Eine Brücke zwischen Portugal und Rheinhessen
Neun Tänzer und Tänzerinnen in bordeauxfarbenen Trikots, kurzen Jäckchen und Strumpfhosen tippeln in der Gruppe fast auf der Stelle, sind mit rhythmischen Bewegungen im Einklang. Sie sehen in bisschen aus wie eine große Weintraube mit vielen saftigen Beeren, die bald zu einem schmackhaften Merlot verarbeitet werden könnten.
Der Radius des Ensembles wird immer größer. Es entsteht ein Kreis und eine Art Kosakentanz. In „Sugar Rush“ thematisiert Marco da Silva Ferreira das traditionelle Zertreten der Trauben und stellt damit eine Brücke zwischen seiner portugiesischen Heimat und der Weinkultur Rheinhessens her.
Zwischen Anstrengung, Ekstase und Genuss
Der Titel „Sugar Rush“, so erklärt es Choreograf Marco da Silva Ferreira, sei ihm in den Sinn gekommen, weil er sich mit dem Rausch auseinandersetzen wollte, den man etwa beim Weintrinken bisweilen erlebt.
Ich wollte von einem gemeinschaftlichen Ritual ausgehen, das alljährlich stattfindet. Und ich wollte zeigen, wie der Tanz die kollektive körperliche Anstrengung in puren Genuss verwandeln kann.
Dieser „Sugar Rush“ wird im Laufe der Choreografie zu einer rauschhaften Ekstase, bei der Ferreira energetisch aufgeladenen Urban Dance mit traditioneller Folklore und klassischen Elementen verwebt. 55 Minuten purer Tanz, kraftvoll, physisch und intensiv.
Sprühende Energie von allen Seiten
Das Ensemble Tanzmainz zeigt sich in hervorragender Form. Ein kurzfristiger Ausfall einer Tänzerin wurde kurzerhand mit dem choreografischen Assistenten Max Nakowski kompensiert, der mit seiner Bühnenpräsenz ein echter Hingucker war.
Die pulsierende Musik des portugiesischen Komponisten Luis Pestana ist treibende Kraft der mitreißenden Choreografie. Der Hintergrund besteht aus bühnenhohen Vorhängen mit ineinanderfließenden Farben, die das Treiben der Tänzer zu spiegeln scheinen. Der sprühenden Energie der Choreografie kann man sich kaum entziehen.
Die Gefahr des Rausches in Obstform
Doch es ist nicht nur einfach illustrer Tanz. Der Rausch nimmt nach und nach überhand. Die Tänzer schreien herum und schmieren sich Obst ins Gesicht, das auf einer Art Erntedank-Wagen angerollt kommt.
„Es gibt noch eine weitere Ebene in diesem Stück“, erklärt der Choreograf. „Jene, in der die Schnelligkeit und Gefahr eines Rausches lauert und die Körper ins Extreme gehen. Und zudem gibt es eine Ebene des Geheimnisvollen.“
Ein bisschen „Bolero“, ein bisschen „Sacre du Printemps“
Trotz dieser Erklärung des Choreografen kippt das Werk am Ende. Wenn eine Tänzerin, die einen ansehnlichen Bauch vor sich herträgt, plötzlich eine halbe Melone gebiert, die dann genüsslich schlabbernd verspeist wird, ist das doch etwas zu dick aufgetragen.
Ein bunter, aber nicht überzeugender Schluss einer Choreografie, die zwischendrin sowohl an den rhythmischen Sog des „Bolero“ erinnert, als auch an den einnehmenden Zauber des „Sacre du Printemps“. Insgesamt ein kurzweiliger Tanzabend, der einen gut gelaunt bis kichernd entlässt – auf die Sommerparty im Anschluss.
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