Kommentar

Mutig oder relevant ist was anderes: Die Jury-Auswahl zum Theatertreffen Berlin enttäuscht

Die Jury des Theatertreffens hat wieder ihre Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen getroffen. Sie bleibe auch in diesem Jahr wieder ihrem etablierten Motto treu, findet Theaterkritikerin Eva Marburg: „bürgerliche Formverliebtheit trifft auf wenig Gegenwartsbezug.

Teilen

Stand

Von Autor/in Eva Marburg

Immerhin zwei herausragende Inszenierungen

Fangen wir mit der positiven Nachricht an: Zumindest zwei Inszenierungen haben ihren definitiv berechtigten Platz in der diesjährigen Theatertreffenauswahl: Die siebenstündige Kochshow „Wallenstein“ nach Schiller von Jan-Christoph Gockel eröffnet neben der gelungenen Fleischzubereitung einen komplexen Diskurs über Kriege – ein künstlerisch waghalsiges und außergewöhnliches Mammutereignis an den Münchener Kammerspielen.

Und mit dem Abend „A Year without Summer“ an der Volksbühne Berlin stellt Florentina Holzinger erneut ihre unnachahmliche Bühnenphantasie unter Beweis. Wenn sie mit einem abgründigen Musical eine dystopische Vision davon entwirft, wie Maschinen einst den menschlichen Körper ersetzen werden. Es ist bereits die vierte Einladung für die Star-Choreografin, und das zu Recht.

Performance-Künstlerin Florentina Holzinger sitzt auf einem Stuhl (Archivbild)
Die Regisseurin und Choreografin Florentina Holzinger ist bekannt für ihre aufsehenerregenden Performance-Inszenierungen. picture alliance/dpa | Jens Büttner

Ansonsten bleibt das Theatertreffen auch dieses Jahr seinem mittlerweile etablierten Motto treu: bürgerliche Kunst- und Formverliebtheit trifft auf wenig Gegenwartsbezug. 

 Jette Steckels „Mephisto“ ist befremdlich

Da ist nur schwer vermittelbar, dass der Kritiker-Liebling und notorisch eingeladene Theatertreffen-Regisseur Sebastian Hartmann dieses Jahr gleich mit zwei Einladungen geadelt wird – mit „Serotonin“ nach Houellebecq, ein fünfstündiges Psychogramm eines kaputten Mannes, sowie dem „Hauptmann von Köpenick“ aus Cottbus, immerhin eine Einladung an die sonst so geschmähte Provinz. 

Auch Jette Steckels „Mephisto“-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen wirbt traditionell um Verständnis für den einsamen Künstlermann, der seine Karriere nicht aufgeben möchte, bloß weil die Nationalsozialisten an der Macht sind. Doch wie hier der Mitläufer und Profiteur zum Opfer stilisiert wird, befremdet angesichts unserer Gegenwart.   

„Il Gattopardo“: Dekadente Materialschlacht aus Zürich

Auch die Kostüm- und Materialschlacht „Il Gattopardo“ von Pınar Karabulut aus Zürich mutet angesichts der Sparzwänge beinahe zynisch an: ein begehbares Schloss, üppige Kostüme und aufwendige Kulissen. Schon bei der Premiere rätselte die Kritik, was diese dekadente Nachinszenierung von Luchino Visconti‘s „Der Leopard“ uns erzählen soll. Der Jury war der Historienschinken vom Untergang des italienischen Adels jedenfalls eine Einladung wert. 

„Die Welt im Rücken“
Auch Lucia Bihlers Stuttgarter Inszenierung von „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle hat es in die Auswahl geschafft. Pressestelle Schauspiel Stuttgart | Julian Baumann

„Die Glasmenagerie“ vom Theater Basel zeigt familiäre Einsamkeit im Kapitalismus, mit der Stuttgarter Inszenierung von „Die Welt im Rücken“ wird der Roman von Thomas Melle über Depression bereits zum zweiten Mal bei einem Theatertreffen gezeigt und mit Schnitzlers „Fräulein Else“ von Leonie Böhm bringt das Wiener Volkstheater das #Metoo-Thema nach Berlin. 

Themen und Ästhetiken wiederholen sich

So oder so ähnlich waren das auch die Themen und Ästhetiken in den letzten Jahrgängen. Es drängt sich die Frage auf, ob das Theatertreffen irgendwann noch mal mehr sein möchte als eine Kultur-Insel der Seligen inmitten des Weltenchaos.

Vielleicht ist es auch an der Zeit, mal über ein anderes Kriterium als „bemerkenswert“ nachzudenken. Wie wäre es mit „mutig“ oder „relevant“?  

Stuttgart

Premiere am Schauspiel Stuttgart Ein fulminanter Trip: Lucia Bihler inszeniert Thomas Melles "Die Welt im Rücken"

Lucia Bihler hat Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“ in Stuttgart auf die Bühne gebracht. Ein Stück wie ein Rausch mit der großartigen Paulina Alpen in der Hauptrolle.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Eva Marburg