Die immerwährende Gegenwärtigkeit des Krieges im Zentrum
Die Aufführung setzt ein am Vorabend des ersten Weltkriegs: Auf einen rostbraunen, gut und gerne fünf Meter hohen Kubus in der Mitte der ansonsten weitegehend leeren Bühne, werden Faksimiles von Zeitungstitelseiten aus dem Juni 1914 projiziert; die entsprechenden Schlagzeilen aber ruft kein Zeitungsverkäufer im historischen Kostüm aus, sondern eine Reporterin mit Mikrophon und Kamera, wie wir sie aus dem Fernsehen heute kennen.
Damit ist von Anfang an klar: Hier geht es ums Grundsätzliche, Überzeitliche. Dušan David Pařízek will in seiner Inszenierung nicht allein aus der Geschichte erzählen, sondern vor allem von der immerwährenden Gegenwärtigkeit des Krieges.
Verrohung der Sprache wird aufgezeigt
Im Krieg, so die bittere Erfahrung, stirbt als erstes die Wahrheit. Das ist auch die Quintessenz von „Die letzten Tage der Menschheit“, diesem Theaterstück gewordenen Weltkriegs-Wimmelbild mit rund 200 verschiedenen Schauplätzen, zwischen Schützengraben und Heimatfront.
Neben der Brutalität des Krieges führt Karl Kraus vor allem die Verrohung der Sprache vor: Die schamlosen Lügen zum Zwecke der Propaganda; die verbale Aufrüstung nicht nur gegen den Feind, sondern auch gegen Andersdenkende im eigenen Land; die unsägliche Verklärung des Heldentods im Dienst des Vaterlands.
Parallelen auf die heutige Zeit
„Am Anfang war das Wort. Am Ende steht die Phrase“ notierte Karl Kraus im Vorwort zu seinem Stück, in das er sich selbstironisch als „der Nörgler“ mit hineingeschrieben hat.
Dušan David Pařízek ergänzt den Text des Nörglers um Passagen aus besagtem Vorwort und stellt ihm sechs Charaktere gegenüber, für die der Regisseur jeweils eine Reihe von Figuren aus dem Stück, die ähnliche Ansichten und Positionen vertreten, zu Prototypen zusammengefasst hat.
Da gibt es zum Beispiel den kriegsbesoffenen Hurra-Patrioten, den fanatischen Feldprediger, oder den populistischen Politiker.
Wenn wir an der Macht sind, entscheiden wir, was geschrieben wird.
In Allmachtsphantasien wie diesen sind unschwer die feuchten Träume fake-news-verbreitender Antidemokraten unsere Tage wiederzuerkennen.
Kaum überraschende Erkenntnisse
Pařízeks Plan, mit Karl Kraus über 100 Jahre alten Stück vom moralischen Verfall der Gesellschaft heute zu erzählen, geht also durchaus auf. Nur: So richtig das alles ist, so offensichtlich ist es auch.
Die Inszenierung hält kaum je eine überraschende Erkenntnis bereit; keine Einsichten, die das eigene Denken herausfordern würde – außer vielleicht bei Anhänger rechtspopulistischer Parteien. Die aber dürften im Theaterpublikum eher selten anzutreffen sein.
Tolles Ensemble
Kurzum, Pařízek betreibt viel Aufwand für wenig Ertrag. Peter Fasching sorgt live auf der Bühne mit E-Gitarre, Donnerblech, Alphorn und Sounds aus dem Laptop für die dem Monumentaldrama angemessene Bombast-Klang-Kulisse.
Das Ensemble wirft sich ins Zeug und scheut dabei auch nicht – durchaus im Sinne von Karl Kraus – die satirische Überzeichnung. Michael Maertens etwa ist als schmierig-skrupelloser Politiker paradebesetzt.
Ebenso Dörte Lyssewski als opportunistische Schauspiel-Diva. Aber letztlich dienen alle Kunst und alles Können am Ende nicht dazu, irgendetwas Entscheidendes über das hinaus zu erzählen, was der Abend bereits innerhalb der ersten paar Minuten erzählt hat.
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Karl Kraus war Satiriker, Journalist, Dichter, Schriftsteller von erstaunlicher Produktivität. Seine Zeitung „Die Fackel“ füllte er viele Jahre allein, 30.000 Seiten umfasst sie. Er war hellsichtiger Zeitdiagnostiker und liefert bis heute Zitate für schlicht alles. Sein Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“ erfordert ein paar hundert Schauspieler und wird entweder gar nicht oder als ironisch gebrochener Monolog gelesen. Es geht darin um den ersten Weltkrieg und das dunkle Gefühl einer globalen Bedrohung. Was kann man von Karl Kraus 150 Jahre nach seiner Geburt in Wien heute noch lernen? Alexander Wasner diskutiert mit
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