War es Mord oder Suizid?

Einsamkeit als Geschäftsmodell: Bewegender Tatort „Überlebe wenigstens bis morgen“ aus Stuttgart

Im neuen Stuttgarter Tatort konfrontiert Regisseurin Milena Aboyan die Kommissare Lannert und Bootz mit Einsamkeit: Eine Tote blieb offenbar monatelang unbemerkt. Ein bewegender Film über die zerstörerische Kraft enttäuschter Erwartungen in Bezug auf Liebe und Anerkennung.

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Von Autor/in Karsten Umlauf

Monatelang tot unentdeckt in der eigenen Wohnung

Nach einem Brand in einem Wohnhaus entdeckt die Polizei die Leiche einer jungen Frau. An deren Überresten bleibt die Kamera glücklicherweise nicht lange hängen.

„Überlebe wenigstens bis morgen“ von Milena Aboyan
Nelly (Bayan Layla) sieht und hört ihre Freunde in der Wohnung. Aber die beiden wollen sie offensichtlich nicht sehen und öffnen nicht.

Im Gedächtnis bleiben dafür umso mehr die unterkühlten Aussagen der Nachbarin, die wenig Interesse an der neuen Mitbewohnerin zeigt. Außerdem hatte Nelly Schlüter über verschiedene Dating-Apps versucht, Männer kennen zu lernen.

Einsamkeit als Geschäftsmodell im Netz

Für die Kommissare Lannert und Bootz geht es darum herauszufinden, ob Nelly nun ihr Leben aus Verzweiflung selbst beendet hat oder ob sie doch umgebracht wurde. Menschen, die intensiv versuchen, zu anderen Kontakt aufzubauen und das nicht schaffen, sind gefährdet. Weil sie am Alleinsein leiden.

„Überlebe wenigstens bis morgen“ von Milena Aboyan
Das schon im Kinofilm „Elaha“ bewährte Team aus Hauptdarstellerin Bayan Layla (Nelly) und Regisseurin Milena Aboyan schafft es, Klischees weitgehend zu vermeiden. Und sie zeigen, wie toxisch enttäuschte Erwartungen im Bezug auf Liebe und Anerkennung werden können.

Einsamkeit: Das Problem ist nicht neu, Corona hat aber gerade bei Jüngeren wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Der Film thematisiert auch, wie sich um dieses Phänomen herum eine Traube von Hilfe- und Selbsthilfeangeboten im Netz gebildet hat, von seriös bis windig. Manche machen sogar aus Suizid ein Geschäftsmodell.

Klischees werden geschickt vermieden

„Überlebe wenigstens bis morgen“ heißt der titelgebende Song des Liedermachers Gundermann. Aber was, wenn man an das „Morgen kommt es wieder anders rum“ nicht mehr glaubt? Der Film erzählt davon, ohne larmoyant zu werden.

Überhaupt gelingt es Regisseurin Milena Aboyan und ihrer Hauptdarstellerin Bayan Layla, Klischees weitgehend zu vermeiden. Und zu zeigen, wie enttäuschte Erwartungen im Bezug auf Liebe und Anerkennung toxisch werden.

Auch Tatort-Kommissare sind einsam

Der Tatort erzählt schlaglichtartig in Zeitsprüngen, wie sich Nellys Verhältnis zu ihrer Umwelt verändert und wie sie sich immer wieder in Traumwelten verliert. Berührend dabei die Rolle der hilflosen Eltern, die es aufgegeben hatten, sich ihrem erwachsenen Kind zu nähern.

Und wie sich das bei den Ermittlern spiegelt: Lannert als einsamer Porschefahrer, der sich in die Arbeit stürzt, während sein jüngerer Kollege an die eigenen Kinder denkt.

„Überlebe wenigstens bis morgen“ von Milena Aboyan
Euphorie sieht anders aus: Eva Möbius (Daniela Holtz) weiß genau, dass ihre Kollegen Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) Vorbehalte gegen sie haben. Aber davon lässt sie sich nicht einschüchtern.

Die falschen Fährten, die der Film zur Spannungssteigerung legt, sind nicht alle gut zu Ende geführt. Aber sein insgesamt zurückhaltender Ton überzeugt mit der Empfehlung, sich nicht aus dem Weg zu gehen, Eigenheiten und Reibereien anzunehmen. Und, wie es die hemdsärmelige Kollegin Möbius demonstriert, im Zweifel lieber mal die Samthandschuhe wegzulassen.

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Karsten Umlauf