Szenen des Unbehagens
Die Autorin Kay Dick braucht nicht viel, um in ihren Leserinnen und Lesern das Unbehagen aus dem Untertitel ihres schmalen Buches hervorzurufen. Künstler, die an der schönen Küste Englands leben, gehen ihren Beschäftigungen nach, aber über allem hängt ein Hauch des Abschieds, als wäre es das letzte Mal.
Eine Malerin malt, ein Mann sitzt am Klavier und versucht, sich an ein Musikstück zu erinnern. Die Noten hat er nicht mehr. Als die Ich-Erzählerin nach Hause kommt, fehlt wieder ein Buch im Regal. Die Tür schließt sie schon nicht mehr ab: Es hat keinen Sinn, „sie“ auszusperren. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist sich zu erinnern.
Eine einst schimmernde, dann vergessene Frau
Kay Dick wurde 1915 in London geboren. Die Mutter zog sie in der Schweiz auf, ihr Vater war unbekannt. Ihren Nachnamen hat sie von ihrem Adoptivvater, den die Mutter heiratete, als Kay sieben Jahre alt war. Nach ihrer Schulausbildung arbeitete sie zunächst in einem Londoner Buchladen und wurde mit Mitte zwanzig zur jüngsten Verlegerin Englands.
Kay Dick schrieb Romane und arbeitete als Journalistin. „SIE“ erschien 1977 und obwohl die Autorin damit den South-East Arts literature prize gewann, erhielt sie einige harsche Kritiken und das Buch floppte. Es geriet in Vergessenheit – ebenso wie Kay Dick, die 2001 verstarb.
Erstaunlich aktuelle Wiederentdeckung
Erst 2022 erschien „SIE“ auch auf Deutsch, in der Übersetzung von Kathrin Razum und mit einem Nachwort der österreichischen Schriftsteller Eva Menasse. In diesem Text, der kein Roman ist, sondern vielmehr eine Sammlung von traumartigen Szenen, gehe es, so Eva Menasse, ebenso um eine Bedrohung wie um die Frage, wie man mit ihr umgehe.
Nicht nur die Zensur sei gefährlich, sondern der sie antizipierende, vorauseilende Gehorsam. Die Autorin erklärt, wie der gut gemeinte Versuch, die Welt durch Verbote zu einem besseren Ort zu machen, durch striktes Schwarz-Weiß-Denken ins Extrem rutschen und dadurch das Gegenteil bewirken kann.
Hendrika de Kramer ist Puppenspielerin am Theater Koblenz
Puppen für Leichtigkeit
Ausgerechnet diesen recht schweren Text, der dennoch nicht ohne Hoffnung bleibt, setzt das Theater Koblenz nun in seiner Puppenspielsparte um. Mit einfachen, fließenden Bewegungen können die Puppen Bilder schaffen, die der Schwere entgegenwirken, sagt die Puppenspielerin Hendrika de Kramer. Seit 2017 gehört sie zum Koblenzer Ensemble.
Auch Hendrika de Kramer sieht in „SIE“ viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit. Fans dystopischer Literatur à la George Orwell („1984“) oder Anthony Burgess („A Clockwork Orange“) kämen hier voll auf ihre Kosten. Mit den Puppen bringen sie eine Collage aus Material, Musik und Projektionen auf die Bühne, die ideal für den Text mit seiner offenen Struktur ist.
Puppenspieler haben einen speziellen Blick auf die Welt
Puppenspielerinnen wie Hendrika de Kramer agieren auf verschiedenen Ebenen: Überall entdeckt sie Material, das für den Bau einer neuen Puppe geeignet sein könnte – etwa einen kaputten Regenschirm. Zudem ist es ein körperlich anstrengender Beruf: Manche Puppen sind schwer oder brauchen beim Führen vollen Körpereinsatz. Und schließlich steht sie beim offenen Spiel gemeinsam mit der Puppe auf der Bühne und ergänzt sie.
Da die Puppen keine eigene Mimik haben, können wir das natürlich ein bisschen mit Seele füllen.
Im Idealfall schaut das Publikum aber nur auf die Puppe und vergisst den Menschen, der sie führt. Dabei ist der Blick der Puppe das Wichtigste: Wenn dieser in die richtige Richtung geht, dann geschieht das Magische: Die Puppe sieht einen Menschen an und dieser fühlt sich wirklich gemeint.