Eine Karriere zwischen „Winnetou“ und den Nibelungen-Festspielen

Zum Tod von Mario Adorf: Der feinsinnige Schurke des deutschen Kinos

Mehr als 200 Rollen hat Mario Adorf gespielt, er war eins der prägendsten Gesichter der deutschen Film- und Fernsehgeschichte. Abseits der Kamera war er einer der Initiatoren der Nibelungen-Festspielen am Wormser Dom.

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Von Autor/in Helen Roth

Eines der markantesten Gesichter des deutschen Films

Ob im Kino, im Fernsehen oder auf der Bühne: Mario Adorf begeisterte sein Publikum über Jahrzehnte. Im Laufe seiner sieben Jahrzehnte umfassenden Karriere verkörperte er mit feiner Beobachtungsgabe düstere Verbrecher genauso wie schillernde Exzentriker und warmherzige Patriarchen.

Geboren 1930 in Zürich als Sohn einer Deutschen und eines Italieners, wuchs Adorf in Mayen in der Eifel auf. Nach ersten Theatererfahrungen in Mainz und München begann er bald, vor der Kamera aufzufallen. Früh zeigte sich seine außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit, die ihn zu einem der bekanntesten und meistbeschäftigten Schauspieler im deutschsprachigen Raum machen sollte.

Durchbruch als Serienmörder in „Nachts, wenn der Teufel kam“

Mario Adorf in einer Filmszene in Nachts wenn der Teufel kam, Spielfilm, Deutschland 1957
Lüdke, der in „Nachts, wenn der Teufel kam“ als Serienmörder dargestellt wird, war in der Realität in mehrfacher Hinsicht Opfer des Nationalsozialismus. Adorf distanzierte sich später von dem Film, der seine Karriere startete.

Seine Karriere startete über Nacht: In Robert Siodmaks Film verkörperte er den Serienmörder Bruno Lüdke – ein düsterer, verstörender Charakter, den der junge Schauspieler mit beklemmender Intensität spielte. Publikum und Kritik waren gleichermaßen erschüttert und beeindruckt von dieser Darstellung.

Mit dieser Rolle legte Adorf das Fundament seines späteren Erfolges. Sie zeigte schon früh seine besondere Fähigkeit, Figuren nicht nur als Monster zu zeichnen, sondern auch als verletzliche, von Zwängen geprägte Menschen. Der Film wurde international gefeiert und gilt bis heute als eine der stärksten deutschen Nachkriegsproduktionen. Gleichzeitig war Adorf danach lange auf die Rolle als Bösewicht festgelegt.

Internationale Prominenz als der Gegenspieler Winnetous

Mario Adorf in einer Filmaufnahme aus Winnetou
So unschuldig stellt sich Filmbösewicht Santer Winnetou vor: „Ich heiße Santer und bin kein so berühmter Westläufer wie Ihr, sondern ein einfacher, armer Cowboy.“

Als Santer im ersten Teil der „Winnetou“-Filme zog Adorf 1963 besonders viel Aufmerksamkeit auf sich. Allerdings nicht nur zum Guten: Dass er in der Karl-May-Verfilmung Winnetous Schwester Nscho-tschi (Marie Versini) erschoss, nehmen ihm Menschen bis heute noch übel, scherzte Adorf 2023 in einem Zeit-Interview.

Eigentlich habe er die Rolle erst gar nicht annehmen wollen, denn Santer sei als rein böse Rolle geschrieben gewesen, erinnerte sich der Schauspieler. Das habe ihn wenig interessiert. Letztlich konnte er der Figur aber doch Tiefgang geben: Als Antipode zu Pierre Brices edlem Indianer Winnetou spielte er Santer mit Härte, transportierte aber auch innere Konflikte. So verhinderte er, dass die Rolle ins Klischeehafte abdriftete.

