Auftakt mit einem starken Film

Die 76. Berlinale eröffnet mit dem Film „No Good Men“ über Frauen in Afghanistan

Kein einziger Hollywood-Film im Wettbewerb, dafür Autorenkino aus aller Welt und zur Festivaleröffnung ein Film über Frauen in Afghanistan. „No Good Men“ ist ein starker Film, der den unterdrückten Frauen in Afghanistan eine Stimme gibt.

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Stand

Von Autor/in Julia Haungs

Strömender Regen, aber kein Eklat

Festivalleiterin Tricia Tuttle dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein. Zwar zeigt sich das Berliner Februar-Wetter von seiner ollsten Seite. Es regnet in Strömen, aber zumindest überschattet kein Eklat die Eröffnung der 76.Berlinale.

Berlinale
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle am Eröffnungsabend der Berlinale auf der Bühne im Berlinale Palast.

Ehrenbär für die malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh

Die Filmbranche feiert die weltverändernde Kraft des Films und natürlich die malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh, die mit dem Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird.

Yeoh blickt auf eine lange Filmkarriere zurück von ihrem internationalen Durchbruch als Bond-Girl in „Tomorrow Never Dies“ über den Martial Arts Film „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ bis zu ihrem Oscar vor drei Jahren für „Everything Everywhere All At Once“.

Berlinale
In ihrer Dankesrede beschwört Michelle Yeoh die Kraft des Kinos in unsicheren Zeiten: „Filme machen ist immer ein Schritt ins Unbekannte, ohne Garantie. Dafür mit Intuition, Mut und dem Glauben daran, dass die Story das Risiko wert ist. Diese Unsicherheit ist keine Schwäche. Es ist der Herzschlag dieser Kunst.“

Herzensprojekt der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat

Dazu passt der Eröffnungsfilm „No Good Men“ – keine Hochglanzproduktion, sondern ein Herzensprojekt der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat, die auch das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle übernommen hat.

Sie spielt Naru, eine frisch getrennte, allein erziehende Mutter und Kamerafrau beim TV-Sender „Kabul News“. Als Frau ist sie eigentlich nur für eine seichte Ratgebersendung eingeteilt.

Pressestelle Berlinale
Naru (Shahrbanoo Sadat) ist eine talentierte Kamerafrau beim Fernsehen, sie lebt nach einer Trennung mit ihrem Sohn wieder bei ihren Eltern. Sie lernt den verheirateten Starreporter Qodrat (Mohammad Anwar Hashimi) kennen und verliebt sich in ihn.

Starker Film, der Frauen in Afghanistan eine Stimme gibt

Doch mit Beharrlichkeit erkämpft sie sich einen Platz an der Seite des renommierten Reporters Qodrat, den sie zu Außeneinsätzen begleitet. Die beiden verlieben sich und für einen Moment glaubt Naru, dass es vielleicht doch noch gute Männer gibt in Afghanistan. Eine Hoffnung, die Sharbanoo Sadat selbst fast schon aufgegeben hatte, wie sie bei der Berlinale erzählt.

„No Good Men“ spielt in Kabul 2021, kurz bevor die Taliban die Macht zurückerobern. Das politische System ist in Auflösung begriffen. Selbstmordattentate sind eine ständige Gefahr. Sharbanoo Sadat erzählt von der gefährlichen journalistischen Arbeit in Afghanistan. Besonders aber erzählt sie von der Situation der Frauen.

Zwangsheiraten, Gewalt in der Ehe und rechtliche Diskriminierung gehören auch vor der Rückkehr der Taliban völlig selbstverständlich zum weiblichen Alltag. „No Good Men“ ist der dritte von fünf Filmen, die Shahrbanoo Sadat über ihre Heimat Afghanistan drehen will.

Shahrbanoo Sadat (M), Regisseurin und Hauptdarstellerin von No Good Men.
Shahrbanoo Sadat (M), Regisseurin und Hauptdarstellerin von „No Good Men“. Die 36-Jährige ist 2021 aus Kabul geflohen und lebt mittlerweile in Hamburg.

Kraftvoller Auftakt der Berlinale 2026

Abgesehen von einigen dokumentarischen Aufnahmen vom Einmarsch der Taliban hat sie das Kabul von 2021 in Deutschland nachgestellt, unter anderem in Hamburg, Brandenburg und Rostock. Dass es sich dennoch authentisch anfühlt, grenzt an ein Wunder. 

Für den harten Stoff, den „No Good Men“ verhandelt, wirkt der Film erstaunlich leichtfüßig. Lebensnah und mit leisem Humor erzählt er von weiblicher Selbstbestimmung in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft.

Der Film gibt den Frauen in Afghanistan, die von den Taliban in die Unsichtbarkeit gedrängt wurden, eine Stimme. Und dem Festival, das sich so gerne als politisch versteht, einen kraftvollen Auftakt.

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Autor/in
Julia Haungs
Julia Haungs, Autorin  und Redakteurin, SWR Kultur