Die 76. Berlinale startet Jahr mit „No Good Men“ von der afghanischstämmigen Regisseurin und Drehbuchautorin Shahrbanoo Sadat, die auch die Hauptrolle im Film übernimmt.
Der Film spielt in Kabul, wurde aber überwiegend in Mecklenburg-Vorpommern gedreht. „Ich dachte, der Film wurde vielleicht in Tunesien gedreht – aber nein, in Deutschland. Und es sieht aus wie Kabul!“, zeigt sich Filmkritiker Rüdiger Suchsland beeindruckt.
Die Komödie spielt 2021, vor der Machtübernahme der Taliban. Die Hauptprotagonistin Naru arbeitet bei einem Fernsehsender in Kabul. Sie lebt mit ihrem Sohn in der winzigen Wohnung ihrer Eltern. Enttäuscht von ihrem fremd gehenden Ehemann, verliebt sie sich in einen Kollegen.
Deutsche Filme im Wettbewerb: solide, aber zurückhaltend
In diesem Jahr treten drei deutsche Filme im Wettbewerb an. „Das ist eine normale Quote“, sagt Suchsland, „die Berlinale ist schließlich ein internationales Festival, kein deutsches.“ Unter den Wettbewerbsbeiträgen finden sich etablierte Namen wie Angela Schanelec, die der Kritiker eher kritisch betrachtet, und vielversprechende junge Regisseur*innen wie Eva Trobisch und Ilka Csatak.
Diese Auswahl zeige die Balance der Berlinale: Altbewährte Vertreter*innen bei Film-Festivals treffen auf Nachwuchsregisseur*innen, die neue Perspektiven einbringen. „Man versucht, junges Kino zu präsentieren, ohne komplett radikale Filmstile zu zeigen“, erklärt Suchsland. Für Zuschauende heißt das: Viel Abwechslung, internationale Vielfalt und die Chance, neue Talente früh zu entdecken.
Nebenreihen als Herzstück der Berlinale 2026
Die Hauptreihen bilden das öffentliche Gesicht des Festivals, doch die echten Highlights liegen in den Nebenreihen, sagt Suchsland. Zu ihnen zählen unter anderem Perspectives, Panorama und Forum. Hier können Zuschauende unabhängig produzierte Filme entdecken, die oft international ausgezeichnet sind, aber nicht den Wettbewerb prägen.
Diese Sektionen seien besonders wichtig für das Entdecken von Talenten und experimentellen Filmstilen, sagt Suchsland. Viele Filme, die in Cannes, Venedig oder Toronto keine Plätze im Wettbewerb erhalten, finden hier ein Publikum.
So bliebe die Berlinale relevant, auch wenn sie in der Wahrnehmung nicht mehr auf Augenhöhe mit den großen Festivals stehe, so Suchsland. „Früher liefen Filme der Coen-Brüder, Tarantino – heute ist es fast ein Nachwuchsfestival.“
Berlinale als Filmmesse: Wirtschaft trifft Kunst
Die Berlinale ist mehr als ein Festival – sie ist auch ein zentraler Marktplatz der internationalen Filmindustrie. „Ohne den Markt könnte man die Berlinale als A-Festival vergessen“, betont Suchsland. Verträge, Koproduktionen, internationale Kontakte: Die wirtschaftliche Seite ist für die Zukunft des Films genauso entscheidend wie die künstlerische.
Berlin biete zudem eine günstigere und flexiblere Umgebung als Cannes oder Venedig, was kleinere Produktionsfirmen und junge Talente anzieht. Trotz Kälte und struktureller Probleme zieht das Festival so viele Branchenprofis an und bleibt ein zentraler Treffpunkt für Filmschaffende weltweit.
Politische Kontroversen und Strukturprobleme der Berlinale
Die letzten Jahre brachten politische Kontroversen und negative Schlagzeilen. Solche Konflikte haben die öffentliche Wahrnehmung geschwächt und die politische Unterstützung gefährdet, sagt Suchsland: „Die Berlinale braucht die politische Unterstützung dringend.“
Gleichzeitig zeige sich, dass das Festival nach wie vor ein wichtiger Ort ist, um Filme zu präsentieren, die sonst auf anderen Festivals „durchgereicht“ werden. Die Kombination aus politischem Profil, Nachwuchsförderung und internationaler Vernetzung mache die Berlinale trotz aller Probleme unverzichtbar für die deutsche und internationale Filmszene, sagt Rüdiger Suchsland.
Film und Festival
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