„In der Hose war mehr Freiheit“
Ein kleines Stück Stoff kann Leben verändern. Als Rose vor Gericht begründen soll, warum sie sich all die Jahre als Mann ausgegeben hat, antwortet sie mit dem schlichten Satz: „In der Hose war mehr Freiheit.“ Eine Antwort aus dem 17. Jahrhundert – und doch eine, die wohl viele Frauen bis heute unterschreiben würden.
Zu Beginn von „Rose“ kommt die gleichnamige Titelfigur nach Jahren als Soldat im Dreißigjährigen Krieg in ein abgelegenes Dorf. Laut der Papiere, die sie bei sich trägt, hat sie, beziehungsweise „er“, einen verfallenen Gutshof geerbt.
Widerwillig nimmt die Dorfgemeinschaft den Fremden auf, und Rose steht als Bauer ihren Mann. Nach einem Jahr denkt sie schon über eine Erweiterung ihres Hofs nach.
Sandra Hüller spricht als Mann nur das Nötigste
Um dieses selbstbestimmte Leben mit Geld und Besitz zu führen, muss Rose ihre Identität als Mann aufrechterhalten. Markus Schleinzers Historiendrama wirkt zunächst distanziert und spröde. In kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern fängt der Österreicher die harte Landarbeit ein und die schweigsamen Menschen, die der Krieg hervorgebracht hat.
Auch Sandra Hüller in der Hauptrolle spricht nur das Nötigste, ihr narbenversehrtes Gesicht zeigt kaum eine Regung. Trotz ihrer Unzugänglichkeit kommt einem Rose dank Hüllers Performance schnell nah.
Mit jeder Körperfaser macht die 47-Jährige spürbar, unter welcher Spannung ihre Figur steht: nach außen das herrische Gebaren, um als Mann zu überzeugen, darunter stets die Angst, in einer frauenfeindlichen Welt als Frau enttarnt zu werden.
Heirat mit einer Frau gegen jede Vernunft
Lange geht Roses Versteckspiel gut, bis der benachbarte Großbauer ihm seine Tochter aufdrängt. Gegen jede Vernunft heiratet Rose Suzanna, die ebenfalls ein Geheimnis mit sich trägt.
Nachdem sich die beiden einander offenbart haben, brechen sie aus ihren starren Rollen aus und bilden eine weibliche Solidargemeinschaft. Nichtsdestotrotz fliegt Roses Geschlechtsidentität schließlich auf.
Die Geschichte einer Selbstermächtigung
Markus Schleinzers Film beruht auf einem wahren Kriminalfall, mit dem er allerdings relativ frei umgeht. Für das Drehbuch hat er sich zusammen mit Alexander Brom mit den Schicksalen hunderter Frauen beschäftigt, die über drei Jahrhunderte dafür bestraft wurden, dass sie unter falscher Geschlechtsidentität mehr Freiheit beanspruchten.
Roses Schicksal erzählt Schleinzer als Geschichte einer Selbstermächtigung: nüchtern, aber immer wieder mit lakonischem Witz, der vor allem durch den Kontrast der salbungsvollen Formulierungen der Off-Erzählerin mit den gezeigten Bildern entsteht.
Regisseur Markus Schleinzer hat „die Anderen“ im Fokus
Schleinzer hat sich in seinen Filmen schon öfter mit „den Anderen“ in der Gesellschaft beschäftigt: wie, wann und warum entscheidet eine Gesellschaft, wer die Anderen sind und wie man mit ihnen umgeht? In „Michael“ ging es um einen Pädophilen.
In „Angelo“ um einen zwangseuropäisierten Nigerianer, der in der Wiener Hofgesellschaft des 18. Jahrhunderts ein einsames Leben als „Hofmohr“ fristete. Immer braucht die Gesellschaft den „Anderen“, um sich ihrer selbst zu versichern, und so ist es auch im Fall von „Rose“.
Sandra Hüller gilt als Bären-Kandidatin
Weil sie als Frau mit ihrer Täuschung die patriarchalen Machtverhältnisse in Frage stellt, zieht sie den geballten männlichen Zorn auf sich. Obwohl der Film im 17.Jahrhundert spielt, knüpft er mit seinen Fragen nach Gender, Geschlechterrollen und weiblicher Selbstbestimmung geschickt ans Heute an.
„Rose“ ist ein Highlight im Wettbewerb der Berlinale und Sandra Hüller sicher eine der Anwärterinnen auf den silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung.
„Rose“ von Markus Schlenzer mit Sandra Hüller kommt am 30.4. ins Kino
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