Staatsoper Stuttgart

Anarchie im Fuchsbau: „Die schlaue Füchsin“ begeistert an der Staatsoper Stuttgart

Hymnische Naturklänge und ein triumphales Staatsorchester: Die Neuinszenierung von Leoš Janáčeks Oper begeistert mit einem glanzvollen Ensemblespiel über Tier und Mensch.

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Von Autor/in Bernd Künzig

Man kennt die Oper als „Das schlaue Füchslein“. Doch nicht ganz zu Unrecht vermeidet die Staatsoper in Stuttgart Verniedlichung in Leoš Janáčeks Musiktheater über das Wechselverhältnis von Tier und Mensch, von zivilisatorischem Zwang und natürlicher Freiheit.

Sie betitelt die Oper in genauerer Übersetzung als „Die schlaue Füchsin“. Es ist die dritte Produktion von Regisseur Stephan Kimmig an der Staatsoper Stuttgart und als Dirigentin debütiert Ariane Matiakh am Pult des Staatsorchesters. 

Keine Tierfabel: Wechselverhältnis von Natur und Mensch

Der Komponist Leoš Janáček war ein Zeitgenosse Franz Kafkas. Im Werk des Schriftstellers taucht immer wieder etwas auf, von dem die Oper „Die schlaue Füchsin“ eigentlich handelt: das Tierwerden.

Die schlaue Füchsin von Leoš Janáček an der Staatsoper Stuttgart
Claudia Muschio (Füchsin)

An der Staatsoper Stuttgart hat Regisseur Stephan Kimmig das vollkommen richtig gesehen: Diese Oper ist keine Tierfabel, sondern das auskomponierte Wechselverhältnis von Tier und Mensch, Mensch und Natur, das Tierische im Menschen und das Menschliche im Tier.

Keine unkomplizierte Beziehung, sondern eine auf Leben und Tod. Und letztlich auch eine des Begehrens und der Zerstörung. Im Hintergrund der Bühne von Katja Haß ist die getrennte Natur abgestorbener Bäume zu sehen, eine Wüstenei, aus der fremdartige Wesen mit Leuchtaugen herüberblicken.

Der Raum selbst ein Fuchsbau mit Löchern zu Tunneleingängen, den man sich gemütlich machen kann. Es geht ums Domestizieren. Der Förster bringt die junge Füchsin in den Bau und sie verbreitet die Anarchie des Undomestizierten. Die Hennen als Haussklavinnen hetzt sie vergeblich gegen den Machogockel auf und reist den Unemanzipierten ihre falschen Federn herunter.

Die schlaue Füchsin von Leoš Janáček an der Staatsoper Stuttgart
Ida Ränzlöv (Fuchs), Claudia Muschio (Füchsin), Catriona Smith (Schopfhenne), Kinderchor der Staatsoper Stuttgart

Begehren einer anarchischen Weiblichkeit

Die Menschen, der Förster, der Lehrer und der Pfarrer sehnen sich nach dem Undomestizierten, das sich ihnen im Natürlichen offenbart. Ihr Begehren projizieren sie auf ein anarchisch Weibliches, das sich in der nicht erreichbaren, umherziehenden Terynka verkörpert.

Am Ende bekommt sie der Brutalste von ihnen ab, der Wilderer Harasta. Er schießt die Füchsin tot. Einen Muff will er für Terynka haben, um sich damit weibliche Freiheit gefügig zu machen. Die Vergänglichkeit beklagt der Förster, der sich der Natur anverwandeln will und schon die Hose des Fuchses trägt.

Im Triumph der sich erneuernden Natur, wo der Frosch des Anfangs in seinem Enkel wiederkehrt, steht auch die tote Füchsin wieder auf, während der Förster wie ein Gekreuzigter an der Wand des Fuchsbaus niedersinkt.

Die schlaue Füchsin von Leoš Janáček an der Staatsoper Stuttgart
Michael Nagl (Haraschta), Claudia Muschio (Füchsin)

Wilder Sex auf heimeligem Sofa

Das sind alles wunderbar gestaltete Szenarien durchlässiger Grenzen zwischen dem Kreatürlichen und dem Zivilisatorischen als existenzieller, überzeitlicher Wahrheit. Selbst Fuchs und Füchsin können sich dem nicht entziehen, wenn sie auf dem ganz heimelig bereiteten Sofa den wildesten Sex haben, aus dem gleich eine ganze Fuchsschar hervorspringt.

Und das Ganze ist dazu noch stylisch in den fantastischen Kostümen von Anja Rabes, die das Tierische ins modische Raffinement verwandeln. Da verkörpert sich die Sehnsucht nach dem undomestiziert Ursprünglichen, das zugleich unerreichbar bleibt. Wir können uns nur kostümieren.

Triumph des Staatsorchesters und hymnische Klänge

Ganz erreichbar sind aber Janáčeks hymnische Naturklänge. Die Aufführung wartet mit einem fabelhaften und homogenen Ensemble auf. Claudia Muschio spielt und singt glasklar mit lustvoller Anarchie die Füchsin Schlaukopf. Ihre füchsische Partnerin ist Ida Ränzlöv, die dunkel timbrierte Verführung des Naturkinds.

Pawel Konik ist ein Förster zwischen Gewalt, Begehren und kosmischer Melancholie, der mit träumerischem Bariton auch den gibt, bei dem man nicht weiß, ist’s Traum, ist’s Wirklichkeit. Der Lehrer von Moritz Kallenberg ist in seiner unbeholfenen Sehnsucht nach Terynka ungemein berührend.

Und schließlich ist es der Triumph des Staatsorchesters, das mit Hingabe ungemein schön spielend wie lange nicht mehr der Dirigentin Ariane Matiakh folgt, die sich Janáčeks Partitur zwischen gespielter Einfachheit und Komplexität perfekt einverleibt hat. Ein zu Recht umjubelter Abend an der Staatsoper Stuttgart.

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