In John von Düffels vielschichtigen Stück steht neben dem wirtschaftlichen Niedergang vor allem der Konflikt zwischen den Geschwistern Thomas, Christian und Tony Buddenbrook im Mittelpunkt. Damit zeigt die Inszenierung, wie schwer es bis heute ist, sich den Erwartungen und Vorstellungen der eigenen Familie zu entziehen.
Die kaufmännischen Grundsätze der Familie ziehen nicht mehr
Rückblickend erzählt Hanno den Niedergang der Buddenbrooks. Im Mittelpunkt stehen dabei sein Vater Thomas, dessen Geschwister Christian und Antonie, genannt Tony.
Geschickt verbindet Regisseurin Amélie Niermeyer diesen Erzählfluss mit den Spielszenen. Wenn die Geschwister im Jugendalter zum Beispiel auf der Bühne herumlümmeln und die längst überkommenen kaufmännischen Grundsätze des Firmengründers zitieren:
„Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht ruhig schlafen können. Wie oft ich das schon von Papa gehört habe. Und jedes Mal klingt es falscher. Sie sind weder mit Lust bei der Arbeit, noch können sie ruhig schlafen. Sie haben Angst.“
Angst vor dem Abstieg
Angst,in wirtschaftlich schwierigen Zeiten abzusteigen – eine Frage, die auch gegenwärtig wieder relevant ist. Die vielschichtige Inszenierung schält dabei besonders eindrücklich die Charaktere der drei Geschwister heraus.
Tom ist es, der letzten Schwung in die Geschäfte bringt, am Ende aber doch scheitert. Christian, der Hypochonder und Lebemann, bricht lieber aus und taucht in die Theaterwelt ab.
Und Tony, die pragmatische Schwester, fügt sich allen bürgerlichen Konventionen, nur um später aufzubegehren, als sie auch ihren zweiten Mann, einen bayrischen Hopfenhändler, verlässt. Tom fürchtet deshalb einen weiteren gesellschaftlichen Skandal.
Spielfreudiges Ensemble, keine angestaubten Rollenklischees
Großartig wie Celina Rongen ihre Tony selbstbewusst in die Gegenwart holt. Ganz frisch gespielt, mit komödiantischem Talent, wenn sie den bayrischen Dialekt nachahmt, aber auch mit großer Tiefe. Um mit angestaubten Rollenbildern zu brechen, besetzt Amélie Niermeyer den alten Konsul mit der Schauspielerin Anke Schubert.
Insgesamt lotet das spielfreudige Ensemble sehr eindrücklich aus, wie bürgerliche Vorstellungen die Nachkommen in einer Familie prägen – und wie schwer es auch heute noch ist, diesen zu entfliehen. Alle konkurrieren dabei letztlich um Liebe und Anerkennung. Und verzweifeln letztlich daran.
Fantastisches Bühnenbild vom preisgekrönten Christian Schmidt
Für das Familiendrama hat der vielfach preisgekrönte Christian Schmidt ein fantastisches Bühnenbild entworfen. Eine schnörkellose Villa in kalter Betonoptik, spartanisch möbliert. Die Wände mit ausgeschnittenen kleinen und riesigen Kreisen, in denen das Ensemble sitzt, sich fläzt oder auch miteinander ringt.
Im Spiel mit Licht und Schatten entstehen so auf der Drehbühne eindrückliche Bilder. Ein praller dreistündiger Theaterabend – absolut sehenswert.