Der Vater in Schlöndorffs Oscar-prämierter „Blechtrommel“

Filmaufnahme aus Die Blechtrommel
Lautstark gegen den Nationalsozialismus: Mario Adorf als Alfred Matzerath in neben David Bennent als Oskar und Angela Winkler als Agnes Matzerath.

Knapp zwei Jahrzehnte nach „Winnetou“ war Adorf Teil eines internationalen Kinoereignisses: Volker Schlöndorffs Verfilmung der „Blechtrommel“ von von Günter Grass gewann in Cannes die Goldene Palme und später den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film. Adorf spielte darin Alfred, den Vater des blechtrommelnden Oskar Matzerath – eine Figur zwischen Opportunismus, Humor und tragischer Verstrickung.

Die Rolle zeigte Adorfs ganze schauspielerische Bandbreite: Er verkörperte Alfred Matzerath nicht nur als Patriarchen, sondern auch als schwachen Mann, der in den Strudeln der Geschichte untergeht. Für Adorf selbst wurde der Film zum internationalen Aushängeschild und machte ihn weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus einem Millionenpublikum bekannt.

Mario Adorf: Die großen Rollen

Nachts, wenn der Teufel kam (1957) mit Rose Schäfer und Mario Adorf
Ab Mitte der 1950er-Jahre spielt Mario Adorf bei den Münchner Kammerspielen. Die Rolle eines psychopathischen Mörders im Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) bringt ihm größere Bekanntheit und den Bundesfilmpreis als bester Schauspieler. Bild in Detailansicht öffnen
Winnetou I (1963) mit Mario Adorf als Santer
Den großen Durchbruch erfährt Adorf 1963 als Santer, den Widersacher im ersten Teil der „Winnetou“-Reihe. Die Rolle prägt Adorfs Karriere: Häufig wird er als Ganove, Mafioso oder zwielichtiger Charakter besetzt. Bild in Detailansicht öffnen
Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975) mit Angela Wilker und Mario Adorf
Unter der Regie von Volker Schlöndorff dreht Adorf in den 1970er-Jahren zwei Filme: In „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nach Heinrich Böll spielt er den Kommissar, der den durch die Boulevardpresse begangenen Rufmord an der geschiedenen Wirtschafterin (Angela Wilker) beobachtet. Bild in Detailansicht öffnen
Die Blechtrommel (1979) mit David Bennent, Mario Adorf und Katharina Thalbach
1979 besetzt Schlöndorff den Schauspieler in seiner Günther-Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ als Alfred Mazerath, den Vater von Hauptfigur Oskar Mazerath (David Bennent). Als erste deutsche Produktion gewann der Film 1980 den Oscar als bester nicht-englischsprachigen Film. Bild in Detailansicht öffnen
Lola (1981) mit Mario Adorf
Unter der Regie von Rainer Werner Fassbinder spielt Adorf 1981 in „Lola“ neben Barbara Sukowa, Armin Mueller-Stahl und Helga Feddersen. Der Film wird beim Bundesfilmpreis als bester Spielfilm ausgezeichnet. Bild in Detailansicht öffnen
Via Mala (1985) mit Milena Vukotic und Mario Adorf
Auch in Fernsehfilmen spielt Mario Adorf, so etwa in der dreiteiligen Verfilmung von John Knittels Roman „Via Mala“ (1985). Adorf spielt einen trunksüchtigen und gewalttätigen Familienvater, dessen Kinder sich dazu entschließen, ihn zu ermorden. Bild in Detailansicht öffnen
Kir Royal (1986) mit Mario Adorf
„Isch scheiß disch so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute hast“, raunt Adorf als Heinrich Haffenloher dem Reporter Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) zu. Eine unvergessliche Szene aus Helmut Dietls Münchner Schickeria-Satire „Kir Royal“ . Bild in Detailansicht öffnen
Prinzessin Fantaghirò (1991) mit Mario Adorf
Auch in italienischen Produktionen spielt Adorf immer wieder. Regelrechten Kultstatus hat das Anfang der 1990er-Jahre produzierte Fernsehmärchen „Prinzessin Fantaghirò“, in dem Adorf den Vater der in Männerkleidern kämpfenden Titelheldin spielt. Bild in Detailansicht öffnen
Pizza Colonia (1991) mit Mario Adorf und Marita Ragonese
In Komödien überzeugt Adorf immer wieder, etwa in der Rolle des italienischen Gastwirts Francesco Serboli in „Pizza Colonia“. Bild in Detailansicht öffnen
Der Schattenmann (1994) mit Mario Adorf, Stefan Kurt, Heinz Hoenig, Heiner Lauterbach, Christine Reinhart, Maja Maranow, Jennifer Nitsch, Isa Haller, Don F. Jordan, Beatrix Bilgen
In „Der Schattenmann“ verkörpert Adorf an der Seite von Heiner Lauterbach, Stefan Kurt, Heinz Hoenig und Günther Strack den Strippenzieher in der Frankfurter Halbwelt. Bild in Detailansicht öffnen
Rossini (1997) mit Mario Adorf
Ein weiteres Mal besetzt Helmut Dietl Mario Adorf in einer Satire über die Münchner Schickeria. In „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ spielt Adorf den Restaurant-Betreiber Paolo Rossini, einen Strippenzieher der High-Society in der bayerischen Landeshauptstadt. Bild in Detailansicht öffnen
In der Rolle des Hagen von Tronje berührt Schauspieler Mario Adorf am 14.8.2002 bei einer Probe zur Dieter-Wedel-Inszenierung "Die Nibelungen" in Worms das sagenumwobene Schwert Balmung in den Händen Siegfrieds (Götz Schubert).
Auch wenn Adorf heute in München lebt, bleibt er seiner rheinland-pfälzischen Heimat verbunden. 2002 initiiert Adorf die Wiedereinführung der Nibelungenfestspiele und holt Regisseur Dieter Wedel an Bord. In der ersten Aufführung vor dem Wormser Dom spielt Adorf die Rolle des Hagen von Tronje. Bild in Detailansicht öffnen

