Westberlin als Ort voller Möglichkeiten
Berlin in den 80er-Jahren: Die Mauer trennt Ost und West, Mietwucher oder Gentrifizierung sind in weiter Ferne. Westberlin war zu der Zeit ein Ort voller Kreativität und Möglichkeiten, erinnert sich Loveparade-Mitbegründer Matthias Roeingh alias Dr. Motte in der neuen ARD Kultur-Doku „Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave the Planet“.
„Mit 120 Mark konnte man ja eine Wohnung haben. Und das Geld zu verdienen dafür, da musste man sich auch nicht groß anstrengen. Ich hab Musikkassetten aufgenommen und hab die dann an Cafés, Bars, Restaurants verkauft. Und deswegen war das für viele Leute ein Traum, nach Westberlin zu kommen“, beschreibt er das Lebensgefühl von damals.
Es beginnt mit einer Demo unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“
„Dr. Motte“ gilt als das Gesicht der Loveparade. Dabei – und das macht die Doku sehr deutlich – hatten und haben die Frauen an seiner Seite einen großen Anteil daran, dass die Technoparade zu dem wurde, was sie bis heute ist: ein Aushängeschild, das Technofans auf aller Welt kennen und schätzen.
Künstlerin Danielle de Picciotto war in den 80er-Jahren die Lebenspartnerin von Dr. Motte. Die ersten Loveparades haben sie gemeinsam organisiert – als angemeldete Demonstration unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“.
Weil wir so positiv denkende Menschen waren, hatten wir die Idee: Wir würden gerne mal für irgendwas demonstrieren, nicht gegen was. Friede, Freude, Eierkuchen hört sich immer so ein bisschen larifari an. Aber das war tatsächlich ernst gemeint.
Kritiker bemängeln zu viel Kommerz in den 2000ern
Mit der Zeit wurde die Loveparade immer größer, zehn Jahre nach Gründung, Ende der 90er, kamen über eine Million Menschen zur Parade.
Anfang der Nullerjahre dann die Kehrtwende. Zu viel war zusammengekommen: Die Besucherzahlen gingen zurück, die Stadt Berlin wollte die Parade nicht mehr als Demonstration durchgehen lassen, die Auflagen wurden härter, die Finanzierung immer schwieriger.
Ein privater Investor hat daraufhin die Rechte an der Loveparade gekauft. Aus der ehemaligen Demo für Freiheit und Lebensfreude wurde Kritikern zufolge mehr und mehr eine Werbeveranstaltung – für eine Fitnesskette oder für Softdrinks.
Nach Duisburg kann es nicht einfach weitergehen
Und die Loveparade zog ins Ruhrgebiet. Dr. Motte und sein Team hatten sich zu dem Zeitpunkt komplett zurückgezogen. Im Jahr 2010 dann die Katastrophe.
Nach Duisburg war klar: Die Loveparade wird es so nicht mehr geben.
Aber zwölf Jahre später wollen Dr. Motte und seine jetzige Frau Ellen Dosch-Roeingh die Parade dahin zurückholen, wo alles begann: nach Berlin. Und das gelingt. Seit 2022 heißt die Veranstaltung nun „Rave the Planet“. Hunderttausende feiern mit.
Die einigende Kraft des Techno
Regisseurin Britta Mischer zeigt mit einer beeindruckenden Mischung aus Archivmaterial und aktuellen Aufnahmen, dass die Berliner Techno-Kultur in der Zwischenzeit vollkommen zurecht zum immateriellen Kulturerbe ernannt wurde.
Ihre Dokumentation fängt Zeitgeist und Lebensgefühl ein – und den ungebrochenen Enthusiasmus von Dr. Motte und Co., die auch mit teils Mitte 60 an die einigende Kraft des Techno glauben.
ARD Mediathek Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet
2022 kehrt eine Idee zurück auf Berlins Straßen und mit ihr eine offene Frage: Kann das kulturelle Erbe der Loveparade neu gedacht werden, ohne ihre Fehler zu wiederholen? Dr. Motte und seine Frau Ellen Dosch-Roeingh träumen nicht mehr nur davon, sondern setzen auch um. Mit "Rave The Planet" findet erstmals eine Parade statt, die bewusst als Kulturdemonstration an die frühen Jahre anknüpft und gleichzeitig einen Neuanfang markiert.