„Frau, Leben, Freiheit“ in der Kunst

Iranische Künstlerin Jaleh Tavassoli: „Sie schlugen mich, weil ich eine Frau bin“

Sie war 2022 selbst zum Opfer von Gewalt durch das Mullah-Regime geworden – nun entstehen ihre Bilder im Künstlerbahnhof Ebernburg als Chronik der iranischen Proteste aus der Ferne.

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Chronik der Proteste aus der Ferne

Licht fällt durch hohe Rundbogenfenster, draußen rauscht ein Zug vorbei. Im Atelier steht Jaleh Tavassoli still, vom Fenster abgewandt. Hier, im Künstlerbahnhof Ebernburg, ist sie in Sicherheit. Im Iran sind es ihre Freunde und ihre Familie nicht.

„Ich fühle mich schuldig. Ich bin privilegiert. Es fühlt sich nicht gut an“, sagt die 38-Jährige. Ende Dezember hat sie ihr Stipendium angetreten. Kurz danach eskalieren in ihrer iranischen Heimat erneut die Aufstände gegen das Regime.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Hrana wurden bei dem gewaltsamen Vorgehen staatlicher Einsatzkräfte bis heute mehr als 6.000 Menschen getötet. Andere Schätzungen gehen von bis zu 25.000 Toten aus.

Jaleh Tavassoli verfolgt die Ereignisse aus der Ferne. Die Künstlerin malt, um zu verstehen, was zuhause passiert und um es zu verarbeiten.

Kunstwerke von Jaleh Tavassoli
Kunstwerke von Jaleh Tavassoli

Bilder der Proteste

Die Bilder in ihrem Atelier sind Mitte Januar entstanden. Sie wirken wie Momentaufnahmen der aktuellen Proteste im Iran, und zeigen die Phasen von Eskalation, Wut und Verzweiflung. Tavassolis Malerei folgt dem Rhythmus der Ereignisse, die sie täglich trotz abgeschalteten Internets im Iran erreichen.

Zu sehen ist unter anderem eine Menge aus wütenden Gesichtern. „Ja, natürlich sind sie wütend“, sagt Tavassoli. „Sie sind hungrig. Sie haben nichts zu essen. Und Iran ist ein sehr reiches Land. Aber wegen der Korruption in der Islamischen Republik und der IRGC, der Revolutionsgarde, haben die Menschen jetzt nichts zu essen.“

Die Aufstände gegen die Herrschaft der Mullahs hätten nun eine neue Qualität; das Regime schlage härter zurück als je zuvor, sagt die Künstlerin. Repression und Gewalt seien systematisch und demonstrativ: „So schlimm war es noch nie. Sie haben absolut keine Grenzen. Die Botschaft lautet: Wir wollen euch nur töten.“

Die iranische Künstlerin Jaleh Tavassoli
Gerettet oder gestrandet? Die iranische Künstlerin Jaleh Tavassoli

„Frau, Leben, Freiheit“

Tavassoli versucht, Bilder für den staatlich angeordneten Massenmord zu finden. Auf einem Werk liegen zahlreiche Figuren aus roter Farbe beieinander. „Sie sehen aus, als ob sie tanzen würden“, sagte sie. Aber: „Sie schießen in die Köpfe, in die Hälse, in die Herzen und in die Genitale, besonders bei Frauen. Sie schießen, um zu töten. Und sie töten so viele.“

Bei den letzten großen Protesten 2022 war Tavassoli selbst dabei. Auslöser war der Tod der 22-jährigen kurdischen Iranerin Jina Mahsa Amini. Sie war von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch, ihren Hidschab, falsch getragen habe. Laut Berichten starb sie in Polizeigewahrsam durch Misshandlungen.

Ihr Tod entfachte die Bewegung „Zan, Zendegi, Āzādi“ – „Frau, Leben, Freiheit“. Frauen legten öffentlich ihre Hidschabs ab oder verbrannten sie und protestierten gegen das Mullah-Regime. Auch damals reagierte der Staat mit Gewalt.

Tavassoli wurde damals selbst zum Opfer: „Ich wurde geschlagen, weil ich keinen Hidschab getragen habe, es war in den ersten Tagen von ‚Frauen Leben, Freiheit‘ vor drei Jahren. Ich hatte sehr ernste Verletzungen und zwei Operationen. Ich fühlte den Hass. Sie schlugen mich, weil sie mich hassen, weil ich eine Frau bin.“

Die Angriffe hinterließen schwere Spuren. Zunächst malte Tavassoli mit links, bis sie ihre rechte Hand wieder bewegen konnte. Ihre Genesung dauerte lange.

Iranische Künstlerin Jaleh Tavassoli
Iranische Künstlerin Jaleh Tavassoli

Selbst Opfer der Repression

Die körperliche Erfahrung und der Schmerz hätten ihre Kunst nachhaltig verändert. „Malen war für mich wie ein Tagebuch. Ich habe über das Neugeborensein nachgedacht, meine Zukunftsaussichten, den Zustand meines Körpers. Alles in meinem Land hat sich mit den Protesten von ‚Women, Life, Freedom‘ 2022 geändert.“

Der Großteil des Lebens passiere seitdem im Untergrund. „Wir versuchen unser Leben zu leben. Aber draußen in der Öffentlichkeit müssen wir vorsichtig sein. Diese Energie haben sie jetzt auch getötet.“

Ihre Hoffnung richtet sich ausgerechnet auf die Vereinigten Staaten, trotz aller historischen Belastungen. „Du brauchst ein Monster, um ein Monster zu töten. Das ist simpel, traurig und die Wahrheit.“ Sie fürchtet eine weitere Eskalation der Gewalt im Iran.

Ein Monat ihres dreimonatigen Gastvisums im Künstlerbahnhof Ebernburg ist bereits vergangen. Ob sie zurückkehren kann und welches Land sie dann vorfinden wird, ist unklar. Jaleh Tavassoli weiß nicht, ob sie gerettet ist oder gestrandet.

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Erstmals publiziert am
Stand
Reporter/in
Alexander Wasner
Onlinefassung
Katharina Maria Kontny