Zauberhafte Schwestern zurück im Kino

„Practical Magic 2“: Ach wie schön wär's, heute eine Hexe zu sein

Als „Zauberhafte Schwestern“ („Practical Magic“) 1998 erschien, fanden sich zahlreiche selbstermächtigte Hexen in Film und Fernsehen. Was wollen uns die Owens-Schwestern heute erzählen, da postfeministische Fantasien längst entlarvt sind?

Teilen

Stand

Von Autor/in Caroline O. Jebens

Anfang der Achtzigerjahre schrieb der amerikanische Autor Roald Dahl in dem Kinderbuch „Hexen hexen“: Eine Hexe, das sei immer eine Frau. Nicht, dass er schlecht über Frauen sprechen wolle – viele seien ganz lovely, ganz zauberhaft. Es sei nur eine Tatsache: Es gebe keine männlichen Hexen.

Die Hexen, die in Dahls Buch auftauchen, sind allerdings nicht gerade „lovely women“. Sie sind niederträchtig und abstoßend, mächtig und kinderhassend. Als dieses Buch 1990 als viel zu brutaler Kinderfilm in die Kinos kam, markierte er den Beginn eines Jahrzehnts, das geradezu bevölkert werden sollte von Frauen mit übernatürlichen Kräften.

Sandra Bullock (links) und Nicole Kidman als Owens-Schwestern in "Practical Magic 2 - Zauberhafte Schwestern"
Sandra Bullock (links) und Nicole Kidman als Owens-Schwestern im neuen Sequel des Neunziger-Films „Zauberhafte Schwestern“. Pressestelle Photo Courtesy Warner Bros. Pictures

Und diese neuen Hexen sollten eher denjenigen entsprechen, die Dahl vielleicht sonst so kannte: zauberhafte Frauen, die unter uns leben, schick gekleidet sind und nicht wirklich Böses wollen. 1998 waren das Sally und Gillian Owens in „Zauberhafte Schwestern“, verkörpert von Sandra Bullock und Nicole Kidman.

„Zauberhafte Schwestern“: Kultfilm der Neunziger

Die Owens-Schwestern sind ein ungleiches Geschwisterpaar, das von seinen Tanten in Massachusetts aufgezogen wird: die eine ruhig und brünett, die andere rothaarig und lebenslustig. Dass die Gemeinde schlecht über sie redet, liegt nicht nur daran, dass ihnen übernatürliche Kräfte nachgesagt werden – sondern auch daran, dass da vier Frauen in einer viktorianischen Villa am Wasser leben und dabei ganz glücklich scheinen.

Sandra Bullock (links) und Nicole Kidman in "Practical Magic" (1998)
Sie haben alles, nur mit der Liebe klappt es nicht: Sandra Bullock (links) und Nicole Kidman in „Zauberhafte Schwestern“ (1998) Everett Collection

Aber natürlich lastet auf der Familie ein Fluch, der dieses progressive Lebensmodell erklären soll: Denn jeder Mann, der sich in eine Owens-Frau verliebt, muss sterben – so hat es die unglücklich verliebte Ahnin verfügt, die den berühmten Hexenprozessen des Bundesstaates zum Opfer fiel. Dass der Film sich nie so ganz entscheiden konnte, was er sein wolle – Familienfilm, Romcom, Horror – ließ ihn damals bei vielen Kritikern durchfallen; heute macht ihn genau das zu einem Kultfilm.

Nun, 30 Jahre später, kommt also das Sequel in die Kinos: „Practical Magic 2 – Zauberhafte Schwestern“. Der Film folgt derselben Prämisse: Sallys zweiter Ehemann ist zwischenzeitlich nämlich doch an dem Fluch gestorben, weshalb die Hexe ihre magischen Kräfte in die Vergangenheit verbannt hat.

Als aber klar wird, dass ihre beiden Töchter Kylie (Joey King) und Antonia (Maisie Williams) ebenfalls von dem Schicksal betroffen sein dürften, muss sie sich gezwungenermaßen ihrer wahren Natur stellen.

„Practical Magic 2 – Zauberhafte Schwestern“, ab 10. September 2026 im Kino

PRACTICAL MAGIC 2 – ZAUBERHAFTE SCHWESTERN – Trailer 2 Deutsch German (2026)

Hexen in den Neunzigern: Vermeintlich emanzipiert

„Nie im Leben hätte ich gedacht, dass wir eine Fortsetzung drehen würden“, sagte Bullock kürzlich in einem Interview, doch „die Welt habe sich verändert, und auch die Diskussion hat sich gewandelt.“ Zwischenzeitlich ist das Publikum für campy Kultfilme und ihre Sequels gewachsen. Und der Kult um Hexen ist längst zu einer etablierten Ästhetik geworden.

Umso einfacher dürfte sich „Practical Magic 2“ als Unterhaltungsfilm erzählen lassen. Doch Hexenfilme stehen nie ganz für sich – zumal sich die beiden Owens-Hexen Ende der Neunzigerjahre in den Kanon vermeintlich emanzipierter junger Frauen einfügten.

Da gab es Familienfilme wie „Hocus Pocus“ und „Halloweentown“, die Romcom „The Butcher’s Wife“, die Serien „Sabrina the Teenage Witch“ und „Charmed – Zauberhafte Hexen“, den grungigen Teeniefilm „Der Hexenclub“, oder die vielleicht progressivste Hexenerzählung in „Buffy – Im Bann der Dämonen“.

