Ich kann es kaum erwarten, Frauen ohne Kopftuch auf den Straßen Teherans zu filmen, in der Hoffnung, dass sich eines Tages die Regeln ändern.
Diese Bemerkung fiel beiläufig im Rahmen einer Diskussion über seine Arbeitsweise – hatte aber das Gewicht eines politischen Statements. Ashgar Farhadi, dessen Werk oft für seine subtile Gesellschaftskritik gelobt wird, sprach in Bologna ungewöhnlich direkt und trotzdem vorsichtig und klug über die Lage in seinem Heimatland.
Trailer: „The Salesman“ (Asghar Farhadi, 2017) – Oscar bester fremdsprachiger Film
Nicht mit Schauspielerinnen drehen, die ein Kopftuch tragen
Zurzeit dreht Farhadi nicht im Iran. Der Grund: das verpflichtende Tragen des Hijab für Frauen vor der Kamera. „Ich möchte nicht mit Schauspielerinnen drehen, die ein Kopftuch tragen – mein nächster Film wird in Frankreich entstehen“, erklärte er.
Es ist die klare Aussage eines Regisseurs, der Teheran bislang nie den Rücken gekehrt hatte. So betonte er seine emotionale Bindung: „Ich lebe weiterhin in Teheran, das ist mein Zuhause – jedes Mal, wenn ich keine beruflichen Verpflichtungen habe, kehre ich nach Hause zurück.“
Trailer „Nader und Simin“, Asghar Farhadi2017) – Oscar bester fremdsprachiger Film
Wachsende Repression gegen Kulturschaffende im Iran
Farhadis Aussagen fallen in eine Zeit internationaler Spannungen und wachsender Repression im Iran, insbesondere gegen Kulturschaffende. Dass Farhadi sich trotz internationaler Karriere noch öffentlich äußert, ist bemerkenswert – und wurde von der italienischen und internationalen Presse gleichermaßen gewürdigt.
Es war ein ehrlicher, politisch kluger und vorsichtiger Auftritt. Das Festival selbst unterstrich, dass der Regisseur sich auch im Gespräch stets der Kraft des Kinos als gesellschaftlicher Resonanzraum bewusst war.
Künstlerische Wurzeln im italienischen Neorealismus
Ästhetisch bleibt Farhadi dem realistischen Erzählkino treu, das ihn berühmt gemacht hat. Die Masterclass in Bologna verdeutlichte auch seine künstlerischen Wurzeln – und hier führte der Weg wenig überraschend nach Italien: „Die Figuren, die von Rossellini, De Sica und Co. erschaffen wurden, verkörpern einen Realismus voller Leben, spontan … ganz anders als die iranischen Figuren", so Farhadi. Insbesondere der Neorealismus habe ihn tief geprägt.
Erzählen in Grautönen statt in Schwarz und Weiß
Dabei verwies Farhadi nicht nur auf die Ästhetik dieser Klassiker, sondern auch auf ihre humanistische Tiefe. Sein eigenes Werk – darunter "Nader und Simin", "The Salesman" oder "A Hero" – ist geprägt von einer Dramaturgie, die alltägliche Konflikte aufgreift, ohne zu moralisieren. Stattdessen bietet er dem Publikum ein reflektierendes Spiegelbild gesellschaftlicher Ambivalenz.
In Bologna vermittelte Farhadi als Mentor das, was ihn ausmacht: die Beobachtung der Welt ohne Urteil, das Erzählen in Grautönen statt in Schwarz und Weiß.
Plädoyer für die politische Kraft der Kunst
Doch über allem stand in diesen Tagen ein leiser, aber unüberhörbarer Protest gegen das, was Farhadi in seinem Land derzeit nicht mehr zeigen kann. Seine Hoffnung auf Veränderung war dabei kein propagandistischer Aufruf, sondern Ausdruck tiefer künstlerischer und menschlicher Integrität – und eine eindrückliche Erinnerung daran, dass Kino, wenn es will, politisch sein kann, ohne je plump zu werden.
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