Zum Tod des Regisseurs und Aktivisten

Rosa von Praunheim: Der schwule Stachel im Fleisch der BRD

Er war ein kompromissloser Streiter für die Sichtbarkeit schwuler Lebensrealität. Rosa von Praunheims Filme provozierten einen gesellschaftlichen Wandel, der queeres Leben in Deutschland normalisierte.

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Von Autor/in Dominic Konrad

„Ich wusste, es ist unanständig. Sowas machen nur Schweine.“ Das sagte Rosa von Praunheim rückblickend über seinen Auftritt in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“. Vor laufender Kamera outete der schwule Regisseur im Dezember 1991 Hape Kerkeling und Alfred Biolek, zwei der beliebtesten Fernsehgesichter der Bundesrepublik, als schwul, ein Skandal.

Die deutsche Gesellschaft stand unter dem Eindruck der AIDS-Krise. Homosexuelle Männer hatten in der breiten Bevölkerung keinen Rückhalt und keine gleichen Rechte: Gleichgeschlechtlicher Sex zwischen Volljährigen war in der BRD zwar seit 1969 nicht mehr strafbar, aber bis zur völligen Entkriminalisierung und Abschaffung von Paragraf 175 sollte es noch bis 1994 dauern.

Zu schwul für die ARD

Schwule Lebensrealitäten waren das zentrale Thema im Werk Rosa von Praunheims. Mit „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ gelang ihm 1971 der Durchbruch. Im Film, gedreht im Auftrag des WDR, zeigte der Regisseur schwule Männer zwischen heimlichem Sex auf öffentlichen Toiletten und der ewigen Angst vor der Enttarnung:

Schwule wollen nicht schwul sein. Sie wollen nicht anders sein, sondern sie wollen so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger.

„Rosa von Praunheim war kein Theoretiker, sondern Praktiker“, erklärt SWR Kultur Filmexperte Rüdiger Suchsland. „Es war immer eindeutig, was er wollte.“ Er habe immer mit verschiedenen Genres geliebäugelt, ganz bewusst auch mit Trash und Camp. Dabei thematisierte er immer wieder schwule Lebensumstände am Rande der Mehrheitsgesellschaft, so etwa in „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“, wo er den schwulen Strich in Berlin ins Auge nahm.

Der Autor und Filmemacher Rosa von Praunheim am 17.01.1973 in Berlin.
Mit seinem Dokumentarfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ wurde Rosa von Praunheim 1971 deutschlandweit bekannt. Foto von 1973.

Provokation für mehr Sichtbarkeit

Von Praunheim provozierte, damit Schwule nicht übersehen wurden. Seine Rolle in der Öffentlichkeit war die des lauten Aktivisten, der schwule Stachel im Fleisch der gutbürgerlichen Bundesrepublik. Seine Forderung: Nur durch Sichtbarkeit kann die Angst vor der gefühlten Gefahr der Homosexualität abgebaut werden.

Der gesellschaftliche Zündstoff von „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ war zu viel für die ARD. Der Film landete im WDR-Nachtprogramm. Auch Jahre später, bei der ersten bundesweit geplanten ARD-Ausstrahlung, weigerte sich der Bayerische Rundfunk.

Alle meine Fans wollen mich sterben sehen. Das ist doch pervers. Kein Mensch wünscht mir ein gesundes, langes Leben. Das wär doch das Übliche.

Von Praunheims letzter Film handelt von der Vergänglichkeit

Mehr als fünfzig Jahre lang war Rosa von Praunheim ein lauter, schriller und streitbarer Vorreiter der LGBTQ*-Bewegung. Vielleicht war der Stachel in seinen späten Jahren nicht mehr so spitz wie in den Siebzigern, aber er stach nach wie vor. Sein Kampf, queeres Leben in die Mitte der Gesellschaft zu holen, provozierte bis zuletzt.

Rüdiger Suchsland erinnert sich an von Praunheim als einen ruhigen, charmanten, netten Typ, der auf jeder zweiten Filmparty in Berlin auftauchte. „Er kannte sehr viele Leute, sowohl aus der Vergangenheit, aber er hatte eben doch auch eine Beziehung zu den Jungen. Er war ja auch Filmprofessor für Regie in Potsdam-Babelsberg. Da hat er für eine ganze Menge junge Leute was getan. Er war großzügig, aber auch hart.“

„Satanische Sau“, sein letzter Film, feierte bei der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere. Zum Abschluss legte von Praunheim einen autobiografischen Film über das Altern, Prominenz, Ruhm und Vergänglichkeit vor. Ein sarkastischer Fiebertraum, der zwischen Dokumentation und Fiktion schwankt und in dem von Praunheim über den eigenen Tod sinniert.

Der ewig Unangepasste ist mit 83 Jahren gestorben

„Er hat als Vorreiter der Schwulenbewegung einfach Tabus gebrochen und Leuten gezeigt, dass es kein Thema gab, was irgendwie verboten war“, so Rüdiger Suchsland über Rosa von Praunheims Vermächtnis.

Den Karrieren von Kerkeling und Biolek schadete das unfreiwillige Outing schlussendlich nicht. Mit brachialer Methode hatte von Praunheim schwule Männer ins bürgerliche Wohnzimmer geholt. Und ihnen damit ein Stück weit Menschlichkeit zurückgegeben.

Erst vor wenigen Tagen hatte der ewig unangepasste Regisseur seinen langjährigen Lebensgefährten Oliver Sechting geheiratet. Nun ist Rosa von Praunheim mit 83 Jahren in Berlin gestorben.

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