Rheinische Großspurigkeit und Fernsehkult in „Kir Royal“

In Helmut Dietls sechsteiliger Kultserie „Kir Royal“ spielte Mario Adorf den rheinischen Klebstoff-Fabrikanten Haffenloher, der als Europas Marktführer in die Münchner Schickeria aufsteigen will. Mit großspuriger Körpersprache und komödiantischem Timing zeichnete Adorf eine Figur, die zwischen Clown, Großkotz und verletzlichem Mann oszilliert.

Mario Adorf - Kir Royal - fette Ansage

Legendär ist Haffenlohers Satz „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“ – ein Moment Fernsehgeschichte, der Meme-Status hatte, lange bevor man wusste, was ein Meme ist. Doch Adorf gab der Figur mehr als nur protzige Wucht: Er zeigte auch ihre Brüche, ihre Lächerlichkeit und gefährliche Kompromisslosigkeit.

„Der große Bellheim“: Charismatischer Patriarch im ZDF-Mehrteiler

Der große Bellheim (1991) mit Mario Adorf bei einer Misswahl.
Einige seiner ikonischsten Rollen spielt Adorf in den 1990er-Jahren unter der Regie von Dieter Wedel, darunter 1993 die Rolle des Kaufhaus-Magnaten Peter Bellheim im TV-Mehrteiler „Der große Bellheim“.

Einen Machtmenschen spielte Adorf auch in Dieter Wedels vierteiligem ZDF-Film „Der große Bellheim“. Als titelgebende Figur verkörperte er Peter Bellheim, den ehemaligen Leiter einer erfolgreichen Kaufhauskette. Mit kleinen Gesten, prägnanter Körpersprache und feiner Mimik brachte er die Ambivalenz eines Patriarchen zum Ausdruck, der einerseits souverän agiert, andererseits emotional auf Bedrohungen reagiert.

