Vor den „alten Hasen“ im Schauspielgeschäft muss sie sich nicht verstecken – das bescheinigt die Jury des österreichischen Nestroy Preises der noch 24-jährigen Schauspielerin Pauline Großmann.
Sie wurde jüngst mit der wichtigsten Theaterauszeichnung Österreichs als bester Nachwuchs 2025 geehrt. Für ihre Rolle in George Sands „Gabriel“ am Salzburger Landestheater. Frisch von der Uni ist sie jetzt in Stuttgart am Schauspiel Stuttgart in „Hamlet“ zu sehen.
Leipzigerin Großmann ist von München nach Stuttgart gezogen
Mit dicker Mütze über den blonden Locken, auffälligen goldenen Creolen an den Ohren und – ganz entspannt– mit Sneakern, die unter weiten Hosenbeinen hervorgucken, kommt Pauline Großmann überpünklich vor einem alternativen Kult Café im Stuttgarter Süden zum Interviewtermin. Sie nennt es: „ihre neue Nachbarschaft“. Die „Neustuttgarterin“ ist seit dieser Spielzeit fest am Schauspiel engagiert.
„Ich komme aus Leipzig und bin „Ossi“ durch und durch. Immer ein bisschen frech und rotzig“, erzählt sie lachend. Ihr Studium führte sie nach München an die Theaterakademie August Everding.
München war für sie ein totaler Kulturschock. Und Stuttgart sei da die gute Mitte: „Jetzt auch hier in diesem Café, wo wir gerade sind, habe ich das Gefühl, man ist in Leipzig. In der Innenstadt dagegen fühlt es sich an wie München – nur in kleiner. Das hat es mir einfacher gemacht, anzukommen.“
Rolle der Ophelia aus feministischer Sicht erstmal befremdlich
Sie bestellt eine heiße Zitrone, Balsam für die Stimme, die bei den vielen Vorstellungen, die die Schauspielerin gerade spielt, einiges mitmacht.
In den letzten Monaten war viel Herumreisen angesagt. München, Salzburg, Stuttgart. In diesen Tagen ist sie wieder in Lucia Bihlers Inszenierung von „Die Welt im Rücken“ nach dem Roman von Thomas Melle zu sehen. Am Abend steht sie wieder als Ophelia auf der Bühne.
Die Rolle in Shakespeares Stück kommt einer selbstbewussten jungen Frau heute erstmal befremdlich vor, meint Großmann. Ophelia liebt den dänischen Prinzen Hamlet, der ist aber nur davon getrieben, Rache für den Tod seines Vaters zu nehmen und tritt ihre Liebe mit Füßen. Am Ende verfällt Ophelia dem Wahnsinn, wird in den Tod getrieben.
„Wenn ich den Stoff erstmal nur lese, dann ist mein erster Impuls: Das kann ich nicht spielen. Das will ich auch gar nicht spielen“, erklärt Pauline Großmann. Sie habe dann aber versucht, die Rolle mit dem Verständnis anzulegen, dass nicht ein Mann die junge Frau in den Wahsinn stürzt, sondern das ganze patriarchale System.
Pauline Großmanns rebellische Ophelia
Sie will Ophelia nicht als Opfer darstellen, sondern verleiht der Rolle etwas Rebellisches. Ihre Ophelia ist eine Figur im Widerstand, von der das Publikum bis zuletzt glauben soll: „Die wird sowieso am Ende ihr eigenes Ding machen.“ Diese Art der Auslegung und ihre Freiheiten machen die Arbeit auf der Bühne für Großmann auch so spannend.
Nestroy Theaterpreis für Großmanns Rolle in „Gabriel“
Was sofort auffällt, wenn Pauline Großmann über ihre Rollen redet, ist ihre Leidenschaft. Sicher auch einer der Gründe, der ihr den Nestroy Preis für ihre Darstellung in George Sands „Gabriel“ eingebracht hat. In dem Stück aus dem 19. Jahrhundert geht es um gesellschaftliche Konventionen, Geschlechterrollen und die Suche nach Identität.
Freiheit war auch hier das Stichwort: Im Vorfeld habe Großmann sehr viel mit der Regisseurin über die Rolle geredet und einfach ausprobiert. „Sie hat mich einfach machen lassen. Das hat mir das Vertrauen gegeben, dass ich einen guten Zugang zu den Figuren habe, die ich spiele“, so Großmann.
Dadurch habe sie ein größeres Selbstvertrauen gewonnen. Ganz ohne Scham traue sie sich jetzt, mehr Angebote zu machen. „Und ich habe keine Angst mehr vor dem Scheitern."
