Vom Cold Read zum globalen Erfolg

Impro-Theater neu gedacht: Der Autor und Regisseur Nassim Soleimanpour

Theater als kollektive Erfahrung mit ungewissem Ausgang - das ist das Markenzeichen des iranisch-deutschen Dramatikers Nassim Soleimanpour. Sein neues Stück „ECHO“ gastiert am Mainzer Staatstheater und garantiert viele Überraschungsmomente.

Teilen

Stand

Von Autor/in Hannegret Kullmann

Kein Text vorab, keine Proben, nur spontane Anweisungen: Auf dieses Experiment hat sich Schriftsteller Saša Stanišić mutig eingelassen.

Er stand als Hauptdarsteller im Stück „ECHO“ von Nassim Soleimanpour auf der Bühne des Mainzer Staatstheaters. Und Stanišić hat es nicht bereut: Der Abend sei magisch und sehr berührend gewesen.

Doch wer ist der Autor, der hinter dieser Inszenierung steckt? In der internationalen Theaterszene ist der 43-jährige Nassim Soleimanpour ein Shooting Star.

Sein allererstes Stück „White Rabbit Red Rabbit“ wurde 2011 gemeinschaftlich in Großbritannien und Kanada uraufgeführt, während er selbst Tausende von Kilometern entfernt im Iran war.

Als Wehrdienstverweigerer im Iran gefangen

Soleimanpour konnte nicht ausreisen, denn der damals 30-Jährige hatte den Wehrdienst verweigert und infolgedessen keinen Reisepass.

Stellvertretend für sich selbst schickte er einen Theatertext in die Welt, der in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf internationalen Bühnen mittlerweile mehr als 3.000 Mal aufgeführt wurde.

Erstes Theaterstück „White Rabbit Red Rabbit“ wird ein Welterfolg

„White Rabbit Red Rabbit“ ist ein sogenannter „Cold Read“. Das Stück wird jedes Mal von einer anderen Person gespielt, die quasi unvorbereitet auf die Bühne kommt und einen versiegelten Umschlag öffnet.

Im Umschlag befindet sich ein Text des Autors, der weitere Anweisungen und Passagen zum Vorlesen enthält. Das ist der Beginn einer Reise ins Ungewisse...

Szene aus Theaterstück „Echo"
Eine kurze Information für die Schauspielerin oder den Schauspieler auf der Bühne muss genügen, hier aus dem Stück „ECHO“. Studio Doug

Warum? Publikum spielt mit und das Ende des Stücks ist offen. Der Clou: Durch seine Vorgaben und seinen Text ist Nassim Soleimanpour präsent, obwohl er abwesend ist.

Prominente auf der Bühne – von Whoopi Goldberg bis Corinna Harfouch

Das unkonventionelle Impro-Theater scheint auch Promis zu locken: Unter anderem spielten schon Whoopi Goldberg, John Hurt, Corinna Harfouch und Peter Simonischek im „Rabbit".

Illustration zu Theaterstück „Echo": Männliche bunte Figur im freien Fall.
Sich ins Ungewisse fallen lassen: Illustration zu Nassim Soleimanpours Stück „ECHO“. Majid Kashani

„Nassim“ und „ECHO“: Begegnung mit dem Autor

Viele von Soleimanpours Inszenierungen leben vom Überraschungsmoment, so auch „Nassim", das 2018 am Mainzer Staatstheater erstmals auf Deutsch gezeigt wurde.

Das Stück dreht sich um die Themen Fremdheit, Heimat und Sprache. Wieder ein „Cold Read", doch diesmal tritt der Autor selbst als stiller Assistent auf die Bühne – ohne ein Wort zu sagen.

Das Leben kennt doch auch keine Proben, ob Sie ein Date haben, Vater werden oder in den Krieg ziehen.

Rückkehr zur Freiheit und Leben in Berlin

Seit 2013 kann sich Soleimanpour wieder frei bewegen. Weil er seinen Wehrdienst im Iran aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten kann, bekam er seinen Reisepass wieder.

Mittlerweile lebt er in Berlin und betreibt gemeinsam mit seiner Frau eine Produktionsfirma, die er auch Theater-Workshops anbietet.

ECHO: Every Cold-Hearted Oxygen | Malthouse Theatre

„ECHO“ – Theater in Echtzeit

Die Präsenz des Autors in seinen Stücken hat im Laufe der Jahre immer mehr zugenommen: In seiner aktuellen Produktion „ECHO“ wird er per Videoleinwand live zugeschaltet und spricht mit der Bühnenfigur.

Bei Nassim Soleimanpour ist jeder Abend eine Premiere, denn keine Inszenierung gleicht der anderen. Seine Stücke geben einen Rahmen vor, der Raum für Improvisationen und Überraschungen lässt.

Szene aus Theaterstück „Echo"
Der Autor schaltet sich live zu: Szene aus dem Stück „ECHO“ mit der irischen Schauspielerin Fiona Shaw. Manuel Harlan

Sowohl die Darsteller als auch das Publikum wissen bei Soleimanpours Stücken nicht, was sie erwartet: Auf jeden Fall garantiert sind echte, nicht wiederholbare Live-Momente.

Hausbesuch Humorvoll und wandlungsfähig: Die Mainzer Schauspielerin Anika Baumann

Anika Baumann gehört seit zehn Jahren zum Schauspiel-Ensemble des Staatstheaters Mainz. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat sie 2019 das Stück „Sophia, der Tod und ich“ entwickelt, in dem sie immer noch mitspielt und das dem Theater bis heute ausverkaufte Vorstellungen beschert. Anika Baumann steht aber auch vor der Kamera: Zuletzt spielte sie die Hauptkommissarin Julia Schröder in der ZDF-Serie „Der Staatsanwalt“.

SWR Kultur am Samstagnachmittag SWR Kultur

Bruchsal

100 Jahre deutsche Geschichte „Heimsuchung“ nach Jenny Erpenbeck bei der Badischen Landesbühne Bruchsal

„Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck komprimiert 100 Jahre deutsche Geschichte auf ein Haus in Brandenburg. Die Bühnenadaption in Bruchsal ist eine surreale Zeitreise.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur