Der 80-jährige Segev lobt im Interview grundsätzlich das deutsch-israelische Verhältnis: „Ich glaube, dass die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland den deutschen Grundinteressen entspricht.“ Die umgekehrte Perspektive sei aber für eine Beurteilung des Verhältnisses ebenso wichtig: „Deutschland ist für Israel das zweitwichtigste Land geworden, nach Amerika.“
Feature Bedingungslose Solidarität mit Israel? – Die wachsende Kritik an der deutschen Staatsräson
Was in Gaza geschieht, reibt auch viele in Deutschland auf. Manuel Gogos hat den Diskurs nach dem 7. Oktober verfolgt und mit Menschen gesprochen, die selbst von den Ereignissen betroffen sind.
Von Manuel Gogos
Ist Deutschland zu passiv?
Segev kritisiert jedoch, dass sich die Bundesregierung im aktuellen Krieg Israels gegen die Hamas-Terrororganisation im Gazastreifen zu passiv verhalte. Deutschland könne von Israel und seiner Regierung deutlich mehr verlangen.
Wörtlich meint er im SWR-Interview: „Seit vielen Jahren unterdrücken wir die Menschenrechte der Palästinenser und die Deutschen tun zu wenig.“
„Ich denke, dass man mehr tun sollte“
Nach Segevs Ansicht muss die Bundesregierung schärfer protestieren gegen das militärische Vorgehen Israels in dem Küstenstreifen. In diesem Konflikt sei der Versuch, ausgewogen zu reagieren sinnlos.
„Ich denke, dass man mehr tun sollte, dass die Palästinenser am Leben bleiben“, so Segev – und weiter: „Die Kinder, die in Gaza umgekommen sind – über 1.000 Kinder – die brauchen Hilfe.“
Israel ist für Druck empfindlich
Segev argumentiert, Israel sei ungeheuer empfindlich für Druck von anderen Ländern. Das zeige auch die Reaktion der Regierung Netanjahu auf die Politik der USA. Segev bilanziert den Einfluss Deutschlands: „Ich hatte immer den Eindruck, dass Deutschland viel zu zurückhaltend ist.“
Tom Segev wurde 1945 in Jerusalem als Sohn jüdischer Einwanderer aus Deutschland geboren. Er hat Geschichte und Politik in Jerusalem und in Boston studiert. Er war in den 1970er-Jahren Deutschland-Korrespondent der Tageszeitung „Ma'ariv“. Seine Erinnerung betitelte er 2022 mit „Jerusalem Ecke Berlin“.