In Geschichte eintauchen und persönliche Spurensuche als roter Faden
Es gebe so etwas wie einen roten Faden, der sich durch die Filme zieht, die in Cannes bisher präsentiert wurden, sagt SWR-Filmexperte Rüdiger Suchsland. Er ist bei den Filmfestspielen vor Ort und berichtet über das Event und die Filme, die die Jury dieses Jahr für die begehrten Filmpreise nominiert hat.
In Geschichte einzutauchen, sei ein wiederkehrendes Motiv in dieser Auswahl, auch Spurensuche, etwa in der eigenen Vergangenheit. Dazu gehe es in vielen Filmen um familiäre Verhältnisse und Macht - genauso wie das Auflehnen eines Einzelnen gegen Institutionen taucht immer wieder in den Festival-Filmen auf.
Two Prosecutors: Der Touch eines Bruegel-Bilds
So etwa in „Two Prosecutors”: Regisseur Loznitsas erzählt die Geschichte eines Staatsanwalts unter Stalin, der sich für einen Gefangenen einsetzt, dem Unrecht geschieht – und am Ende selbst in dessen Position landet.
Als „ein sehr genaues Filmemachen“ lobt Suchsland die Arbeit des ukrainischen Regisseurs: Allein die mitreißenden Gesichter der Schauspielenden faszinieren ihn. Man frage sich, so Suchsland, wo Loznitsa sie gefunden hat.
Auch, weil es solche Gesichter im deutschen oder amerikanischen Kino gar nicht gebe: „Harte, traurige, sicher nach konventionellen Maßstäben oft hässliche oder vulgäre Gesichter. Und so hat das Ganze auch den Touch eines Bruegel-Bilds oder Hieronymus Bosch, einer Groteske.“
Dossier 137: Polizeigewalt ganz nah
Um die Suche nach der Gerechtigkeit geht es auch in „Dossier 137“ des deutsch-französischen Filmemachers Dominik Moll. In dem Krimi-Drama beschäftigt sich eine interne Ermittlerin der Polizei mit einem Vorfall während der Gelbwesten-Proteste in Frankreich.
Der Film basiert auf den Ermittlungen zu den Protesten im Jahr 2018. Es geht um Polizeigewalt und eine Idealistin, die gegen das System kämpft – im Frankreich von heute.
Deswegen sei das Thema von unmittelbarer politischer Brisanz für die Franzosen, sagt Suchsland, aber sicher auch ein bisschen für uns: „Wir kennen das ja auch von uns, dass in Deutschland oder in anderen demokratischen Ländern die Polizeigewalt nicht immer so demokratisch kontrolliert wird.“
Sirat: Zwischen Himmel und Hölle
Ein echtes Highlight ist für Suchsland „Sirat“ des französischen Regisseurs Òliver Laxe. „Sirat“ steht für die gleichnamige Brücke, die nach islamischer Vorstellung zwischen Himmel und Hölle verläuft und auf der jede Seele mit ihrer wahren Natur konfrontiert wird. Im Film geht es um einen Vater, der sich auf die Suche nach seiner Tochter macht.
Dabei passieren schreckliche Dinge – Menschen treten auf Minen, Kinder sterben. Trotzdem, sagt Suchsland, sei „Sirat“ nicht nur ein gewalttätiger, sondern gleichzeitig ein poetischer Film – Kino, ein bisschen wie auf Ecstasy: „Das ist ein Film, wie man ihn wirklich nur in Cannes sieht.“
Die genaue Handlung sei dabei gar nicht so wichtig, so Suchsland: „Ich finde das manchmal ein bisschen langweilig, wenn es immer nur um die Geschichten geht. Dann können wir auch Bücher lesen; es soll ja um Bilder gehen, um das Sinnliche in den Bildern, um die Textur, um das, was man nicht in Worte fassen kann.“