ARD Kultur-Doku „Love is Stronger“

Von der Loveparade zu „Rave the Planet“: Techno-Parade zwischen Aufbruch, Krise und Neuanfang

1989 startete in Berlin die erste Loveparade. Die Parade wuchs, bis es zu viel wurde: 2010 kamen in Duisburg 21 Menschen ums Leben. Jahre danach will das Team um Gründer „Dr. Motte“ die Techno-Parade zurück nach Berlin holen.

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Stand

Von Autor/in Mareike Gries

Westberlin als Ort voller Möglichkeiten

Berlin in den 80er-Jahren: Die Mauer trennt Ost und West, Mietwucher oder Gentrifizierung sind in weiter Ferne. Westberlin war zu der Zeit ein Ort voller Kreativität und Möglichkeiten, erinnert sich Loveparade-Mitbegründer Matthias Roeingh alias Dr. Motte in der neuen ARD Kultur-Doku „Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave the Planet“.

„Mit 120 Mark konnte man ja eine Wohnung haben. Und das Geld zu verdienen dafür, da musste man sich auch nicht groß anstrengen. Ich hab Musikkassetten aufgenommen und hab die dann an Cafés, Bars, Restaurants verkauft. Und deswegen war das für viele Leute ein Traum, nach Westberlin zu kommen“, beschreibt er das Lebensgefühl von damals.

 

Viele Menschen feiern ausgelassen, sie befinden sich bei der Loveparade
Die Loveparade ist weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Zum ersten Mal veranstaltet wurde sie im Jahr 1989. ard-foto s1 © rbb/shotbystanley

Es beginnt mit einer Demo unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“

„Dr. Motte“ gilt als das Gesicht der Loveparade. Dabei – und das macht die Doku sehr deutlich – hatten und haben die Frauen an seiner Seite einen großen Anteil daran, dass die Technoparade zu dem wurde, was sie bis heute ist: ein Aushängeschild, das Technofans auf aller Welt kennen und schätzen.

Künstlerin Danielle de Picciotto war in den 80er-Jahren die Lebenspartnerin von Dr. Motte. Die ersten Loveparades haben sie gemeinsam organisiert – als angemeldete Demonstration unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“.

Weil wir so positiv denkende Menschen waren, hatten wir die Idee: Wir würden gerne mal für irgendwas demonstrieren, nicht gegen was. Friede, Freude, Eierkuchen hört sich immer so ein bisschen larifari an. Aber das war tatsächlich ernst gemeint.

 

Mehrere Frauen halten Schilder hoch und stehen auf einem Wagen. Sie feiern ausgelassen bei der Loveparade
„Friede, Freude, Eierkuchen“ lautete das Motto der ersten „Loveparades“. Positive Stimmung herrscht auch heute bei „Rave the Planet“. ard-foto s1 © rbb/Nenad Blazin BN.pctrs

Kritiker bemängeln zu viel Kommerz in den 2000ern

Mit der Zeit wurde die Loveparade immer größer, zehn Jahre nach Gründung, Ende der 90er, kamen über eine Million Menschen zur Parade.

Anfang der Nullerjahre dann die Kehrtwende. Zu viel war zusammengekommen: Die Besucherzahlen gingen zurück, die Stadt Berlin wollte die Parade nicht mehr als Demonstration durchgehen lassen, die Auflagen wurden härter, die Finanzierung immer schwieriger.

Ein privater Investor hat daraufhin die Rechte an der Loveparade gekauft. Aus der ehemaligen Demo für Freiheit und Lebensfreude wurde Kritikern zufolge mehr und mehr eine Werbeveranstaltung – für eine Fitnesskette oder für Softdrinks.

Nach Duisburg kann es nicht einfach weitergehen

Und die Loveparade zog ins Ruhrgebiet. Dr. Motte und sein Team hatten sich zu dem Zeitpunkt komplett zurückgezogen. Im Jahr 2010 dann die Katastrophe.

Nach Duisburg war klar: Die Loveparade wird es so nicht mehr geben. 

Aber zwölf Jahre später wollen Dr. Motte und seine jetzige Frau Ellen Dosch-Roeingh die Parade dahin zurückholen, wo alles begann: nach Berlin. Und das gelingt. Seit 2022 heißt die Veranstaltung  nun „Rave the Planet“. Hunderttausende feiern mit.

Ein Mann und eine Frau schauen in die Kamera. Es handelt sich dabei um den DJ  Dr. Motte und seine Frau Ellen Dosch-Roeingh, die gemeinsam Rave the Planet veranstalten
Holten die Techno-Parade unter dem Namen „Rave the Planet“ wieder zurück nach Berlin: Loveparade-Mitbegründer Matthias Roeingh alias Dr. Motte und seine Frau Ellen Dosch-Roeingh. ard-foto s1 © rbb/Thomas Tworek

Die einigende Kraft des Techno

Regisseurin Britta Mischer zeigt mit einer beeindruckenden Mischung aus Archivmaterial und aktuellen Aufnahmen, dass die Berliner Techno-Kultur in der Zwischenzeit vollkommen zurecht zum immateriellen Kulturerbe ernannt wurde.

Ihre Dokumentation fängt Zeitgeist und Lebensgefühl ein – und den ungebrochenen Enthusiasmus von Dr. Motte und Co., die auch mit teils Mitte 60 an die einigende Kraft des Techno glauben. 

ARD Mediathek Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet

2022 kehrt eine Idee zurück auf Berlins Straßen und mit ihr eine offene Frage: Kann das kulturelle Erbe der Loveparade neu gedacht werden, ohne ihre Fehler zu wiederholen? Dr. Motte und seine Frau Ellen Dosch-Roeingh träumen nicht mehr nur davon, sondern setzen auch um. Mit "Rave The Planet" findet erstmals eine Parade statt, die bewusst als Kulturdemonstration an die frühen Jahre anknüpft und gleichzeitig einen Neuanfang markiert.

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Autor/in
Mareike Gries
Mareike Gries, Autorin und Moderatorin bei SWR Kultur