„Snoopy“ war Pauline Großmanns erste Rolle
Dass es Großmann einmal auf die Theaterbühne zieht, war ihr wohl schon in die Wiege gelegt. Ihre Mutter ist Regisseurin an einem Kinder- und Jugendtheater. Schon mit fünf Jahren begann sie Ballett und Modern Dance zu tanzen und in der Grundschule stand sie dann das erste Mal auf einer Theaterbühne. Ihr Debüt gab sie in „Snoopy“.
Bei dem Film, der Vorlage des Stückes, musste Großmann furchtbar weinen, so gerührt war sie von der Geschichte, in der Charlie Brown von Beagle Snoopy verlassen wird. Das war auch der Grund für ihre Mutter, das Stück auf die Kinderbühne zu bringen. Als eine der Darstellerinnen ausfällt, springt Großmann ein.
„Und ich wollte nie wieder runter von der Bühne“, erinnert sie sich. Die Entscheidung für die Schauspielerei sei die einzige Entscheidung in ihrem Leben, die sie „zu tausend Prozent“ getroffen habe.
Sie macht einfach und schmeißt sich voller Inbrunst in ihre Rollen. Und genauso leidenschaftlich spricht sie auch über ihre Arbeit und steckt an mit ihrer Begeisterung und der Mischung aus verspielter Neugier und reflektierter Auseinandersetzung mit ihren oft komplexen Rollen. Der Nestroy Preis ist für sie eine tolle Bestätigung in ihrer Arbeit.
Pauline Großmann hat Angst vor dem Druck
Sie sei extrem dankbar, sagt Großmann. Dass sie direkt nach ihrem Abschluss ein Engagement in der Tasche hat und parallel noch in Serien wie „High Stakes“ oder „Die Chefin“ auch Fernsehrollen spielen darf, alles nicht selbstverständlich.
Wie viele junge Schauspieler*innen hat sie Zukunftsängste. Dass sie jetzt „der Schauspiel Nachwuchs 2025“ sein soll, Pauline Großmann kann es immer noch nicht glauben.
„Ich hatte große Angst vor der Hamlet Premiere. Weil ich dachte, jetzt mit dem Preis muss ich beweisen, wie gut ich bin. Dass hat viel mit Druck zu tun. Werde ich dem gerecht? Aber dann steht man auf der Bühne und vergisst das alles wieder“, erzählt Großmann.
Pauline Großmann will auch mal den Hamlet spielen
Für die Zukunft hofft die Schauspielerin, in ein paar Jahren als freischaffende Künstlerin arbeiten zu können. Dass sie sich aussuchen kann, wo sie arbeiten kann. Wie so viele hofft sie, auch noch für Serien und Filme drehen zu können und Abwechslung zu haben. Mit Blick auf ihre Rollen auf der Bühne hat sie einen großen Wunsch.
„Ich würde auch gerne mal Hamlet spielen“, sagt Pauline Großmann lachend. Hintergrund ist, dass vor allem bei den klassischen Rollen vor allem die Männerrollen spannend sind, eine ganze Palette an Gefühlen abrufen müssen. Frauenrollen sind oft im Vergleich „flach“ angelegt, überspitzt gesagt lieben sie heftig und sterben dann aber auch schnell.
„Ein Hamlet ist so krass in Kontakt mit seinen Gefühlen“, sagt Pauline Großmann. Sie findet es schön, wenn auch eine Frau die Chance bekommt, solche Rollen zu spielen. Es sei wichtig zu zeigen, dass eine Frau auf der Bühne auch handeln kann und nicht nur „passiv leidet“. Darum wären ihr in vielen Stücken die klassischen Männerrollen lieber als die Frauenrollen.
Ganz eindeutig: Pauline Großmann hat noch viel vor.
Mehr aus dem Schauspiel Stuttgart
Mehr zu Sparmaßnahmen in der Kultur
Einschnitte bei Kultur, Bildung und Sozialem befürchtet Protest im Theater gegen Sparkurs in Stuttgart
Kulturschaffende haben am Samstagabend im Staatstheater gegen den drohenden Sparkurs der Stadt Stuttgart protestiert. Sie fürchten bleibende Schäden bei Kultur, Bildung und Sozialem.
Kultursparmaßnahmen in Stuttgart Protest gegen den geplanten Sparkurs - die Stuttgarter Kulturszene im Widerstand
Sechs Prozent will der Stuttgarter Gemeinderat in 2026 und 2027 im Kulturbereich kürzen. Die Kulturszene macht mobil. Für einige sind die geplanten Kürzungen existenzbedrohend.