Kein Film für Kafka-Anfänger
Auf diesen Film, soviel gleich vorweg, hat niemand gewartet. Dieser Film ist nichts für Kafka-Anfänger, denn ein bisschen Vorwissen ist dringend vonnöten, um sich in diesem Labyrinth nicht ganz zu verirren.
Er ist aber auch nichts für Literaturwissenschaftler oder Menschen, die an der Kulturgeschichte der ersten Jahrzehnte nach 1900 interessiert sind. Dies ist auch kein Kafka für die Gen-Z, dafür ist das alles zu bieder, zu gediegen. Aber so ein richtiges klassisch-episches Biopic für Bildungsbürger ist es schon gar nicht.
Wer war nochmal Franz Kafka?
Denn wer war nochmal Franz Kafka? Ein Versicherungsangestellter, der Probleme mit seinem Vater hatte. Und mit Frauen. Und ein recht konfuses Liebesleben: Bordellbesuche, zwei Verlobungen, die schnellstmöglich wieder gelöst wurden. Zwei weitere Frauenbeziehungen, die aber immer nicht mehr, als ein knappes Jahr dauerten, aber vermutlich wichtiger waren, als die Verlobungen.
Zu spät fertig fürs Kafka-Jubiläumsjahr 2024?
Ach, ja und ein paar komische Geschichten hat der Mann vermutlich auch noch geschrieben. Zumindest kann man das nach diesem Film vermuten.
Nein - man versteht wirklich nicht, was die polnische Regisseurin Agnieszka Holland geritten hat, um diesen Film zu machen, der offenbar auch zu spät fertig wurde fürs Kafka-Jubiläumsjahr 2024, und darum das Pech hat, der vierte Film zu sein, nach zwei besseren und der herausragenden sechsteiligen Serie des Österreichers David Schalko.
Der kafkaeske Blick auf die Welt
Gerade dieser Vergleich enthüllt, was Agnieszka Hollands „Franz K.“ fehlt. Denn vielleicht ist Kafka wirklich unverfilmbar, will man nicht einfach sein Leben brav und bieder nacherzählen - dieses Leben ist aber ja nicht wirklich der Grund, warum wir uns für Kafka interessieren.
Und das, was Kafkas Literatur einmalig macht, der surreale, schräge - wie man so sagt: kafkaeske - Blick auf die Welt ist womöglich nicht in einem Film gut zu fassen.
Das Leben von Franz Kafka mit seinen Mitteln erzählt
Hinzu kommt noch, dass Franz Kafka Geschichten erzählt, von denen man manche mit heutigem Blick betrachtet bei allem Humor und Märchencharakter im Querdenkerspektrum einordnen würde.
Darum haben auch große Regisseure wie Orson Welles oder Michael Haneke sich weise auf eine der vielen Erzählungen beschränkt, und nicht versucht, den ganzen Kafka in einen Film zu pressen. Genau das tut jetzt aber Agnieszka Holland - darum lässt sie die Literatur einfach weg und versucht dafür das Leben Kafkas „kafkaesk“ zu erzählen.
Pompöses Biopic scheitert am eigenen Anspruch
Das Ergebnis ist ein völlig missglückter Film, ein vor allem pompöses Biopic, das durch eine Überfülle erzählerischer und visueller Allüren geprägt ist und alles in allem angeberisch wirkt.
Die Erzählung springt unablässig und nach keinem erkennbaren Konzept in der Zeitchronologie hin und her. Figuren aus der Fiktion wenden sich direkt in die Kamera um über den Protagonisten zu sprechen. Die Kamera kreist unaufhörlich um alle Figuren herum – als handele es sich um ein ausgestelltes Karussell.
Viel Lärm um nichts
Dramatische, historisch verankerte Momente wechseln sich mit schaurigen, traumähnlichen Inszenierungen einiger kurzer Textfragmente ab, ohne sie in einen Kontext zu stellen.
Alles will „größer als das Leben“ erscheinen in einem Film, der sich selbst als wichtig und ambitioniert versteht. Eine Tour de Force aus Formalismus, Geschrei und riesiger Leere. Viel Lärm um nichts.
Trailer „Franz K.“ ab 23.10. im Kino
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