„Schwarzwaldmädel“ und „Das kalte Herz“

Idylle und Horror: Der Schwarzwald als Filmkulisse

Seit 1950 ist der Schwarzwald eine Kulisse für Heimatfilme und Horror, seit „Schwarzwaldmädel“ und „Das kalte Herz“, zu sehen beim ersten Black Forest Film Festival in Freiburg. Der Beginn einer Filmgeschichte des Schwarzwalds, die oft in Klischees erstarrt.

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Von Autor/in Wilm Hüffer

Was 1950 begann, wurde zu einer tiefen Spur der Filmgeschichte: Fünf Klassiker zeigen, wie der Schwarzwald immer mehr zur Kulisse für Heimatkitsch und Horror geworden ist.

Heimat-Pittoreske: „Schwarzwaldmädel“ mit Sonja Ziemann
Märchengrusel: „Das kalte Herz“ von Paul Verhoeven
Heimat-Klamauk: „Schwarzwälder Kirsch“ mit viel Kirschwasser
Black-Forest-Thriller: „Die Toten vom Schwarzwald“
Der Schwarzwald als Klischee-Gefängnis: Tatort „Der Reini“

Heimat-Pittoreske: „Schwarzwaldmädel“ mit Sonja Ziemann

„Schwarzwaldmädel“ von 1950 mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack
Nachkriegssehnsucht: Sonja Ziemann, wie gemalt in „Schwarzwaldmädel“ von 1950, Rudolf Prack beim Zeichnen zu ihren Füßen. Collection Christophel | NZ

Mit diesem Film begann 1950 der Siegeszug des Heimatfilms. Im zerstörten Deutschland wurde der Schwarzwald zur Traumkulisse, zum Sehnsuchtsort für ein unbeschwertes Leben. Die ideale Verkörperung: Sonja Ziemann mit Bollenhut. Ihr Verehrer, gespielt von Rudolf Prack, ist passenderweise Maler. Alles wird hier zur Pittoreske, zum gemalten Traum.

Die Geschichte von „Schwarzwaldmädel“ ist belanglos. Drei Paare umkreisen einander. Das einzige Thema, frei nach Fontane: „Wo sich Herz zum Herzen find't“. Der düstere Hintergrund der Nachkriegsjahre ist verschwunden. Die Liebenden reisen einer kostbaren Kette hinterher und finden am Drehort St. Peter zusammen.

Im Chaos der Zerstörung keimte der Wunsch nach Treue und Verlässlichkeit: „Mädle aus dem schwarzen Wald, die sind nicht leicht zu habe!“ Sonja Ziemann und Rudolf Prack wurden 1951 deshalb gleich wieder zum Traumpaar, in „Grün ist die Heide“. 1954 machte der „Förster vom Silberwald“ die Erfolgstrilogie des Heimatfilms perfekt.

Märchengrusel: „Das kalte Herz“ von Paul Verhoeven

„Das kalte Herz“, ein DEFA-Film von Paul Verhoeven von 1950, mit Lutz Moik als Peter Munk und Paul Bildt als Glasmännlein
Das Glasmännlein soll Köhler Peter Munk alle seine Wünsche erfüllen. Lutz Moik und Paul Bildt im DEFA-Film „Das kalte Herz“ von Paul Verhoeven. Collection Christophel | Deutsche Film (DEFA)

Der Schwarzwald taugt als Idylle – doch ebenso sehr als Ort des Horrors. Beide Film-Topoi entstehen sogar im selben Jahr. 1950 verfilmt die DEFA das berühmte Märchen von Wilhelm Hauff, „Das kalte Herz“. Der dunkle Wald wird zum Ort der bösen Begierden. Wobei Paul Verhoeven in der DDR, in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Babelsberg dreht.

Der junge Köhler Peter Munk träumt von Reichtum und Glück. Zwar erfüllt das Glasmännlein aus dem Schwarzwald seine Wünsche. Doch reich und mächtig wird Peter erst, als ihm der Riese Holländermichel ein Herz aus Stein einsetzt. Eine Geschichte mit sozialistisch grundierter Kritik am Kapitalismus.

Weit dauerhafter wirkten die Filmeffekte: Im Schwarzwald blubbern plötzlich Bluttümpel. In der finsteren Höhle des Holländermichel kleben an der Wand die Herzen, die er seinen Opfern aus dem Leib gerissen hat. In der Neuverfilmung von 2016 machte Johannes Naber aus dem „kalten Herz“ einen finsteren Fantasy-Schocker.

