Kultserie „Stranger Things“geht in die finale Staffel
Es ist viel Zeit vergangen seit dem Herbst 1983. Fast zehn Jahre ist es her, um genau zu sein, dass die erste Staffel „Stranger Things” erschien und uns zurück in die Achtzigerjahre katapultierte. Diesen Winter wird die Erfolgsserie der Duffer-Brüder nun mit der fünften Staffel enden.
Und Netflix hat ganz schön aufgefahren, um dem Finale den Boden zu bereiten: In New York, Krakau, Paris, London und Los Angeles sowie anderen Städten wurden riesige Installationen ins Stadtbild gebaut. In Berlin errichtete man gar im Hangar des Flughafens Tempelhof einen Themenpark, wo sich Fans immersiv in die Serienwelt hineinbegeben konnten.
Das passt zu einer Serie, die so viele Rekorde brach – an Zuschauerzahlen (Milliarden) wie an Produktionskosten (hunderte Millionen). Vielleicht brauchte es dieses Ausmaß aber auch, um daran zu erinnern, wie wichtig, wie groß diese Serie 2016 war. Denn wegen Pandemie, Streiks und Produktionsaufwand mussten die Fans allein zwischen den letzten beiden Staffeln insgesamt sechs Jahre warten.
Zurück in Hawkins und dem „Upside Down“
Es gab schon vorab des Erscheinens viele Witze darüber, wie alt die einstigen Kinderdarsteller denn nun aussehen würden – und ja, sie sind längst erwachsen geworden (Millie Bobby Brown hat sogar geheiratet und ein Kind adoptiert). Dabei war es bekanntlich noch nie ein Problem für Highschool-Serien, Darsteller über zwanzig zu casten.
Und diese speziellen Jugendlichen dürften aufgrund ihrer brutalen Abenteuer ohnehin schneller gealtert sein. Das Nesthäkchen unter ihnen, Will (Noah Schnapp), wurde in besagtem November 1983 in das sogenannte „Upside Down“ entführt, eine Schattenversion der Kleinstadtidylle Hawkins, Indiana, in der so einige Schauerkreaturen kreuchen und fleuchen.
Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo) und Lucas (Caleb McLaughlin), durch das Rollenspiel “Dungeons and Dragons” geübt im Umgang mit Monstern, retteten ihren Freund damals mithilfe eines Mädchens mit telekinetischen Kräften, Eleven, oder Elfi genannt (Millie Bobby Brown).
Begleitet von älteren Geschwistern und Freunden, dem Polizisten Jim Hopper (David Harbour) und Wills Mutter Joyce Byers (Winona Ryder), bekämpften sie daraufhin immer wieder, was durch einen glühenden Riss in ihre Welt drang.
Von Monstern und Feinden
Neben Unterweltmonstern wurden dabei natürlich noch andere Feinde bekämpft: Die Regierung, das Militär, moralisch fragwürdige Wissenschaftler und natürlich die Sowjets, die selbst mit dem „Upside Down“ experimentierten.
Wie sich in der vorigen Staffel dann herausstellte (Achtung: Spoiler), sind die Demogorgons, Demobats, Demodogs, D’artagnan, der Mind Flayer und andere Monster aber nicht zufällig ihren Schatten entschlüpft. Ein Artverwandter von Elfi, One oder Vecna genannt, ist der muskelsträngige Strippenzieher, der seinen weltzerstörereischen Plan in der nervenaufreibenden vierten Staffel ausbreitete.
Diesen übermächtigen Feind gilt es nun aufzuspüren und endgültig zu zerstören. Oder wie Mike es in der neuen Staffel knapp zusammenfasst: „Wir hören erst auf, wenn der faltige, nasenlose, verrottende Bastard tot ist.“
Neue Staffel in alten Schläuchen?
Inzwischen ist es also wieder Herbst, wir schreiben das Jahr 1987. Hawkins und seine Einwohner sind sichtlich gezeichnet von den letzten vier Jahren. Und der „nasenlose Bastard“ ist nicht zu finden. Zudem wurde die Stadt abgeriegelt, während die Regierung Elfi sucht und eine eigene Militärstation im „Upside Down“ unterhält.
