Schwerpunkt in diesem Jahr sind Filme aus der Schweiz und Puppenanimationen, die in der klassischen Stop-Motion-Technik entstanden sind. Darüber hinaus gibt es Master Classes mit den ganz Großen des Genres und den direkten Austausch zwischen dem Publikum und Filmschaffenden.
Verstörende Szenen auf einer Klopapierrolle
Ein Filmschneidetisch aus bunten Bauklötzchen und einem Holzrahmen, durch den eine Klopapierrolle von links nach rechts läuft. Begleitet von Bachs zeitloser Musik ziehen teilweise verstörende Szenen vor dem Auge des Betrachters vorbei: Ein Flügel, der von einem Mann gestimmt wird und später in Flammen steht, Soldaten mit Maschinenpistolen oder schießende Panzer.
Die Handlung des Kurzfilms „The Wild-Tempered Clavier“ wird allerdings zur Nebensache, denn immer wieder reißt die Filmrolle aus Klopapier und wird von zwei flinken Händen zusammengefügt. Im Zentrum des Films, mit dem die Animationskünstlerin Anna Samo im Internationalen Wettbewerb antritt, steht viel eher die Technik, die Stop-Motion.
„Ich habe eine lange sehr lange Beziehung mit Stuttgart Filmfestival, weil schon mein erster Film Studentenanimationsfilm in 2009 dabei war“, erzählt sie, „und ich freue mich natürlich auch, dass dieses Jahr die Stop-Motion im besonderen Fokus steht beim Festival, weil: das ist meine Welt.“
Puppenanimation in Stop-Motion-Technik: ein bisschen Old Fashion
Diese traditionelle Technik, bei der die Objekte animiert werden, indem sie für jedes Bild nur ganz wenig verändert werden – so wie bei einem Daumenkino – ist nicht nur die Welt der in Russland geborenen Filmemacherin Anna Samo. Den Trend zum Stop-Motion-Film erklärt sich die künstlerische Leiterin des Trickfilmfestes Annegret Richter mit Blick auf die eingereichten Filme damit, dass man dabei die eigene Kreativität noch besser ausleben könne als bei den digitalen Techniken.
„Bei Stop-Motion – und in diesem Jahr konzentrieren wir uns auf die Puppenanimation – da ist es so, dass man im Prinzip nachvollziehen kann, wie jedes Bild aufgenommen wurde, wie die Puppen bewegt wurden“, so Annegret Richter. „Es ist vielleicht ein bisschen Old Fashion, aber es ist zeitgemäß, weil es etwas ist, was alle Menschen für sich annehmen können.“
Einen Eindruck davon, wie aufwendig die Stop-Motion-Technik bei der Puppenanimation ist, vermittelt der mehrfach ausgezeichnete Film „Tennis, Oranges“: Ein Staubsaugerroboter quittiert in der Zeit der Pandemie seinen Job in einem Krankenhaus und trifft auf zwei alte Kaninchen, die in ihren Alltagsroutinen gefangen sind - sie vertreiben sich die Zeit mit Fernsehen oder Spaziergängen im Wald. Ein liebevoll arrangiertes, detailverliebtes Setting und poetisches Spiel mit Vergänglichkeit und Wiederholung.
Master-Classes mit Sean Pecknold und dem Erfinder von Wallace & Gromit
Der Autor des Films, der US-Amerikaner Sean Pecknold, wird bei den Trickfilmtagen zu Gast sein und in einer Master-Class Einblicke in seine Arbeit geben. Ebenso wie der Brite Will Becher, von dem die vielbeachteten Knetfiguren-Stop-Motion-Produktionen „Wallace & Gromit“ und „Shaun das Schaf“ stammen.
Ihn faszinierte die Animation schon als Kind: „Ich habe Bambi im Kino gesehen. Das ist meine früheste Erinnerung ans Kino und es war unfassbar traurig und schrecklich bewegend. Ich denke, da habe ich realisiert, dass Animation einfach eine großartige Kunstform ist, um Geschichten zu erzählen.“
Die Schweiz ist beim Animationsfilm gut aufgestellt
Und dass diese Kunstform bei weitem nicht nur was für die kleinen Zuschauer ist, beweist der Blick ins Programm des Trickfilmfestivals, das in diesem Jahr den Fokus besonders auf die Schweiz richtet. Ein Land, das sehr gut aufgestellt ist, was den Animationsfilm angeht: Es gibt viele europäische Koproduktionen, Hochschulen und sehr viel kreatives Potenzial. Inhaltlich sind die Schwerpunkte die Themen Frieden, Freiheit, Grenzen, die es zu überwinden gilt oder auch der Naturschutz.
So erzählt etwa der 2024 für Europäischen Filmpreis nominierte Film des renommierten Regisseur Claude Barras „Sauvages“ die berührende Geschichte eines jungen indigenen Mädchens aus Borneo, das ein Orang-Utan-Baby rettet und mit seinem Cousin gegen die Zerstörung des Regenwaldes kämpft. Wie der Stop-Motion-Film entstand, auch das wird erzählt: in einer Ausstellung mit Originalpuppen, Kulissensets und Miniaturwelten von Wäldern und Plantagen.
Trickfilm-Festival Stuttgart Der Animationsfilm „Memory Hotel“ von Heinrich Sabl
„Memory Hotel“ ist ein höchst außergewöhnlicher Animationsfilm des Berliner Regisseurs Heinrich Sabl, eine Parabel über Deutschland von 1945 bis zur Wende. 30 Jahre hat Sabl daran gearbeitet, und sagt heute: „Ich will keinen Tag davon missen.“
Internationales Trickfilmfestival Stuttgart Künstlerische Leiterin des Trickfilmfestivals Annegret Richter: Kreativität kann nicht durch KI ersetzt werden
Annegret Richter, künstlerische Leiterin des Trickfilmfestivals Stuttgart, erklärt, was unter dem Begriff Animation zusammengefasst wird und wie die Animationsfilmszene zu Künstlicher Intelligenz steht.