Manns Roman auf der Bühne

Absolut sehenswert: „Buddenbrooks“ am Schauspiel Stuttgart

Ein spielfreudiges Ensemble bringt am Schauspiel Stuttgart „Buddenbrooks“ nach dem Roman von Thomas Mann auf die Bühne. John von Düffel hat eigens für Stuttgart eine neue Fassung des Stoffs geschrieben. Der pralle dreistündige Theaterabend ist absolut sehenswert.

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Von Autor/in Karin Gramling

In John von Düffels vielschichtigen Stück steht neben dem wirtschaftlichen Niedergang vor allem der Konflikt zwischen den Geschwistern Thomas, Christian und Tony Buddenbrook im Mittelpunkt. Damit zeigt die Inszenierung, wie schwer es bis heute ist, sich den Erwartungen und Vorstellungen der eigenen Familie zu entziehen.

Felix Jordan (Hanno Buddenbrook), Celina Rongen (Tony Buddenbrook)
Hanno Buddenbrook (Felix Jordan), der letzte Spross der Buddenbrooks, sitzt im blauen Pyjama am Bühnenrand und blättert im Familienbuch der alteingesessenen Kaufmannsfamilie.  Rechts: Tony Buddenbrook (Celina Rongen)

Die kaufmännischen Grundsätze der Familie ziehen nicht mehr

Rückblickend erzählt Hanno den Niedergang der Buddenbrooks.  Im Mittelpunkt stehen dabei sein Vater Thomas, dessen Geschwister Christian und Antonie, genannt Tony.

Geschickt verbindet Regisseurin Amélie Niermeyer diesen Erzählfluss mit den Spielszenen. Wenn die Geschwister im Jugendalter zum Beispiel auf der Bühne herumlümmeln und die längst überkommenen kaufmännischen Grundsätze des Firmengründers zitieren: 

„Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht ruhig schlafen können. Wie oft ich das schon von Papa gehört habe. Und jedes Mal klingt es falscher. Sie sind weder mit Lust bei der Arbeit, noch können sie ruhig schlafen. Sie haben Angst.“

Rainer Galke (Thomas Buddenbrook), Tim Bülow (Christian Buddenbrook), Sven Prietz (Bendix Grünlich), Celina Rongen (Tony Buddenbrook)
Thomas (Rainer Galke) und Christian Buddenbrook (Tim Bülow sehen zu, wie Bendix Grünlich (Sven Prietz) ihrer Schwester Tony (Celina Rongen) den Hof macht.

Angst vor dem Abstieg

Angst,in wirtschaftlich schwierigen Zeiten abzusteigen – eine Frage, die auch gegenwärtig  wieder relevant ist. Die vielschichtige Inszenierung schält dabei besonders eindrücklich die Charaktere der drei Geschwister heraus.

Tom ist es, der letzten Schwung in die Geschäfte bringt, am Ende aber doch scheitert. Christian, der Hypochonder und Lebemann, bricht lieber aus und taucht in die Theaterwelt ab.

Und Tony, die pragmatische Schwester, fügt sich allen bürgerlichen Konventionen, nur um später aufzubegehren, als sie auch ihren zweiten Mann, einen bayrischen Hopfenhändler, verlässt. Tom fürchtet deshalb einen weiteren gesellschaftlichen Skandal.

Celina Rongen (Tony Buddenbrook), Rainer Galke (Thomas Buddenbrook)
Thomas (Rainer Galke) fürchtet den Skandal, als seine bereits geschiedene Schwester Tony (Celina Rongen) ihren zweiten Mann Alois Permaneder den Laufpass gibt.

Spielfreudiges Ensemble, keine angestaubten Rollenklischees

Großartig wie Celina Rongen ihre Tony selbstbewusst in die Gegenwart holt. Ganz frisch gespielt, mit komödiantischem Talent, wenn sie den bayrischen Dialekt nachahmt, aber auch mit großer Tiefe. Um mit angestaubten Rollenbildern zu brechen, besetzt Amélie Niermeyer den alten Konsul mit der Schauspielerin Anke Schubert.

Insgesamt lotet das spielfreudige Ensemble sehr eindrücklich aus, wie bürgerliche Vorstellungen die Nachkommen in einer Familie prägen – und wie schwer es auch heute noch ist, diesen zu entfliehen. Alle konkurrieren dabei letztlich um Liebe und Anerkennung. Und verzweifeln letztlich daran.

Szene aus: Buddenbrooks, In einer Neufassung von John von Düffel
Verfall einer Familie: Thomas Mann verarbeitete in der Geschichte der Lübecker Kaufmannsfamilie verschiedene Schicksale aus seinem eigenen Verwandtenkreis.

Fantastisches Bühnenbild vom preisgekrönten Christian Schmidt

Für das Familiendrama hat der vielfach preisgekrönte Christian Schmidt ein fantastisches Bühnenbild entworfen. Eine schnörkellose Villa in kalter Betonoptik, spartanisch möbliert. Die Wände mit ausgeschnittenen kleinen und riesigen Kreisen, in denen das Ensemble sitzt, sich fläzt oder auch miteinander ringt.

Im Spiel mit Licht und Schatten entstehen so auf der Drehbühne eindrückliche Bilder. Ein praller dreistündiger Theaterabend – absolut sehenswert.

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Autor/in
Karin Gramling