Plastikblumen, Sonnenöl und Fotobücher

Grand Hotel Parr: Ein schräger Check-in ins Universum von Martin Parr

Das Neue Museum Nürnberg verwandelt sich mit der Ausstellung „Grand Hotel Parr“ in ein verrückt-verspieltes Gesamtkunstwerk. Fotograf Martin Parrs Welt aus Kitsch, Tiefsinn und Farbe lädt zum Entdecken ein.

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Von Autor/in Andreas Langen

Ein Stilbruch mit rotem Teppich und Holzvertäfelung

Das Neue Museum Nürnberg ist bekannt für seine klare, moderne Architektur: gläserne Fassaden, Betonböden, minimalistisches Design. Doch aktuell hat sich im ersten Stock ein überraschender Stilbruch breitgemacht. Plötzlich dominieren rote Teppiche, Holzvertäfelungen und verspielte Retro-Elemente.

„Normalerweise ist das hier ein White Cube, eine klassische Ausstellungshalle. So haben wir den Raum noch nie gesehen“, erklärt Direktorin Simone Schimpf. „Es ist verrückt.“

Ausstellungsansicht: Martin Parr, Grand Hotel Parr
In einer aufwendigen Inszenierung, angelehnt an das Erscheinungsbild einer Hotelanlage, lädt die Ausstellung ein, die über 200 Fotobücher des Künstlers zu erkunden.

Dieser ungewöhnliche Stilbruch trägt den Titel „Grand Hotel Parr“ und ist eine Hommage an den britischen Fotografen Martin Parr. Genau wie Parrs Werke spielt die Inszenierung mit Widersprüchen: Sie verbindet Kitsch und Tiefsinn, ist gleichzeitig humorvoll und kritisch.

Ein Hotel voller Überraschungen

Schon beim Betreten der Ausstellung fühlt man sich in ein surreal-komisches Hoteluniversum versetzt. Besucher stehen vor einer lebensechten Rezeption – auf dem Tresen liegt ein Zettel: „Zurück in 5 Minuten“. Daneben: scheinbar achtlos verstreute Fotobücher von Parr.

Kurator Christoph Schaden lädt die Gäste ein, aktiv zu werden: „Schnappen wir uns einen Trolley. Da ist ein Bild drauf. Die Einladung ist: Such das Buch zum Bild.“

Porträt Martin Parr
Der britische Fotograf Martin Parr wuchs in einem Vorort von London auf. Neben seiner Leidenschaft für die Fotografie begeistert er sich auch für das Sammeln.

Mit dem Trolley geht es durch die Hotelhalle, vorbei an pinken Plastikblumen, einem weiß lackierten Klavier und durch einen Souvenirshop. Im Billardsalon wartet schließlich die Belohnung: ein Foto aus dem berühmten Buch „The Last Resort“. Ein QR-Code auf dem Trolley führt direkt zur Stimme von Martin Parr, der sein Werk selbst kommentiert: „The Last Resort was my first book in colour, way back in 1983.“

Provokation in grellen Farben

Mit „The Last Resort“ schrieb Martin Parr Fotogeschichte. In den 1980er Jahren war Farbfotografie in der Kunstwelt verpönt. Wer ernst genommen werden wollte, fotografierte in Schwarz-Weiß. Doch Parr entschied sich bewusst anders: Er zeigte das Leben der britischen Arbeiterklasse in den Thatcher-Jahren – grellbunt, voller Majo und Sonnenöl.

Seine Bilder sorgten für Aufsehen. Kurator Christoph Schaden erinnert sich: „Es hat damals zu extrem kontroversen Reaktionen geführt. Gerade im großstädtischen London hat er, wie man heute sagen würde, einen Shitstorm eingefahren. Aber genau damit ist er weltbekannt geworden.“

Food-Fotografie, Martin Parr: Real food
Jedes Buch hat eine eigene Optik, unterschiedliche Größen, Themen und Genres: „Mal ist es ein Kochbuch, mal ist es ein Stadtführer, mal ein Artistbook“, erklärt Schader.

Ein Meister der Fotobücher

„Grand Hotel Parr“ zeigt die gesamte Spannbreite von Parrs Schaffen: Rund 200 Fotobücher, an denen er beteiligt war, sind hier versammelt. „Das älteste ist von 1982, das jüngste erst vor einem Monat erschienen“, erklärt Schaden.

Jedes Buch ist ein kleines Kunstwerk für sich, mit eigener Optik, eigenen Themen und Genres. Vom Kochbuch über den Stadtführer bis zum Telefonbuch – Parrs kreative Bandbreite kennt keine Grenzen. Simone Schimpf ergänzt: „Wir haben so ziemlich alles, sogar Toilettenpapier.“

Ausstellungsansicht: Martin Parr, Grand Hotel Parr
Ausstellungsansicht aus dem Fotobuch „Life is a Beach“, 2013. Parr fotografiert das Thema Strand seit vielen Jahrzehnten - Aufnahmen von Menschen, die sich sonnen, schwimmen oder picknicken.

Zwischen Humor und Gesellschaftskritik

Martin Parr ist ein Meister des Alltäglichen. In seinen Bildern zeigt er uns die Absurditäten unseres Konsumverhaltens, hält uns einen Spiegel vor – und macht sich selbst zum Teil dieses Systems. „Er sagt von sich selbst, dass er Teil des Problems ist“, so Schaden. Diese Selbstreflexion macht Parr zu einem der einflussreichsten Fotografen unserer Zeit.

Mit „Grand Hotel Parr“ hat das Neue Museum Nürnberg eine Ausstellung geschaffen, die nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Mitmachen einlädt. „Eine Grundschulklasse hat hier neulich einfach Hotel gespielt“, erzählt Schaden. „Sie haben eingecheckt, sind mit Koffern durch die Räume gezogen – und hatten einen Riesenspaß. Wenn ein Raum so genutzt wird, dann ist der Kurator beglückt

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