Dilemma zwischen Rache und Gerechtigkeit
Wie lässt sich herausfinden, ob jemand ein Folterknecht ist? Das ist die treibende Frage im neuen Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi.
„Ein einfacher Unfall“ erzählt von vier ehemaligen Gefängnisinsassen – dem Automechaniker Vahid (Vahid Mobasseri), der Fotografin Shiva (Mariam Afshari), der Braut Golrokh (Hadis Pakbaten) und Hamid, Shivas Ex-Freund (Mohamad Ali Elyasmehr) –, die zufällig ihren vermeintlichen Peiniger Eghbal (Ebrahim Azizi) in die Hände bekommen.
Außer Hamid ist sich jedoch niemand sicher, ob er es wirklich ist. Das spezielle Geräusch seiner Prothese hatte den Hinweis geliefert, sein Gesicht hatten sie mit verbundenen Augen nie zu sehen bekommen. Nun müssen sie nicht nur herausfinden, ob er es war – sondern sich selbst beantworten: Was, wenn er es war?
Proteste von historischem Ausmaß in Iran
Zwischen dem Aushandeln von vergangenen Traumas und gegenwärtigen Rachegefühlen richtet sich der Film vor allem an die Zukunft: Wie kann man sich gewaltlos vom Griff der Gewalt lösen, die einen erdrückt?
Es ist ein bezeichnender Moment, zu dem der Film nun in die amerikanische „Award Season” startet und auch hierzulande im Kino läuft: Zehntausende protestieren seit Wochen in Iran gegen die Mullahs. Mit drakonischer Härte geht das Regime gegen seine Bevölkerung vor; mehrere Tausend sollen getötet worden sein. Es ist eine kritische Stunde in der Geschichte Irans, der Ausgang noch ungewiss.
Am Samstag veröffentlichten Panahi und der hierzulande im Exil lebende iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof einen Post, in dem sie mahnten, dass das Regime „erneut zu seinen dreistesten Mitteln der Unterdrückung gegriffen hat“.
Erster Film nach dem Berufsverbot
Es ist Panahis erster Film, seitdem er nicht mehr unter Berufsverbot steht. Vierfach war er gerade beiden Golden Globes nominiert gewesen, letztes Jahr gewann er in Cannes die Goldene Palme. Für die Verleihung hatte der Regisseur erstmals seit 20 Jahren das Land verlassen.
2010 wurde Panahi zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, er stand unter Hausarrest. Dennoch drehte er fünf Filme aus dem Untergrund, unter anderem den Berlinale-Gewinner von 2015, „Taxi Teheran”.
Für sieben Monate war Panahi 2022 im berüchtigten Gefängnis Evin inhaftiert gewesen und dort in Hungerstreik gertreten. „Ein einfacher Unfall” handelt auf vermittelte Weise von dieser Zeit, in der er Erfahrungen anderer Insassen sammelte. Seit „Offside” (2006) ist es der erste Film, in dem ein Cast und nicht auch er selbst vor der Kamera steht.
Offiziell seien die alten Urteile zwar abgegolten, doch drehte Panahi wegen fehlender Drehgenehmigung wieder illegal. Das iranische Regime hat bekanntlich Mittel und Wege, die Filmschaffenden des Landes zu reglementieren.
Neben Diffamierungen, Berufs- und Reiseverboten, Hausarrest und Gefängnisstrafen besagt die Zensur, dass Frauen immer verschleiert sein müssen, Männer und Frauen sich nicht berühren und islamische Prinzipien nicht kritisiert werden dürfen. Der Fall der Schauspielerin Taraneh Alidoosti machte zuletzt Schlagzeilen: Sie beendete ihre Karriere mit der Begründung, kein Kopftuch mehr tragen zu wollen.
Blühende Filmbranche in Iran?