Für die finale Staffel versuchen die Duffer-Brüder ihre Serie damit sichtlich nicht nochmal neu zu erfinden: Die zentrale, kindliche Perspektive wird wieder mit einer jüngeren Schauspielerin zurückgebracht, wenn Mike und Nancys kleine Schwester Holly wie Will damals entführt wird.
Ikonische Motive und Meta-Nostalgie
Es tauchen wieder ikonische Motive auf, wie die pittoreske Familienvilla der Creels oder die komatöse Max, die sich über Musikfetzen an die Welt ihrer Freunde klammert.
So mancher Spannungsbogen wird dabei anfangs flach gespannt: In Dialogen wird etwas hier und da übererklärt, man bekommt Hinweise früher als die Charaktere oder es werden zu einfache Schlussfolgerungen an einen herangetragen.
Beispielsweise werden die Geschwister Wheeler nicht hellhörig, dass die kleine Holly einen unsichtbaren Freund hat, der ihr ständig etwas von Monstern erzählt, bis sie schließlich verschwindet.
„Es ergibt keinen Sinn“, sagt Nancy dann über all die Hinweise, die sie zusammenträgt, und dieses Erstaunen ermüdet an einigen Stellen. Nach all den Jahren müssten sie es schließlich besser wissen.
Man möchte sich aber auch nicht der Meta-Nostalgie gegenüber der ersten Staffel verweigern, in der man selbst noch von naivem Staunen gefesselt herausfinden musste, welches große Muster sich ergeben würde. Die Serie tat gut daran, die Enthüllung trotz langer Wartezeiten bis zur vierten Staffel aufzuheben.
Gekonnte Genremischung
Und wenn es um dieses große Ende geht, erschaffen die Duffer-Brüder wieder eine einnehmende Mischung aus nerdigem Mysteryrätseln im Wohnzimmer, brutalen Folter- und Actionszenen im Militärgelände, und gutem alten „gory horror“ der Monsterwelt, mit zuverlässigen Jumpscares der schon fast lieb gewonnenen Demogorgons.
Das Übel findet sich dabei natürlich nie nur im abstrakten Vecna und seinen Monstern, sondern auch in den Mobbern auf den Schulfluren oder Regierungsforscherin Dr. Kay, gespielt von Linda Hamilton (genau: einst Sarah Connor in „Terminator“), die diesmal ihr Spezialkommando mit forscher Hand führt.
Popkulturelles Referenzsystem
Die Serie wurde jedoch nicht nur wegen ihrer gekonnten Genre-Erzählweise so erfolgreich. Die ausgefeilte popkulturelle Hommage an die Achtzigerjahre begeisterte Fans und Kritiker gleichermaßen. Und allerlei ließ sich finden: Eine Außenseiterin wie in „Carrie“, Schutzanzüge wie in „Alien“, ein Teufel wie in „Hellraiser“ und natürlich die Freundestruppe wie in „Stand by Me“.
Kate Bush wurde eingespielt („Running up that Hill“ wurde durch die Serie wieder in die Charts gehoben) oder „Never Ending Story“ von Limahl gesungen. Der großartige Originalsoundtrack von Kyle Dixon und Michael Stein mit dem eingängig-melancholischen Synthesizer-Motiv tat sein Übriges.
„Stranger Things“ stellte sich somit als der ideale Zitate-Kanon aus Steven Spielberg und Stephen King, John Carpenter und John Hughes dar. Auch in der finalen Staffel gibt es wieder viele Referenzen: Holly liest bezeichnenderweise „A Wrinkle in Time“, ein Boogeyman wartet am Zaun, ein BMW wird verschandelt wie der Ferrari in „Ferris macht blau“.
Ein Selbstläufer also, dass „Stranger Things“ großen Anklang bei Mittfünfzigern fand, die kulturelle Fragmente ihrer Kindheit als düster-grelles Sci-Fi-Horror-Karussell neu zusammengesetzt, angetrieben von einem Coming-of-Age-Plot. Kritiker stellten gern heraus, wie schön diese VHS-Welt ohne Smartphones und Internet doch anzusehen sei.
Marvel’esker Megaseller
Man wäre fast geneigt, dieser Beobachtung zuzustimmen, wären es nicht ausgerechnet diese popkulturellen Referenzen, über die sich online frenetisch ausgetauscht wurde – und würde „Stranger Things“ nicht ausgerechnet bei einem Mega-Binge-Streamingkonzern laufen.
