Chronik der Proteste aus der Ferne
Licht fällt durch hohe Rundbogenfenster, draußen rauscht ein Zug vorbei. Im Atelier steht Jaleh Tavassoli still, vom Fenster abgewandt. Hier, im Künstlerbahnhof Ebernburg, ist sie in Sicherheit. Im Iran sind es ihre Freunde und ihre Familie nicht.
„Ich fühle mich schuldig. Ich bin privilegiert. Es fühlt sich nicht gut an“, sagt die 38-Jährige. Ende Dezember hat sie ihr Stipendium angetreten. Kurz danach eskalieren in ihrer iranischen Heimat erneut die Aufstände gegen das Regime.
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Hrana wurden bei dem gewaltsamen Vorgehen staatlicher Einsatzkräfte bis heute mehr als 6.000 Menschen getötet. Andere Schätzungen gehen von bis zu 25.000 Toten aus.
Jaleh Tavassoli verfolgt die Ereignisse aus der Ferne. Die Künstlerin malt, um zu verstehen, was zuhause passiert und um es zu verarbeiten.
Bilder der Proteste
Die Bilder in ihrem Atelier sind Mitte Januar entstanden. Sie wirken wie Momentaufnahmen der aktuellen Proteste im Iran, und zeigen die Phasen von Eskalation, Wut und Verzweiflung. Tavassolis Malerei folgt dem Rhythmus der Ereignisse, die sie täglich trotz abgeschalteten Internets im Iran erreichen.
Zu sehen ist unter anderem eine Menge aus wütenden Gesichtern. „Ja, natürlich sind sie wütend“, sagt Tavassoli. „Sie sind hungrig. Sie haben nichts zu essen. Und Iran ist ein sehr reiches Land. Aber wegen der Korruption in der Islamischen Republik und der IRGC, der Revolutionsgarde, haben die Menschen jetzt nichts zu essen.“
Die Aufstände gegen die Herrschaft der Mullahs hätten nun eine neue Qualität; das Regime schlage härter zurück als je zuvor, sagt die Künstlerin. Repression und Gewalt seien systematisch und demonstrativ: „So schlimm war es noch nie. Sie haben absolut keine Grenzen. Die Botschaft lautet: Wir wollen euch nur töten.“
„Frau, Leben, Freiheit“
Tavassoli versucht, Bilder für den staatlich angeordneten Massenmord zu finden. Auf einem Werk liegen zahlreiche Figuren aus roter Farbe beieinander. „Sie sehen aus, als ob sie tanzen würden“, sagte sie. Aber: „Sie schießen in die Köpfe, in die Hälse, in die Herzen und in die Genitale, besonders bei Frauen. Sie schießen, um zu töten. Und sie töten so viele.“
Bei den letzten großen Protesten 2022 war Tavassoli selbst dabei. Auslöser war der Tod der 22-jährigen kurdischen Iranerin Jina Mahsa Amini. Sie war von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch, ihren Hidschab, falsch getragen habe. Laut Berichten starb sie in Polizeigewahrsam durch Misshandlungen.
Ihr Tod entfachte die Bewegung „Zan, Zendegi, Āzādi“ – „Frau, Leben, Freiheit“. Frauen legten öffentlich ihre Hidschabs ab oder verbrannten sie und protestierten gegen das Mullah-Regime. Auch damals reagierte der Staat mit Gewalt.
Tavassoli wurde damals selbst zum Opfer: „Ich wurde geschlagen, weil ich keinen Hidschab getragen habe, es war in den ersten Tagen von ‚Frauen Leben, Freiheit‘ vor drei Jahren. Ich hatte sehr ernste Verletzungen und zwei Operationen. Ich fühlte den Hass. Sie schlugen mich, weil sie mich hassen, weil ich eine Frau bin.“
Die Angriffe hinterließen schwere Spuren. Zunächst malte Tavassoli mit links, bis sie ihre rechte Hand wieder bewegen konnte. Ihre Genesung dauerte lange.
Selbst Opfer der Repression
Die körperliche Erfahrung und der Schmerz hätten ihre Kunst nachhaltig verändert. „Malen war für mich wie ein Tagebuch. Ich habe über das Neugeborensein nachgedacht, meine Zukunftsaussichten, den Zustand meines Körpers. Alles in meinem Land hat sich mit den Protesten von ‚Women, Life, Freedom‘ 2022 geändert.“
Der Großteil des Lebens passiere seitdem im Untergrund. „Wir versuchen unser Leben zu leben. Aber draußen in der Öffentlichkeit müssen wir vorsichtig sein. Diese Energie haben sie jetzt auch getötet.“
Ihre Hoffnung richtet sich ausgerechnet auf die Vereinigten Staaten, trotz aller historischen Belastungen. „Du brauchst ein Monster, um ein Monster zu töten. Das ist simpel, traurig und die Wahrheit.“ Sie fürchtet eine weitere Eskalation der Gewalt im Iran.
Ein Monat ihres dreimonatigen Gastvisums im Künstlerbahnhof Ebernburg ist bereits vergangen. Ob sie zurückkehren kann und welches Land sie dann vorfinden wird, ist unklar. Jaleh Tavassoli weiß nicht, ob sie gerettet ist oder gestrandet.
Mehr Kunst aus Iran
Iranisches Kino als Widerstand Wie richtet man über einen Folterknecht? Jafar Panahis neuer Film stellt Fragen nach der Zukunft Irans
Der Film „Ein einfacher Unfall“ des iranischen Regisseurs zeigt das Hadern einer Gesellschaft mit Rache und Gerechtigkeit – inmitten neuer Proteste gegen das Regime in seiner Heimat.
Musikgespräch Proteste im Iran: Jazzsängerin Cymin Samawatie über die Rolle der Musik in dieser Zeit
Schlimme Zeiten herrschen in vielen Gebieten der Welt. Besonders schwierig ist es gerade im Iran: Verschleppte, inhaftierte und ermordete Menschen gibt es durch Proteste. Schon 2022 wurde im Land protestiert, aber jetzt scheint es noch schlimmer zu sein. Damals schon erzählte Sängerin und Musikerin Cymin Samawatie in SWR Kultur über diese Situation. Sie ist Tochter iranischer Eltern und lebt in Berlin. Mit ihren Songs stellt sie sich gegen Unrecht, Gewalt und Unterdrückung der Menschen im Iran. Über die Proteste, was sie aus dem Land hört, und wie die Musik durch diese Zeit hilft, erzählt sie im Musikgespräch.
Mehr Gegenwartskunst
Ausstellung in Ludwigshafen Kunst-Genie oder raffinierter Provokateur: Wer ist Jonathan Meese?
Jonathan Meese ist durch provokante Kunstperformances bekannt geworden. Ein Enfant terrible, Muttersöhnchen und Buchfan.