Heimat-Klamauk: „Schwarzwälder Kirsch“ mit viel Kirschwasser

Marianne Hold und Dietmar Schönherr in der Verwechslungskomödie „Schwarzwälder Kirsch“ vom 1958, in der Regie von Geza von Bolvary
Ohne viel Kirschwasser in der Torte kaum noch zu ertragen: Marianne Hold und Dietmar Schönherr in „Schwarzwälder Kirsch“ von 1958. Sammlung Richter

Kein Filmtopos. der nicht auf Dauer ausleiert. Aus der Sehnsucht nach heiler Heimat wurde bald krachlederner Kitsch. In „Schwarzwälder Kirsch“ von 1958 trifft man sich in Schönau bei Lörrach, um aus lauter Lebensfreude furchtbar viel zu singen. Klischee-Figuren taumeln über die Schwarzwaldbühne, vom tollpatschigen Landstreicher bis zum vertrottelten Wachtmeister.

Marianne Hold als Sängerin und Dietmar Schönherr als Filmkomponist passen perfekt zusammen. Das singende, klampfende und betrunkene Schwarzwald-Ensemble verkörpert eine quietschfidele, leicht überdrehte Nachkriegsgesellschaft, die im Wirtschaftswunder zweifellos angekommen ist.

Von hier führen die Spuren zum Schwarzwald als unverwüstlicher Kulisse der Fernsehunterhaltung. Am langlebigsten: „Die Fallers“ vom SWR, mit bislang 1280 Episoden, gedreht am Unterfallengrundhof bei Furtwangen. Am erfolgreichsten: die ZDF-Serie „Die Schwarzwaldklinik“ aus den 1980er-Jahren, mit zeitweilig 25 Millionen Zuschauern pro Folge.

Black-Forest-Thriller: „Die Toten vom Schwarzwald“

„Die Toten vom Schwarzwald“ mit Heino Ferch
Die Frau verschwunden, auf der Suche nach ihrem Zwilling und einem Teufelspakt: Heino Ferch in „Die Toten vom Schwarzwald“ dpa | ZDF/Maria Wiesler

Auch der Schwarzwald-Horror kennt mittlerweile viele Spielarten. In der ZDF-Serie „Die Toten vom Schwarzwald“ von 2010 verkörpert Heino Ferch einen Kriminalisten, dessen Frau im Holltal spurlos verschwindet. Auf der Suche nach ihr stößt er schließlich auf ein ganzes Arsenal typischer Schwarzwald-Gruselzutaten.

Da ist eine Zwillingsschwester seiner Frau, von der niemand wusste. Da ist ein Teufelspakt, der die Holltäler seit dem 30-jährigen Krieg elendig zu fesseln scheint. Da findet sich eine Frauenleiche an jenen Zwillingsfelsen, wo der Pakt besiegelt wurde. Und ein böser Bürgermeister will nicht, dass irgendetwas herauskommt.

Mit anderen Worten, die Stilmittel des Schwarzwald-Horrors drohen sich langsam zu erschöpfen. Was aber insbesondere Fernsehmacher nicht zu stören scheint. 2023 erschien die ZDF-Mystery-Serie „Was wir fürchten“, voller gequälter, im Schwarzwald unterdrückter Jugendlicher. Fortsetzung folgt.

Der Schwarzwald als Klischee-Gefängnis: Tatort „Der Reini“

Szene aus dem Tatort „Der Reini“ mit Felician Hohnloser, Karsten Antonio Mielke und Mareike Beykirch
Gejagt vom Schwarzwald-Klischee: Im Tatort „Der Reini“ bringt der psychopathische Bruder von Kommissar Berg (Karsten Antonio Mielke, Mitte) die böse Vergangenheit ans Licht. Benoît Linder

Aussichtslos wird die Situation , wenn der Schwarzwald-Film aus den Schwarzwald-Klischees nicht mehr herausfindet. Das jüngste Opfer dieser geradezu schwarzwaldesken Entwicklung: der Freiburger Tatort-Kommissar Friedemann Berg, verkörpert von Hans-Jochen Wagner.

Zusammen mit seiner Kollegin Franziska Tobler (Eva Löbau) ermittelt er seit 2017 im Schwarzwald. Als ihn seine Drehbuchautoren auf die Welt brachten, hatte er von seinem düsteren Vorleben vermutlich noch keine Ahnung. In Folge 15 („Der Reini“) stellt sich heraus: Berg wusste früh, das sein psychopathischer Bruder die Leiche des Vaters auf dem alten Apfelhof der Familie verscharrt hat.

Wie lebt es sich damit? Wie wurde aus Friedemann Berg dennoch ein halbwegs zurechnungsfähiger Kriminalbeamter? Am Ende droht das Schwarzwald-Klischee seinen Helden zu erschlagen.

Heimat und Horror: Schwarzwald-Motive mit Zukunft?

Ist das der Fluch der Filmgeschichte? Der Schwarzwald scheint von den Klischees nicht mehr loszukommen, die im Film herumgeistern. Es wäre Zeit für neue Ideen. Vieles im Schwarzwald ließe sich sicher neu entdecken.

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