„Der große Bellheim“ wurde zu einem der erfolgreichsten deutschen Fernsehmehrteiler der 1990er-Jahre. Mario Adorf überzeugte als charismatischer Patriarch und trug maßgeblich zum Erfolg bei. Die Regie von Dieter Wedel verband Wirtschaftsthriller, Familiendrama und subtile Komik, während authentische Drehorte von Bochum bis Marbella der Geschichte realistische Tiefe verliehen.

Nibelungen-Festspiele Worms: Mario Adorf als Hagen und Namensgeber des Mario-Adorf-Preises

Auch im Theater hinterließ Adorf bleibende Spuren. Er war es, der 2002 die Wiederbelebung der Nibelungen-Festspiele in Worms initiierte und half, sie von ihrem nationalsozialistischen Erbe zu befreien. In den ersten beiden Jahren trat Adorf selbst als Schauspieler auf die Bühne vor dem Wormser Dom.

In der Uraufführung von Moritz Rinkes „Nibelungen“ spielte er den Ränke schmiedenden Hagen von Tronje. Mit seiner wuchtigen Bühnenpräsenz und psychologischen Feinzeichnung prägte er die Figur entscheidend: Sein Hagen war nicht bloß ein Intrigant, sondern auch ein von Loyalität und militärischer Härte getriebener, innerlich zerrissener Charakter.

Mario Adorf in Worms bei den Nibelungen-Festspielen
Seit 2018 wird bei den Festspielen der nach ihm benannte Mario-Adorf-Preis für besondere künstlerische Leistungen vergeben.

Adorfs Engagement verlieh den jungen Festspielen Strahlkraft und machte sie weit über die Region hinaus bekannt. Seit 2018 wird als Würdigung seiner Verdienste der Mario-Adorf-Preis vergeben, ausgelobt von der Stadt Worms und den Nibelungen-Festspielen. Geehrt werden Schauspielerinnen und Schauspieler, Bühnenbildner, Regisseure oder andere Beteiligte, die sich durch außergewöhnliche künstlerische Leistung hervorgetan haben.

Adorf selbst saß bis zuletzt im Kuratorium und gehörte zur Jury – ein lebendiger Beweis, wie eng der Schauspieler bis zuletzt mit dem Wormser Theaterfestival verbunden blieb. Nun ist Mario Adorf im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben.

Filmexperte zum Tod von Mario Adorf Urs Spörri: Mario Adorf hat die Filmgeschichte nachhaltig geprägt

Mario Adorf habe als Schauspieler durch seine Vielseitigkeit überzeugt – vom kraftvollen Charakterdarsteller bis hin zum charismatischen Bösewicht, sagt Filmexperte Urs Spörri.

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Deutscher Fernsehpreis für Lebenswerk Mario Adorf – Filmkarriere zwischen Winnetou-Schurke und dem großen Bellheim

Mario Adorf spielte sich in Filmen und TV-Produktionen wie „Die Blechtrommel“, „Kir Royal“ und „Der Schattenmann“ ins kollektive Gedächtnis. Eine Filmkarriere in Bildern.

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Uraufführung „See aus Asche“ Nibelungenfestspiele Worms: Eine Stadt im Nibelungenfieber

Was bedeuten die Nibelungenfestspiele für die Stadt Worms, wo sie seit 2002 aufgeführt werden? SWR Kultur Onlineredakteur Dominic Konrad hat die Festspiele von Anfang an verfolgt.

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Er ist ein internationaler Filmstar und wohnt in St. Tropez - doch seine Heimat nennt er Mayen und Rheinland-Pfalz. Seine ersten Theaterschritte machte Mario Adorf in Mainz, wo er auch studiert hat.

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Worms

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Wir haben mit der aus dem Iran stammenden Nibelungen-Regisseurin Mina Salehpour über die aktuelle Lage gesprochen.

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Helen Roth
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Dominic Konrad