Der Latex-Abguss eines kompletten Raumes
Wer in Kaari Upsons Welt eintauchen möchte, sollte am besten durch den löchrigen Maschendrahtzaun klettern, den sie aus Latex nachgebaut hat, und dann in das herrschaftliche Nachbarhaus einsteigen – so wie Kaari Upson es wohl in ihrer Kindheit oft getan und dort herumgestöbert hat.
Tatsächlich hat die Künstlerin auch einen Latex-Abguss eines kompletten Raumes dieses Hauses angefertigt, samt herumliegenden Schuhen und nackten Glühbirnen an der Decke. Wobei sie den Raum auf den Kopf gestellt hat – und die Eingangstür von der Decke baumeln lässt. Staunend steht man vor dieser Rauminstallation und versucht, sich zu orientieren.
„Wir müssen als Betrachter das alles wieder zusammenstückeln, was eigentlich aus diesem Raum ist“, sagt der Direktor der Kunsthalle Mannheim Johan Holten.
Der fiktive junge Mann Larry – Kaari Upsons Alter Ego?
Hier nimmt das ganze bildhauerische Werk von Kaari Upson seinen Anfang, so Holten. In Kaari Upsons Fantasie wohnte in diesem Haus Larry, ein fiktiver junger Mann. Mehrmals malte die Künstlerin ihn und sich selbst in einer Art Doppelporträt, hat die zwei noch nassen Ölbilder zusammengedrückt und dann wieder auseinandergezogen. Sie nannte das „Kiss“-Bilder.
Durch diese Vermischung der beiden sei auch angelegt, dass die fiktive Figur Larry – Kaari Upsons Obsession – „gar nicht so sehr außerhalb von ihr, sondern etwas tief in ihrem Inneren ist, ihr eigenes Alter Ego, auf das sie da stößt“, so Johan Holten.
Irgendwann schien Kaari Upson selbst ihre Beziehung zu Larry unheimlich zu werden und sie formte zwei verstümmelte schwarze Körper, die wie verkohlte Leichen aussehen.
Matratzen- und Sofaskulpturen, die an faltige menschliche Körper erinnern
Die Kunsthalle Mannheim zeigt einen weiteren wichtigen Werkkomplex von Kaari Upson: ihre Matratzen-und Sofaskulpturen. Im Laufe der Zeit hat die Künstlerin dutzende davon in Latex und Uretan abgegossen und bemalt.
Inspiriert dazu wurde sie durch die vielen ausrangierten, abgelebten Möbel, die in ihrer kalifornischen Heimatstadt San Bernardino einfach an den Straßen herumstehen. Ehemals Teil des Privatlebens, sind sie plötzlich der Öffentlichkeit preisgegeben.
„Statt sie als Sperrmüll zu betrachten, faszinieren Kaari Upson die Spuren des Lebens, die sich darauf abzeichnen“, sagt Johan Holten. „Schließlich verbringen wir rund ein Drittel unseres Lebens im Bett, auf Matratzen. Und viele Menschen kommen ja auch von ihrem Sofa kaum hoch.“
Kaari Upson gibt einigen Sofas denn auch eine hautfarbene Oberfläche und knautscht sie so zusammen, dass sie wie faltige menschliche Körper aussehen.
Auf manchen Matratzen hat die Künstlerin dunkle Schatten gemalt, so dass man meint, Abdrücke von liegenden Körpern zu erkennen. Andere Matratzen nutzt sie wie eine Leinwand für bunte, graffiti-ähnliche Gemälde, die sie an die Wand hängt.
Aus einem Puppenhaus wird ein Haus für Riesen
Das Thema „Zuhause“, mit unterschiedlichen Konnotationen, lässt Kaari Upson nicht los. Später hat sie in ihrem Werk, nach Larrys Villa, ein weiteres Haus aufgegriffen: ein Puppenhaus, das ihre Mutter für Kaari Upsons Tochter gebaut hat. Ein einfaches amerikanisches Blockhaus.
Kaari Upson hat es mit Hilfe eines 3D-Scans originalgetreu nachgebaut. Aus dem Puppenhaus wurde ein Haus für Riesen. Die Kunsthalle Mannheim musste ein Loch in die Decke des Ausstellungssaals sägen, damit der Hausgiebel reinpasste.
Ihr letztes Werk konnte Kaari Upson nicht mehr vollenden
„Das wird so ein überdimensionales, fast alptraumhaft großes Puppenhaus“, erklärt Johan Holten. „Die Wände sind verschoben, wir sehen gar nicht richtig den Boden, weil der so hochgewachsen ist, dass wir da gar nicht hochkommen. Überall liegen Objekte von dem ursprünglichen Puppenhaus, die Kaaris Mutter selbst gebastelt hat.“
Doch nicht nur Krüge und Teller oder was man in einem Puppenhaus erwarten würde liegen dort, sondern auch eine Reihe von Backenzähnen und jede Menge Tabletten – vielleicht schon eine Anspielung auf die Krebserkrankung der Künstlerin. Kaari Upson hat bis zum letzten Tag um ihre Kunst gekämpft.
Am Ende der Ausstellung hängt eine Serie farbintensiver Bilder, die immer ein ähnliches Gesicht zeigen, mit großen Augen und einem Fuß, da, wo eigentlich die Nase sitzt. Kaari Upson wollte daraus eine Art künstlerisches Tagebuch schaffen mit 365 Bildern – es sind nur 133 geworden. Dieses bedrückende Werk wird jetzt zum ersten Mal öffentlich gezeigt.
Johan Holtens erster Ankauf für Mannheim – nun in seiner letzten Ausstellung
Die Installation „Mother’s legs“ war dagegen schon öfter in Mannheim zu sehen. Wie eine Art Windspiel hängen vierzehn Knüppel von der Decke, die wie abgesägte Baumstämme oder amputierte Beine aussehen.
„Das sind 3D-Scans von ihren eigenen Knien, die sie darauf appliziert hat“, erklärt Johan Holten. „Und diese, sozusagen, Faszination und Abscheu über körperliche, biografische Elemente, das ist vielleicht eine von den Wirkmitteln, die in allen Werken von Kaari Upson durchgängig vorhanden sind.“
Johan Holten hat diese Arbeit 2019 für die Kunsthalle Mannheim erworben. Es war sein erster Ankauf als damals neuer Direktor des Hauses. Da passt es gut, dass er nun seine Zeit in Mannheim mit dieser großartigen Ausstellung über Kaari Upson beenden wird. Was für eine beeindruckende Abschiedsschau!
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