Einer der größten Stars Hollywoods stirbt
Es sei eine der größten Tragödien in der Geschichte des Filmschaffens gewesen, kommentiert Charlie Chaplin am 24. August 1926 den Tod seines Freundes und Kollegen Rudolph Valentino: „Als Schauspieler erlangte er Ruhm und Ansehen, als Freund genoss er Liebe und Bewunderung.“ Am Tag zuvor, um 12:10 Uhr mittags, war der Stummfilmstar Rudolph Valentino gestorben. Er wurde nur 31 Jahre alt.
Am 15. August war Valentino in seinem Apartment im New Yorker Hotel Ambassador zusammengebrochen. Die behandelnden Ärzte gehen zunächst von einer akuten Blinddarmentzündung aus, doch der Befund ist falsch: Valentino leidet an einem perforierten Magengeschwür, die Symptome sind ähnlich. Später soll dieser Sachverhalt als Valentino-Syndrom bezeichnet werden.
Zum Zeitpunkt seines Zusammenbruchs ist Rudolph Valentino neben Douglas Fairbanks der größte männliche Star Hollywoods, eine der Ikonen der Roaring Twenties. Unzählige Blumen, Telegramme und Genesungswünsche erreichen Valentino am Krankenbett. Presse und Fans belagern das Krankenhaus rund um die Uhr. Bis zuletzt ist Valentino von seiner Genesung überzeugt.
Unsteter Lebenswandel in Paris und New York
Geboren wird der spätere Weltstar am 6. Mai 1895 im süditalienischen Städtchen Castellaneta. Sein Name: Rodolfo Pietro Filiberto Raffaello Guglielmi di Valentina d'Antonguolla. Der Vater, ein Militärarzt bei der italienischen Kavallerie, stirbt früh an Malaria, da ist der Sohn gerade einmal zehn Jahre alt. Seine französische Mutter, vor der Ehe Hofdame einer italienischen Markgräfin, zieht ihn und seine zwei Geschwister alleine auf.
In der Schule tut sich Valentino nicht durch gute Noten hervor. Er muss ein Jahr wiederholen, seine Lehrer beschreiben ihn als unbeständig und sehr temperamentvoll. Sein Plan, eine Karriere bei der Marine einzuschlagen, scheitert. Schließlich absolviert er eine Ausbildung im Landbau.
Mit 17 Jahren zieht Valentino weg aus Italien, in die Weltstädte Paris und Monte Carlo. Hier verkehrt der Teenager in Künstlerkreisen, er erlernt den damals so skandalösen Tango, für den er später berühmt werden soll. Doch in kurzer Zeit sind die Ersparnisse aufgebraucht. Als er nach Italien zurückkehrt, schickt ihn seine Familie in die Vereinigten Staaten – in der Hoffnung, dass er dort einen soliden Lebenswandel lernen werde.
Vom Tanzlokal zum Filmset
Doch auch in New York baut Valentino zunächst seine sozialen Kontakte weiter aus. Er verbringt die Abende in der High Society, zu der ihm alte Bekannte aus Paris Zutritt verschaffen. Tagsüber schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch.
In New York verhelfen ihm seine Tanzkünste zu Aufmerksamkeit: Über den Job als Eintänzer für reiche Damen in einem Tanzcafé findet Valentino den Weg auf die Bühne. Ab 1916 macht er in Statistenrollen seine ersten Erfahrungen beim noch jungen Medium Film.
Aufgrund seines südländischen Aussehens wird er zunächst vornehmlich in Schurkenrollen besetzt. So auch in seiner ersten großen Filmrolle: 1918 steht er als durchtriebener Graf Roberto in „The Married Virgin“ vor der Kamera.
Da sein Nachname für das amerikanische Publikum zu schwer auszusprechen ist, ändert er ihn kurzerhand: Aus Rodolfo Guglielmi di Valentina wird zunächst Rodolfo di Valentina und schließlich Rudolph Valentino.
Valentinos Durchbruch löst ein Tango-Fieber aus
Der große Durchbruch gelingt schließlich 1921 in „Die vier Reiter der Apokalypse“, der erfolgreichen Verfilmung des gleichnamigen Romanepos von Vicente Blasco Ibáñez. June Mathis, die das Drehbuch schrieb, schlägt Valentino für die Hauptrolle vor. Vor allem eine Szene, in der Valentino mit Szenenpartnerin Beatrice Dominguez Tango tanzt, wird berühmt. Der Film löst einen regelrechten Tango-Boom aus, Valentino wird zum Superstar.
