Familiengeschichte in der ostdeutschen Provinz

„Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch im Wettbewerb der Berlinale

Mit dem vielschichtigen Familienfilm aus der thüringischen Provinz ist Regisseurin Eva Trobisch zum ersten Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten. „Etwas ganz Besonderes“ überzeugt durch seine subtile Erzählweise, eine ungewohnte Sicht auf Ostdeutschland und ein großartiges Ensemble.

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Von Autor/in Julia Haungs

Ost-West-Konflikt in der Familie

Wenn es im Film um Familie geht, dann knallt es oft. In „Etwas ganz Besonderes“ bleibt an der Oberfläche dagegen ziemlich ruhig. Dabei gibt es genügend Konflikte zwischen den drei Generationen, die in der thüringischen Kleinstadt Greiz zusammenleben.

Die Eltern der 16-jährigen Lea sind frisch getrennt. Die Mutter ist schwanger von ihrem neuen Partner, hat aber auch noch Gefühle für Leas Vater.

„Etwas ganz Besonderes“ von EvaTrobisch
Leas Eltern Matze (Max Riemelt) und Rieke (Eva Löbau) sind frisch getrennt, da Rieke von einem anderen Mann schwanger ist und noch recht ungeübt in den neuen Familienverhältnissen. @Adrian Campean/ Trimafilm

Leas Großeltern stehen mit ihrem Hotel am Waldrand kurz vor der Pleite. Ihre Tante Kati ist nach Jahren im Westen zurückgekehrt, um das Stadtmuseum mit neuem Konzept wiederzubeleben. Allerdings eckt sie damit an, weil man sich die eigene Geschichte hier ungerne von außen erklären lassen will.

„Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch
In Leas Heimatort in Thüringen wird gerade das Museum kostspielig aus EU-Töpfen saniert. Die Familie kämpft dagegen ums wirtschaftliche Überleben ihrer Pension. @Adrian Campean/ Trimafilm

Frage nach der eigenen Identität

Lea nimmt gegen den Willen der Mutter an einer Castingshow teil. Im Interview soll sie von sich erzählen. Die Frage nach der eigenen Identität, danach, wie andere einen sehen und wie man selbst gesehen werden will, beschäftigt im Film nicht nur Lea. Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Trobisch erweist sich ein weiteres Mal als feinfühlige Erzählerin und genaue Beobachterin.

Anders als in ihrem Vergewaltigungsfilm „Alles ist gut“ und dem Sterbedrama „Ivo“ stehen dieses Mal nicht gesellschaftspolitische Themen im Mittelpunkt, sondern die Figuren selbst. Wie ein Seismograph zeichnet Trobisch die Stimmungsschwingungen im Familiengefüge auf.

In langen Einstellungen lauscht sie dem nach, was ungesagt bleibt, sich aber in Blicken und Gesten spiegelt. Dabei entsteht eine große Wahrhaftigkeit, die tiefgehende Erschütterungen genauso selbstverständlich einfängt wie alltägliche Streitigkeiten.

„Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch
Lea (Frida Hornemann) tritt bei einer Gesangs-Castingshow auf und wird gefragt: „Wer bist du und was macht dich aus?“ Lea weiß es nicht und beginnt, nach einem passenden Ich zu suchen. @Adrian Campean/ Trimafilm

Die Wende im Blick von drei Generationen

Eva Trobisch geht es um die Gruppe in diesem vielschichtigen Ensemblefilm rund um Max Riemelt, Eva Löbau und die Nachwuchsschauspielerin Frida Hornemann. Zum ersten Mal erzählt Trobisch nicht aus der Sicht einer Hauptfigur, sondern multiperspektivisch aus den Blickwinkeln der drei Generationen. 

Dabei erkundet sie auch, wie deren Leben unterschiedlich stark von der Wende geprägt wurde. Am meisten hadert die Großmutter, die in der DDR in der Weberei der Stadt arbeitete. Das Gebäude ihres ehemaligen Arbeitsplatzes wird gerade von Tochter Kati mit EU-Geldern schick musealisiert, während das Familienhotel vor dem Ruin steht.

Eva Trobisch ist ein besonderer Film gelungen

Trobisch bietet einen frischen Blick auf den Osten an, fernab von Plattenbau und Springerstiefeln. Der Film sei zwar nicht autobiographisch, aber doch sehr persönlich, erzählt die 42-Jährige bei der Berlinale. Familie ist ein dicht gewebtes Netz aus Beziehungen, vergangenen Kränkungen und dem Wunsch, von den anderen gesehen zu werden.

Diesem Zusammenspiel spürt Trobisch subtil nach. Wie sie es schafft, die vielen Konflikte im Auge zu behalten und alle Figuren mit freundlichem Blick zu betrachten – das macht ihren Film wirklich zu etwas ganz Besonderem.

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Autor/in
Julia Haungs
Julia Haungs, Autorin  und Redakteurin, SWR Kultur