Immerhin zwei herausragende Inszenierungen
Fangen wir mit der positiven Nachricht an: Zumindest zwei Inszenierungen haben ihren definitiv berechtigten Platz in der diesjährigen Theatertreffenauswahl: Die siebenstündige Kochshow „Wallenstein“ nach Schiller von Jan-Christoph Gockel eröffnet neben der gelungenen Fleischzubereitung einen komplexen Diskurs über Kriege – ein künstlerisch waghalsiges und außergewöhnliches Mammutereignis an den Münchener Kammerspielen.
Und mit dem Abend „A Year without Summer“ an der Volksbühne Berlin stellt Florentina Holzinger erneut ihre unnachahmliche Bühnenphantasie unter Beweis. Wenn sie mit einem abgründigen Musical eine dystopische Vision davon entwirft, wie Maschinen einst den menschlichen Körper ersetzen werden. Es ist bereits die vierte Einladung für die Star-Choreografin, und das zu Recht.
Ansonsten bleibt das Theatertreffen auch dieses Jahr seinem mittlerweile etablierten Motto treu: bürgerliche Kunst- und Formverliebtheit trifft auf wenig Gegenwartsbezug.
Jette Steckels „Mephisto“ ist befremdlich
Da ist nur schwer vermittelbar, dass der Kritiker-Liebling und notorisch eingeladene Theatertreffen-Regisseur Sebastian Hartmann dieses Jahr gleich mit zwei Einladungen geadelt wird – mit „Serotonin“ nach Houellebecq, ein fünfstündiges Psychogramm eines kaputten Mannes, sowie dem „Hauptmann von Köpenick“ aus Cottbus, immerhin eine Einladung an die sonst so geschmähte Provinz.
Auch Jette Steckels „Mephisto“-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen wirbt traditionell um Verständnis für den einsamen Künstlermann, der seine Karriere nicht aufgeben möchte, bloß weil die Nationalsozialisten an der Macht sind. Doch wie hier der Mitläufer und Profiteur zum Opfer stilisiert wird, befremdet angesichts unserer Gegenwart.
„Il Gattopardo“: Dekadente Materialschlacht aus Zürich
Auch die Kostüm- und Materialschlacht „Il Gattopardo“ von Pınar Karabulut aus Zürich mutet angesichts der Sparzwänge beinahe zynisch an: ein begehbares Schloss, üppige Kostüme und aufwendige Kulissen. Schon bei der Premiere rätselte die Kritik, was diese dekadente Nachinszenierung von Luchino Visconti‘s „Der Leopard“ uns erzählen soll. Der Jury war der Historienschinken vom Untergang des italienischen Adels jedenfalls eine Einladung wert.
„Die Glasmenagerie“ vom Theater Basel zeigt familiäre Einsamkeit im Kapitalismus, mit der Stuttgarter Inszenierung von „Die Welt im Rücken“ wird der Roman von Thomas Melle über Depression bereits zum zweiten Mal bei einem Theatertreffen gezeigt und mit Schnitzlers „Fräulein Else“ von Leonie Böhm bringt das Wiener Volkstheater das #Metoo-Thema nach Berlin.
Themen und Ästhetiken wiederholen sich
So oder so ähnlich waren das auch die Themen und Ästhetiken in den letzten Jahrgängen. Es drängt sich die Frage auf, ob das Theatertreffen irgendwann noch mal mehr sein möchte als eine Kultur-Insel der Seligen inmitten des Weltenchaos.
Vielleicht ist es auch an der Zeit, mal über ein anderes Kriterium als „bemerkenswert“ nachzudenken. Wie wäre es mit „mutig“ oder „relevant“?
Theatertreffen 2026 - Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen