„Reborn-Mutter“ auf der Bühne
Eine Frau steht vor einer Wickelkommode. Sie hält ein Reborn-Baby aus Vinyl auf dem Arm, das lebensecht aussieht. Gekonnt dreht und wendet sie sich, bis sie und das Baby im Livestream auf ihrem Handy gut aussehen. Dann spricht sie zu ihrer Community: „Hallo Ihr Lieben, ich hab Euch jemanden mitgebracht. Elia ist 2,8 Kilo schwer und 50 Zentimeter groß.“
In Ihrem Stück „Reborn“ zeigt die Freiburger Performerin Winnie Luzie Burz, wie sich sogenannte „Reborn“-Mütter und Momfluencerinnen auf Youtube und Instagram inszenieren. Sogenannte „Reborn“-Puppen sind lebensechte Nachbildungen von Babys. Auf das Thema stieß sie, als sie im Internet zum Thema Mutterschaft recherchierte.
Burz fand Frauen, die mit ihren Puppen sprechen, auch mal deren Händchen nehmen und damit in die Handy-Kamera winken. Ein Phänomen, das Winnie Luzie Burz auf keinen Fall bewerten will. Als Performance-Künstlerin findet sie es faszinierend, dass die Frauen im Grunde live Puppentheater spielen.
Pathologisch oder ein ganz normales Hobby?
Tatsächlich betonen viele Reborn-Influencerinnen, die Youtube-Kanäle wie „Little Reborn Nursery“ betreiben, dass es sich bei ihren Inszenierungen um reine Rollenspiele handelt. Voller Stolz zeigen sie liebevoll eingerichtete Kinderzimmer, in denen sie ihre „Babys“ wickeln, anziehen und füttern, aufwändig unterlegt mit romantischer Musik.
In ihren Videos erzählen die Reborn-Youtuberinnen, aus welcher Manufaktur ihre Puppen stammen und um welchen Bausatz es sich handelt. Sie geben Tipps für Kleidung und Ausstattung. In die pathologische Ecke wollen sie nicht gesteckt werden: Die Reborns seien für sie kein Kinderersatz, es handele sich vielmehr um ein Hobby wie jedes andere.
Ausgehend von ihrer Recherche zu den hyperrealistischen Baby-Puppen tauchte die Performerin Winnie Luzie Burz immer mehr in die Social-Media-Welt ein. Dazu entwickelte sie gemeinsam mit dem Komponisten und Theatermusiker Johannes Tress ihr aktuelles Bühnenstück, das die weibliche Selbstinszenierung auf digitalen Kanälen reflektiert.
Das Stück hinterfragt, wie alltägliche Szenen in den sozialen Medien aufgeladen werden. Winnie Luzie Burz verhandelt beim alltäglichen Tun auf der Bühne – genauso wie viele echte Influencerinnen – scheinbar tiefschürfende Themen. Für den Text zur Schmink-Szene arbeitete das Künstler-Duo auch mit Künstlicher Intelligenz.
KI liefert bedeutungsschwangeren Pseudo-Text
Sie fütterten die KI mit Theorien über soziale Medien, Schminktechniken und den Zielen ihres Theaterprojekts. Diesen KI-generierten Text trägt die Protagonistin vor, während sie sich schön macht. Die Worte wirken bedeutungsschwanger, obwohl es keine logischen Argumentationslinien und Erkenntnisse gibt, sie existieren nur für das Hier und Jetzt.
Die gesamte Performance wird live gestreamt, das Publikum muss sich entscheiden: Entweder es schaut direkt auf die Bühne – oder aufs Tablet oder Handy, wo das Geschehen zeitversetzt zu sehen ist. Eine gewollte Überforderung, ganz wie im realen Leben. Denn neben der Reizüberflutung stellt sich permanent die Frage, was wahr und was falsch ist.
Soziale Medien bietet kreativen Raum für alle
Performance-Künstler Johannes Tress will den Blick auch auf die künstlerischen Möglichkeiten der sozialen Medien lenken. Viele Ideen seien im wahrsten Sinne des Wortes hausgemacht. „Das ist ja auch eine schöne Botschaft, dass man nicht ein großes Theater braucht und teure Technik, sondern dass im Grunde für jeden ein Gestaltungsspielraum aufgeht.“
Die Performance „Reborn“ thematisiert die omnipräsente Ästhetisierung des Alltäglichen in der digitalen Welt. Winnie Luzie Burz und Johannes Tress präsentieren einen Hybriden aus Figurentheater, Reenactment und LiveStream. Mit ihrem Stück zeigen sie, wie das Theater die Möglichkeiten der sozialen Medien phantasievoll nutzen kann.