Damit ist „Stranger Things“ zu einem beispiellosen Referenzsystem über sein Jahrzehnt hinaus geworden. Als erfolgreiches Zugpferd wurde die Serie mit allerlei Sponsoren ausgestattet: Für die dritte Staffel allein sollen 75 Marken Werbeverträge abgeschlossen haben.
In marvel’esken Ausmaßen verantwortete Netflix Merchandiseprodukte, zahlreiche Marken legten passende Nostalgieprodukte auf (auch in der neuen Staffel bekommt eine Cola-Dose eine eigene Nahaufnahme).
Die Serienwelt wurde daraufhin auf weitere Medien ausgebreitet: von Videospielen, über ein Broadwaystück bis zu einem neuen Comicserien-Spinoff. Dass eine Serie, die die Reagan-Ära beschwört, zur maximal-kapitalisierten Werbefläche wurde, ist dabei vielleicht auch ganz stimmig.
Erfolgreiche Serienästhetik
Als Netflix 2019 erstmals die Zuschauerzahlen für seine Eigenproduktionen angab, führte „Stranger Things“ die Liste also mit großem Abstand an.
Damals ließ sich ablesen, was nach der „House of Cards“-Ära bis heute gut für den Streaminganbieter funktionieren würde: Serien, die in High-School-Kontexten spielten („Élite“, „Umbrella Academy“, „Sex Education“), und die sich ästhetisch als vergleichsweise saturiert darstellen: Viel Neon, dunkle Bilder, Kostüme, die nach Kostümen aussehen.
Die ebenfalls referenzgesättigte Goth-Teenieserie „Wednesday“, wenngleich dramaturgisch flacher als „Stranger Things“, hat in den langen Wartezeiten längst die Nachfolge angetreten.
Nostalgie und generationenübergreifende Unterhaltung
Dass „Stranger Things“ bis heute ein breiteres Publikum auf sich vereinen kann, liegt daran, dass die Coming-Of-Age-Geschichte nicht an die Jugend gebunden ist. Während man dabei zusieht, wie Will, Mike, Dustin, Lucas, Elfi und Max ihre Kindheit loslassen, sind es vor allem die Eltern, die hier lernen, ihren Rollen gerecht zu werden.
In der fünften Staffel gehören die Szenen dazu zwei Müttern: Joyce, die sich bei ihrem Sohn für ihre Verantwortungslosigkeit entschuldigt. Und Karen Wheeler (Cara Buono), die wie eine Löwin mit einer Weinflasche gegen ein Demogorgon kämpft.
Ein Blick in die Vergangenheit und die Gegenwart
Der Cartoonist Mike Dawson zeichnete diesen Sommer in der “New York Times” einen Comic, wie er die Serie mit seinen Kindern sieht: Ja, die Show erinnere an die schönen Dinge seiner Kindheit, sagt er – Fahrradfahren, Shopping-Malls, Winona Ryder. Akkurat sei das dabei natürlich nicht: Denn als Junge in den 80ern sei man vor allem damit beschäftigt gewesen, homophobe Witze zu erzählen.
Dass Will Byers schwul ist und Robin (Maya Hawke) lesbisch, wird in der neuen Staffel dann zur spät auserzählten Metapher. Es ist der eigentliche Handlungsstrang, dem man damals vor fast zehn Jahren zu folgen begann: Natürlich will man nicht, dass Hawkins wie prophezeit in Flammen aufgeht. Vor allem aber wünscht man sich, dass dieser groß gewordene Junge sein Trauma bezwingt und zu sich selbst findet.
Robin, die sich selbst schon etwas näher ist, gibt ihm dafür einen der schönsten Monologe der ganzen Serie. „Ich musste einfach aufhören, Angst zu haben“, sagt sie. „Angst davor, wer ich wirklich bin.“ Wer das tue, könne frei sein, ja sogar fliegen. Sätze, die nach Pathos der Achtziger klingen. Das macht sie aber nicht weniger gegenwärtig.
Ab dem 27. November Folge 1 bis 4 auf Netflix zu sehen.
Folge 5 bis 7 ab 26. Dezember, die finale Episode am 01. Januar 2026