Stuttgarter Band Mondo Sangue liebt trashige Effekte
Die junge Frau am Steuer des Jaguar E lässt ihr rotes Haar im Fahrtwind flattern. Kurz schaut sie sich um nach ihren Verfolgern und ballert lässig aus einer kleinen Pistole. An ihrer Hand glitzert ein gewaltiger Klunker, den sie kurz zuvor aus einem Museum geklaut hat.
Willkommen im Musikvideo „Diamantik“ vom Stuttgarter Spaß-Guerilla-Pop-Duo Mondo Sangue. Diese Konzeptband produziert Musik zu imaginären B-Movies der 1960er Jahre – wahlweise im Stil von Gangster-, Agenten-, Horror-, Science-Fiction oder Wildwest-Streifen. Hauptsache es raucht und die betont billigen Effekte machen so richtig Spaß, erklärt Sängerin Ivy Pop.
Alles ist möglich im Musikvideo
Der trashige Clip ist einer von 15 Kandidaten auf der Shortlist zum baden-württembergischen Musikvideo-Preis „Buggles Award“. Der ist höchst unterhaltsam, weil er eine enorme Spannbreite von Stilen abbildet.
„Gerade am Mondo-Sangue-Musikvideo ist zu erkennen, dass das Format Musikvideo auch den Reiz hat, dass alles möglich und erlaubt ist“, erklärt Thi Bui, Stuttgarter Filmemacher und Musikvideo-Spezialist. „Diese Idee: So muss ein Musikvideo sein – die gibt es einfach nicht.“
Kommerz spielt fast keine Rolle mehr
Unter den 15 nominierten Videos finden sich Trick- und Realfilm, analog und digital, mal perfekt ausgeleuchtet, mal dilettantisch verwackelt. Der Niedergang des einstigen Marktführers MTV bekräftigt hier: Kommerz spielt fast keine Rolle mehr.
Musikvideo heute ist künstlerische Praxis samt Medien-Kritik. „Es wird immer mehr und sehr überspitzt über die Produktionsbedingungen reflektiert. Das ist, was Film macht: über die Welt und ihre Rahmenbedinungen reflektieren“, sagt Giovanna Thiery vom Filmwinter Stuttgart, einem Mitveranstalter des Wettbewerbs.
Ildikó spielt mit aufgeblasenen Macho-Klischees
Ausgesprochen ironisch tut das zum Beispiel die Stuttgarter Rapperin Ildikó. Ihr Video zu
“All Glock No Cock” ist am Bildrand mit Emojis zugekleistert und die Protagonistin stolpert im übergroßen Männeranzug durch banale Drehorte.
Der Text aber hat es in sich: Vom Bankraub über die dicke Wumme bis zum Riesen-Penis. Ildikó bläst Macho-Klischees auf zu absurder Übergröße. „Was wiederum auch eine Referenz ist zu oft benutzten Manierismen in Rap- oder Hip-Hop-Musikvideos, gerade mit so männlich dominierten Begriffen wie Cock“, analysiert Thi Bui.
Clips gegen die gefühlte Machtlosigkeit
Die Auswahl der nominierten Clips treffen die beiden Veranstalter Pop-Büro und Filmwinter gemeinsam, es geht also um die Songs und deren Visualisierung. Und auf beiden Ebenen wirken etliche Beiträge düster, traurig und depressiv.
Wahrscheinlich ein Echo der gefühlten Überforderung durch multiple Krisen, vermutet auch Thi Bui: „Aber Musik und Filmschaffen bieten Möglichkeiten, unserer Stimme eine Plattform zu geben, Gehör zu verschaffen.“
„Musikvideos heute ist: Einfach Machen!“
Und da kommen dann wieder die schier endlosen Möglichkeiten von digitaler Technik ins Spiel. Sie ermöglichen es fast jedem kreativ Entschlossenen heute, einen Clip nach eigenem Geschmack zu produzieren.
So wie Ivy Pop von Mondo Sangue es auf den Punkt bringt: „Musikvideos heute ist: Einfach Machen! Das ist ein total wichtiger Kernsatz.“