Noch im gleichen Jahr spielt er in „Der Scheich“ eine seiner bis heute berühmtesten Rollen: Als Scheich Ahmed Ben Hassan entführt Valentino eine junge, weiße Frau. Er verliebt sich unsterblich in sie, lässt sie ziehen und muss sie schließlich aus den Fängen einer Horde Banditen retten.
Der erste Latin Lover
Die Rolle zementiert gleichzeitig das Bild des Stars in der Öffentlichkeit: Valentino gilt als Gegenentwurf zum „All American Guy“, dem weißen Vorzeige-Helden, wie ihn insbesondere Douglas Fairbanks in Abenteuerfilmen wie „Robin Hood“ oder „Das Zeichen des Zorro“ verkörperte.
Mit seinem südländischen Aussehen, seiner tänzerischen Körperlichkeit, dem hohen Modebewusstsein und dem makellos pomadisierten Haar wird Rudolph Valentino in der Presse zum „Latin Lover“ hochstilisiert: einem fremdländischen Verführer, der Frauen durch seine Sinnlichkeit und Leidenschaft um den Finger wickelt. Ein Männertypus ist entworfen, der noch heute für Schauspieler wie Antonio Banderas, Oscar Isaac oder Pedro Pascal bemüht wird.
Angriffe auf Valentions Männlichkeit
Der Kontrast des Männerbildes, das Rudolph Valentino besetzt, steht so in einem deutlichen Gegensatz zur vorherrschenden Vorstellung von Männlichkeit in den 1920er-Jahren. Eben diese wird Valentino, in Kombination mit Fremdenhass, in der Presse immer wieder abgesprochen. Der reagiert mitunter sehr impulsiv.
Einen Journalisten des Chicago Tribune, der eine ausgiebige Polemik über ihn schreibt, fordert Valentino etwa öffentlich zu einem Faustkampf heraus: „Der Mann hat alle Grenzen des Anstands und des gesunden Menschenverstands überschritten. Ich werde nach Chicago zurückkehren und ihm geben, was er verdient.“
Immer wieder wird darüber spekuliert, ob Valentino in Wirklichkeit eher dem eigenen Geschlecht zugeneigt ist. Gerüchte gibt es unter anderem über eine Beziehung mit dem mexikanischen Schauspieler Ramón Novarro, dieser bestreitet sie allerdings zeitlebens.
Unglück in der Liebe
Da hilft es auch nicht, dass Valentinos beiden Ehen spektakulär scheitern. Die Schauspielerin Jean Acker heiratet ihn 1919 vermutlich, um ihre lesbische Beziehung zu zwei Kolleginnen vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. In der Hochzeitsnacht soll sie Valentino aus dem Brautbett werfen, die Ehe bleibt unvollzogen.
Als Acker 1922 in die Scheidung einwilligt, heiratet Valentino direkt die Kostümbildnerin Natacha Rambova. Er weiß nicht, dass nach dem Einreichen der Papiere bis zur endgültigen Scheidung ein Trennungsjahr einzuhalten ist und landet wegen Bigamie im Gefängnis.
Rambova mischt sich in Valentinos Karriere ein. Sie gilt als herrschsüchtig und wird gegen Ende der Ehe von den Filmsets verbannt, auf denen ihr Mann arbeitet. Im Oktober 1925 reicht sie die Scheidung ein.
Bis heute unvergessen
Rudolph Valentinos unerwarteter Tod schlägt in Hollywood wie eine Bombe ein. Die Zeitungen sind voll von Berichten über Valentino. Freunde, Wegbegleiterinnen und Vertreter der großen Studios loben in Statements sein Talent, aber auch seine nahbare und offene Art.
Gloria Swanson betrauert „einen wahren Künstler, einen charmanten Gentleman, einen echten Sportsman und einen guten Freund“, Buster Keaton würdigt ihn als „einen echten Mann, eine Seele der Anständigkeit“.
Valentinos Beisetzung findet mit aller Grandezza statt, die sich für einen der größten Hollywoodstars der Stummfilmära gehört: Rund 100.000 Menschen säumen beim Trauerzug für Valentino die Straßen Manhattans. Schauspielerin Pola Negri, die angeblich zum Todeszeitpunkt mit ihm verlobt war, schreitet als trauernde Witwe hinter seinem 10.000 Dollar teuren Sarg her. Seine letzte Ruhestätte findet Rudolph Valentino auf dem Hollywood Forever Cemetery in Los Angeles, wo sein Grab bis heute Besucherscharen anzieht.
Der Stern der meisten Größen der Stummfilmzeit verschwand mit dem Aufkommen des Tonfilms in der Versenkung. Im Gegensatz zu ihnen blieb Rudolph Valentino auf dem strahlenden Zenit seines Erfolgs in Erinnerung: mit seinem umwerfenden Charme und nicht zuletzt dem leidenschaftlichen Tango.