Es ist ein gewisses Paradox: Obwohl die Branche in Iran seit der islamischen Revolution 1979 stark reguliert ist, blühte der Film immer weiter auf. Mit großen Regisseuren wie Abbas Kiarostami wurde die Goldene Ära der Fünfziger- und Sechzigerjahre gewissermaßen fortgesetzt. Dank Stiftungen, Institutionen und privater Produktionsfirmen blieb die Filmkultur kompetitiv und lebendig.
Zuletzt machten sich besonders Rasoulof und Panahi dabei Namen, als Autoren eines Widerstandskinos zu agieren. In Iran wird ihnen vorgeworfen, Propaganda gegen das Regime zu machen. Rasoulof wurde 2022 festgenommen und 2024 zu acht Jahren Haft und Peitschenhieben verurteilt, woraufhin er floh.
Trotz der Widrigkeiten erreichen ihre Filme, eingereicht von anderen Ländern, die internationalen Leinwände und Festivals und werden vielfach ausgezeichnet.
Stets solidarisieren sich Schauspieler und die Organisatoren mit den Filmemachern, wie auch zuletzt anlässlich der neuen Proteste. Rasoulofs „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ war letztes Jahr den Oscar für den besten ausländischen Film nominiert, eingereicht wurde er von Deutschland.
Müssen iranische Filme politisch sein?
Der Film thematisierte die politischen Dynamiken innerhalb einer Familie, die ideologischen Fronten entfalten sich als aufreibender Thriller. Nach der Oscarnominierung wurde dennoch Kritik laut: Die westliche Filmszene zeichne iranische Filme besonders gern aus, wenn sie politisch seien.
In Iran ist der Begriff „Festivalfilm“ schon lange ein abwertender Ausdruck für Produktionen, die vor allem für einen internationalen Markt gedreht würden, und dabei das heimische Publikum vernachlässigten. Iranische Filme müssten, so die Kritik, politisch sein, um von einem westlichen Publikum kritisch beachtet zu werden.
Wie gerechtfertigt das ist, ist streitbar. Zu beobachten ist jedoch, dass die widrigen Bedingungen, unter denen iranische Filme entstehen, fast als eine Art Gütesiegel beworben werden, um die Aufmerksamkeit für Preise und bei Zuschauern zu gewinnen.
Ganz nach dem Prinzip: Einschränkungen fördern die Kreativität. Der ebenfalls oscarprämierte Regisseur Asghar Farhadi („Nader und Simin – Eine Trennung“, „A Salesman“) hielt dieser Vorstellung entgegen: Das funktioniere nur auf kurze Dauer, auf lange zerstöre es die Kreativität. Man solle sich nur vorstellen, wie viel mehr kreativen Output es aus Iran gäbe, gäbe es keine Einschränkungen.
Oscar-Nominierung für bester ausländischer Film
Panahi betont dabei stets, er sei kein politischer, sondern ein sozialer Filmemacher – denn Politik würde immer eine Gesinnung spiegeln. Er hingegen wolle vor allem die Gegebenheiten der Gesellschaft abbilden.
In einem Interview betonte er kürzlich, dass jeder Erfolg dem iranischen Kino zugutekommt und die Werte, für die die Iraner kämpfen, möglichst viel Aufmerksamkeit brauchen. Viele Filme erreichen in Iran schließlich nie die Leinwand – das Publikum findet sich über das Ausland.
„Ein einfacher Unfall“ geht dieses Jahr für Frankreich um den Oscar als bester ausländischer Film ins Vorrennen. Gerade befindet sich Panahi für die Kampagne in den Vereinigten Staaten.
Während seiner Abwesenheit wurde wieder eine einjährige Haftstrafe über ihn verhängt, gegen die er Revision eingelegt hat. Er erklärte bereits, dass er dennoch in seine Heimat zurückkehren wird. Wie die Proteste sie verändert haben wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht erwartet ihn ein Land, das sich fragen muss: Wie richten wir nun über die Folterknechte?