Wie kann es passieren, dass ganz normale Männer in ein Haus gehen und eine betäubte Frau vergewaltigen? Diese Frage ergründet der Schweizer Regisseur Milo Rau im Rahmen der Wiener Festwochen in „Der Prozess Pelicot“. Die Lesung wird am 18. Juni in der Wiener Pfarrkirche St. Elisabeth stattfinden und im Livestream auf YouTube übertragen.
Im Fall Pelicot standen 51 Männer vor Gericht, unter ihnen Dominique Pelicot, der Ehemann der Geschädigten Gisèle Pelicot. Nahezu zehn Jahre lang betäubte er seine Frau mehrfach unter Einsatz starker Medikamente und lud mindestens 82 Männer in das gemeinsame Haus in der französischen Kleinstadt Mazan ein, die seine bewusstlose Frau vergewaltigten. Diese Männer, erklärt Rau im Gespräch mit SWR Kultur, stammten aus allen sozialen Schichten und Altersstufen.
Milo Rau interessiert vor allem, was die Männer zu ihrer Tat bewegt hat. „Das waren keine psychotischen Straftäter“, so Rau, „das waren ganz normale Männer“.
Große Unterstützung durch die Familie Pelicot
Aus tausenden Seiten an Notizen, basierend auf Mitschriften von Journalist*innen, Chatverläufen und Gesprächsprotokollen, versuchte Rau eine Rekonstruktion des Falls. Das Ergebnis ist eine Lesung von sieben Stunden Länge.
Die Familie von Gisèle Pelicot und ihre Anwälte seien sofort bereit gewesen, sein Projekt zu unterstützen, erinnert sich Rau. Ihr Anliegen: Das Leiden, das Pelicot durchlebt hat, müsse öffentlich gemacht werden.
Für Rau zeichnet der Fall ein Bild der spätkapitalistischen Internet-Gesellschaft. Wie keine Gesellschaft zuvor haben wir uns angewöhnt, zwischenmenschliche Beziehungen über Bildschirme zu leben, findet Rau. Es ist nicht das erste Mal, dass der Regisseur gesellschaftliche Themen künstlerisch als Gerichtsprozess aufarbeitet: „Die Moskauer Prozesse“ von 2014 behandelte etwa drei Strafverfahren gegen russische Kuratoren und Künstlerinnen, darunter der Pussy-Riot-Prozess.