Kultserie "Charmed - Zauberhafte Hexen" Shannen Doherty (v.l.n.r.), Alyssa Milano, Holly Marie Combs
Junge, unabhängige Frauen? Die Schwestern der Kultserie „Charmed – Zauberhafte Hexen“: Shannen Doherty, Alyssa Milano, Holly Marie Combs (v.l.n.r.) United Archives

Nach der „Satanic Panic“ der Achtziger fügte sich der damalige Wicca-Trend in eine postfeministische Phase, in der die Gesellschaft sich darin wiegte, die Gleichberechtigung für Frauen sei eigentlich erreicht: Neben „Sex and the City“, wo sich Freiheit durch Konsum erkaufen ließ, und der Girl-Power-Vermarktung der Spice Girls traten diese Hexen den Dämonen der Welt geschlossen mit magischen Sprüchen entgegen.

„Sisterhood“ als vermarktetes Symbol?

„Sisterhood“, auf Deutsch Schwesternschaft, wurde dabei als erstrebenswertes Symbol seiner bedrohlichen feministischen Ursprünge enthoben. Das neue Hexenbild bediente derweil vielmehr den Codex einer spätkapitalistischen Gesellschaft: Es wurden äußerlich sorglose Welten beschworen, in denen Selbstermächtigung zwar erstrebenswert ist, aber immer nur im Rahmen annehmbarer Weiblichkeit: jung, stylisch, weiß.

Gerade in „Practical Magic“ konnte man das einfach ablesen: Der Film vertraute seiner emanzipatorischen Prämisse nicht, sondern kreiste am Ende doch wieder um das heteronormative Glück mit einem Mann. Im neuen Film betont Tante Frances (Stockard Channing) wieder: „Keine Magie ist stärker als das Band von Schwestern“ – und man fragt sich, was das eigentlich bedeuten soll.

Stockard Channing (links) als Franny und Dianne Wiest as Jet in “Practical Magic 2"
Stockard Channing (links) als Franny und Dianne Wiest als Jet in „Practical Magic 2“ Pressestelle Photo Courtesy Warner Bros. Pictures

Dass in sozialen Medien zuletzt ein Hype um Hexen in all ihren Formen entstanden ist, zeigt eine Parallele zu den Neunzigerjahren auf: Für viele junge Frauen bietet die Berufung auf übernatürliche Mächte, Tarotkarten und online bestellte Zauberei heute wieder eine Zuflucht in die „Sisterhood“. Vielleicht auch, weil sich viele Forderungen im Kampf um Gleichberechtigung bis heute nicht eingelöst haben.

Funktionieren die Hexen von damals heute noch?

„Practical Magic 2“ verlässt sich derweil darauf, den einnehmenden Charme des ersten Teils beschwören zu wollen. Zwar harmoniert der Cast, doch das Sequel verhakt sich immer wieder in konventionellen Witzen und vorhersehbaren Szenen.

Während der erste Film es zumindest wagte, missbräuchliche Beziehungen zum Thema zu machen, geht es hier vor allem darum, einen allzu perfekten Boyfriend der Jüngsten vor dem Fluch zu retten.

Und als Sallys neues Love Interest (besonders charmant: Lee Pace) einen kleinen Zaubertrick anwendet, sagt er nur augenzwinkernd: „Wir leben im 21. Jahrhundert. Männer können alles, was Frauen auch können.“ Der Plot um den Antagonisten, der die Matriarchenfamilie um ihre Kräfte beneidet, nimmt das Motiv aus ohne es auszuerzählen.

In Zeiten, in denen gewisse Kräfte mittelalterliche Geschlechterverhältnisse heraufbeschwören und mächtige Männer sich als Opfer von „Hexenverfolgungen“ inszenieren, wäre es spannend gewesen, Dahls Tatsachenbehauptung einmal durchzuspielen: Was, wenn es vielleicht doch männliche Hexen gäbe? Wären auch sie abstoßend, niederträchtig, gemein?

Filmkritik „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“: Lustvolle Liebeserklärung ans Kino

Jane Schoenbruns „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ verbindet Slasher, queere Liebesgeschichte und Filmgeschichte zu einer lustvollen Liebeserklärung ans Kino.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Filmkritik Blutiger Body-Horror aus Finnland: In „Nightborn“ wird Mutterschaft zum Albtraum

Ist mein Baby ein Monster? Regisseurin Hanna Bergholm vermischt Psychodrama und drastischen Body-Horror zu einem Film über die Schrecken von Mutterschaft.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

SWR Aktuell Filmtipp "The End of Oak Street": Wenn Dinosaurier die US-Vorstadt-Idylle heimsuchen

Was passiert, wenn in einem amerikanischen Vorort der 1980er-Jahre Dinosaurier auftauchen, zeigt "The End of Oak Street". Regisseur David Robert Mitchell lasse den Alltag und das Unfassbare aufeinanderprallen, sagt Kinokritikerin Anna Wollner im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Stefan Eich. Das gelinge jedoch nur zum Teil.

SWR Aktuell am Morgen SWR Aktuell

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Caroline O. Jebens
Caroline Jebens, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital