Bei den Festspielen von Venedig bekommt der Lido jedes Jahr eine einzigartige filmischen Atmosphäre. Viele prominente Persönlichkeiten der Filmbranche gleiten dann wieder mit den Gondeln über das Wasser, um „die siebte Kunst“ zu feiern.
Doch bereits vor dem Festivalstart am 27. August sorgen nicht nur filmische, sondern auch politische Themen für Bewegung in den Kanälen von Venedig.
Offener Brief für Palästina
Die Initiative „Venice4Palestine“ veröffentlichte einen offenen Brief, der von den Organisatoren der Filmfestspiele Venedig fordert, Stellung zum Krieg in Gaza zu beziehen und die Politik Israels zu verurteilen.
„Die Scheinwerfer sind auf die Filmfestspiele von Venedig gerichtet, und wir laufen Gefahr, ein großes Ereignis zu erleben, das unempfindlich bleibt gegenüber dieser menschlichen, zivilen und politischen Tragödie“, heißt es dort. „Das Spektakel muss weitergehen, wird uns gesagt, [...] – als hätte die ‚Welt des Kinos‘ nichts mit der ‚realen Welt‘ zu tun.“
Unterzeichnet von italienischen und internationalen Filmstars
Der Brief richtet sich an die Biennale und die Filmfestspiele. Zahlreiche Persönlichkeiten des italienischen und internationalen Kinos haben unterzeichnet.
Neben der deutschen Regisseurin Margarethe von Trotta sind das unter anderen die italienischen Regisseure Marco Bellocchio und Matteo Garrone, Schauspielerin Alba und Regisseurin Alice Rohrwacher, der US-Regisseur Abel Ferrara und der mehrfach in Cannes ausgezeichnete britische Regisseur Ken Loach.
Biennale zeigt sich „offen für den Dialog“
Die Biennale di Venezia reagierte mit einer Pressemitteilung: Man sei „wie immer offen für den Dialog“. Die Biennale und die Internationalen Filmfestspiele seien in ihrer Geschichte stets Orte des offenen Austauschs und sensibel für die drängendsten Fragen der Gesellschaft und der Welt gewesen.
Dafür stünden auch die Wettbewerbsfilme: im Vorjahr „Of Dogs and Men“ von Dani Rosenberg sowie „The Voice of Hind Rajab“, ein Film der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania, der in diesem Jahr in Venedig seine Uraufführung erlebt.
Der auf einer wahren Begebenheit basierende Film handelt von einem Mädchen aus Gaza-Stadt, dessen Auto auf der Flucht unter Beschuss gerät. Als einzige Überlebende harrt sie im Auto aus und hält telefonisch Kontakt mit Mitarbeitern des Roten Halbmonds.
Absage der israelischen Schauspielerin Gal Gadot
Dennoch veröffentlichte die Initiative am 25. August, zwei Tage vor Festivalbeginn, einen weiteren Brief, dieses Mal ohne Unterzeichner*innen. Darin fordert „Venice4Palestine“ Filmschaffende auszuladen, die offen Israel unterstützen. Es werden Namen genannt: unter ihnen die israelische Schauspielerin Gal Gadot sowie der Produzent und Schauspieler Gerard Butler.
Sowohl Gadot als auch Butler, die beide zentrale Rollen in Julian Schnabels Mystery-Drama „In the Hand of Dante“ spielen, sagten daraufhin ihre Teilnahme an den Filmfestspielen ab. In den italienischen Fernsehnachrichten kommentiert Festivalleiter Alberto Barbera diese Forderung:
Konflikte löst man sicher nicht, indem man Künstlern die Teilnahme an Festspielen verbietet. Also: keine Zensur, keine Ausladung.
Jude Law spielt Wladimir Putin
Das Festival steht also bereits vor Beginn im Zeichen von Protesten. Doch welche Filme sind zu erwarten? Politisches findet sich auch in Olivier Assayas' „The Wizard of the Kremlin“ wieder. Für die Verfilmung des Romans „Der Magier im Kreml“ von Giuliano da Empoli schlüpft Jude Law in der Rolle des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Im Weißen Haus spielt der Polit-Thriller „A House of Dynamite“ von Oscar-Gewinnerin Kathryn Bigelow.
Ein weiteres Highlight: die Mystery- und Science-Fiction-Komödie „Bugonia“, das Remake einer südkoreanischen Komödie von 2003. Der Film bringt erneut Regisseur Yorgos Lanthimos und Hauptdarstellerin Emma Stone zusammen, deren letzte Kollaboration „Poor Things“ 2023 in Venedig den Goldenen Löwen gewann.
Nicht nur politische Filme
Auch im Wettbewerb sind Guillermo del Toro, der mit „Frankenstein“ nach Venedig zurückkehrt und Benny Safdie, dessen Sport-Biopic „The Smashing Machine“ die Geschichte des MMA-Kämpfers Mark Kerr erzählt, gespielt von Dwayne „The Rock“ Johnson.
François Ozon, dessen Film „Wenn der Herbst naht“ aktuell in Deutschland im Kino zu sehen ist, präsentiert am Lido „L’étranger“ („Der Fremde“) nach dem gleichnamigen Roman von Albert Camus.
Ein vielfältiges Angebot also. Im Interview mit „Variety“ sagt Festivaldirektor Alberto Barbera, er habe 98 Prozent der Filme bekommen, die er sich für diese Ausgabe gewünscht hatte.
Ganz großes Kino
Mit Spannung wird bei der diesjährigen Festivalausgabe auch der Auftritt von Julia Roberts erwartet, die zum ersten Mal in Venedig zu Gast sein wird. An der Seite von Andrew Garfield spielt sie die Hauptrolle in Luca Guadagninos Thriller „After the Hunter“, der außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wird.
Der deutsche Regisseur Werner Herzog wird am Eröffnungsabend mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Regie-Kollege Francis Ford Coppola wird die Laudatio auf ihn halten.
Eines ist sicher: In Venedig ist dieses Jahr vieles unberechenbar – sowohl bei den Filmen als auch hinsichtlich der Proteste. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Aufmerksamkeit nur auf die Leinwand richten wird. Die propalästinensische Initiative „Venice4Palestine“ hat jedenfalls für den 30. August bereits zu einer Demonstration aufgerufen.