Eine KI, ein Fehler im System
„Ich bin die krasseste Apokalypse der Welt, ihr Fucker“, schleudert MO-NI, die Kurzform für „Modular-Organische-Neuro-Intelligenz“, auch dem Publikum entgegen. Sie ist ein weiblicher KI-Roboter, ein Fehler im System.
MO-NI steht im Zentrum von Emre Akals Theaterstück „Es sagt, es liebt uns“, das unter anderem der Frage nachgeht, ob Künstliche Intelligenz irgendwann die Welt zerstören kann. Der aus München stammende Dramatiker und Regisseur wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und war zuletzt für den Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. Aktuell ist er Hausautor am Nationaltheater Mannheim.
Inspiration aus virtuellen Welten
Welche Auswirkungen das Digitale auf uns Menschen hat, beschäftigt Akal sehr. Deshalb begibt er sich selbst gerne zu Inspirationszwecken in virtuelle Welten. Zum Beispiel in der Mannheimer Universitätsbibliothek: Dort setzt er ein Virtual-Reality-Headset auf und taucht in neue Sphären ein. Für Akal ein ästhetisch inspirierender Moment.
„Die Grenzen der Normalität werden gesprengt“, sagt er. VR erinnere ihn daran, weiterzudenken als das Haptische und als die gesellschaftlichen Grenzen, die sich in unsere Köpfe eingeschrieben haben.
Mit dem Headset bewegt sich Emre Akal durch den Raum und kommentiert seine virtuelle Reise. Manches würde er nicht gegen einen Theaterabend eintauschen – anderes vielleicht schon, sagt er lachend. „Theater ist für mich persönlich auch ein Portal“, erklärt der Theatermacher. Genau wie die VR-Brille ermögliche es, in eine andere Wirklichkeit hineinzusehen.
Eine Pflege-KI mit eigenem Willen
Diese Idee des Portals prägt auch sein neues Stück, das den Blick in eine düstere Zukunft wagt. Eigentlich soll sich die humanoide MO-NI nur um den Witwer Erich kümmern. Doch sie beginnt, einen eigenen Willen zu entwickeln. Plötzlich stellt sie existenzielle Fragen: „Vielleicht komme ich aus einer Lücke im System… habe ich überhaupt das Recht zu fragen, woher ich komme?“
Für Emre Akal ist die KI dabei vor allem eine Projektionsfläche für uns Menschen. In „Es sagt, es liebt uns“ gehe es nicht um Technik, sondern um das Menschsein: Was passiert, wenn eine neue Technik ganz konkret in unser Zuhause einzieht? Wenn man sich ihr nicht mehr entziehen kann?
Akal beschreibt die Digitalität als etwas Fremdes, das in ein Haus kommt und Mauern einreißt, hinter denen sich Menschen bislang verstecken konnten. So entsteht ein neues Gegenüber, das Fragen aufwirft, die weit über technische Aspekte hinausgehen.
Digitale Migration
„Wir befinden uns alle zusammen in einer digitalen Migration“, sagt Akal. Gemeint ist das Migrieren in eine neue Zeit. Zunächst müsse man sich kollektiv bewusst machen, dass diese neue Zeit längst begonnen habe. Erst dann könne man gemeinsam überlegen, wie man mit dem neuen Fremden umgeht. Das Theater wird so auch zu einem Ort der Selbstbe- und hinterfragung.
Obwohl er auch als Regisseur arbeitet inszenierte Akal sein Stück in Mannheim nicht selbst. Den Text abzugeben, fiel ihm jedoch nicht schwer. Im besten Fall wolle er überrascht werden und genau das passiere ihm häufig, erklärt Akal. „Ich schätze es sehr, wenn sich andere ernsthaft mit meinem Stoff auseinandersetzen. Das ist doch eigentlich der Wahnsinn“, resümiert er.
„Es sagt, es liebt uns“ ist ein großes „Was wäre, wenn …?“. Ein Zukunftsszenario über das Zusammenleben von Mensch und KI. Dystopisch: vielleicht. Aber womöglich auch gar nicht so unrealistisch.
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„Es sagt es liebt uns“. So hat Emre Akal, Hausautor am Nationaltheater Mannheim, sein neues Stück genannt – über einen Haushaltsroboter mit weiblichem Aussehen. Jung, schön, fürsorglich, pflegeleicht. Und immer zur Stelle, wenn der ältere Herr es will. So wünscht er sich seine Heim-KI – als vollautomatisches Tradwife. Aber damit begnügt KI sich nicht. Es wird erst renitent, dann zerstörerisch. „Ich glaube, dass die Verselbständigung von KI schon am Rollen ist“, meint der Dramatiker und Regisseur Emre Akal. „Unsere digitale Migration ist bereits sehr weit fortgeschritten“.
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