzentönen muss man Abstriche machen.
Mari Eriksmoen als Asteria ist pure Leidenschaft. Irene, die Verlobte Tamerlanos, ist bei Kristina Hammarström etwas zu sehr in fortgeschrittene Zurückhaltung geraten. Leone, der Vertraute Andronicos, ist mit dem machtvoll-markanten Matthias Winckhler eine Entdeckung.
Und dann ist da noch der Altmeister René Jacobs mit dem samtfarbenen, schnörkellosen Freiburger Barockorchester. Famos, wie die so wichtigen Rezitative verziert werden, wie sich barocker Klang ohne selbstverliebte Manierismen vergegenwärtigt und alles in ein überzeugendes Konzept eingebettet ist. Dieser „Tamerlano“ ist ein äußerst unterhaltsames und zugleich nachdenkliches Gesamtkunstwerk.
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