Zum Geburtstag des Kultregisseurs

Wim Wenders wird 80: Der ewig Versöhnliche

Von „Paris, Texas“ bis „Perfect Days“: Wim Wenders hat ein zeitloses Werk geschaffen – nicht nur, weil er stets die Schönheit suchte, sondern auch das Politische scheute. Wie verändert die jüngste Gegenwart den Blick auf sein Werk?

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Von Autor/in Caroline O. Jebens

Wim Wenders wird achtzig, und das ist kein besonders subtiler Geburtstag für einen Deutschen. 1945 in Düsseldorf geboren, bedeutet jeder runde Geburtstag ein weiteres Jahrzehnt Frieden.

Und da das Nachkriegskind Wenders im wortwörtlichen Sinne mit der Bundesrepublik groß geworden ist, war er als Regisseur dazu angehalten, sich mit dieser Herkunft auseinanderzusetzen – und damit, was sie mit der Filmkunst macht.

Retrospektive in der Bundeskunsthalle in Bonn

Über sechzig Filme hat Wenders seit den Siebzigerjahren gedreht. Er ist Mitbegründer des Neuen Deutschen Kinos, gewann die wichtigen Preise in Cannes, Venedig und Berlin, und wurde mehrfach bei den Oscars nominiert.

Zu seinen bekanntesten Filmen zählen das poetische Drama „Der Himmel über Berlin“ (1987), das preisgekrönte Roadmovie „Paris, Texas“ (1984), die musikalische Dokumentation „Buena Vista Social Club“ (1999), der Klassiker des Neuen Deutschen Films „Alice in den Städten“ (1974) und der dokumentarische Tanzfilm „Pina“ (2011).

Wim Wenders gewinnt die Goldene Palme in Cannes für "Paris, Texas", 1984
Der Regisseur gewinnt die Goldene Palme in Cannes für "Paris, Texas", 1984

Eine Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn widmet sich ausführlich seinem Gesamtwerk, das neben Filmen auch Zeichnungen, Fotografien, Schriften und Collagen beinhaltet. Mit lauten Versalien – „W.I.M.“ – ist sie betitelt, und als immersive Rauminstallation angelegt, für die der Meister selbst den Audioguide spricht.

Das passt, denn Wenders mag von der ruhigen Sorte sein, sicherlich aber nicht von der bescheidenen. Schon 2012 hat er die Wim-Wenders-Stiftung ins Leben gerufen, um sein Erbe zu bewahren und zugänglich zu machen.

Dennis Hopper in "Der Amerikanische Freund" von 1977.
Kontemplativer Cowboy: Dennis Hopper in "Der Amerikanische Freund" von 1977.

Der Mann in Bewegung

Wie die Bundeskunsthalle erklärt, steht das Akronym für „Wenders in Motion“, ein allzu stimmiger Titel – nicht nur, weil sein Hauptmedium motion pictures sind, sondern auch, weil es das große Thema seiner früheren Arbeiten war: Sie handeln von Zufußläufern, Zugfahrern, Autofahrern, Flugreisenden, von Menschen on the road. 

Für Wenders ist der Roadtrip nicht nur Trope des amerikanischen Films, die Bewegung steht für das Erzählen selbst. Man dürfe nur „ernsthaft erzählen“, sagte er einmal, wenn man nicht wisse, wie es ausgeht. Das Erzählen sei ein Abenteuer: „Wenn es einen guten Anfang hat und sich dann auf den Weg macht, on the road, dann gibt es für mich nichts Schöneres als die Haltung, die ich dahinter entdecke.“ 

Der Neue Deutsche Film

Seine Filmbildung eignete sich der junge Wenders in der Cinémathèque Francaise in Paris an, 1967 wird er im ersten Studienjahrgang an der neu gegründeten Hochschule für Film und Fernsehen in München aufgenommen. Sein Abschlussfilm ist ein utopisches Porträt seiner Generation. 1971 gründet er mit anderen Filmschaffenden den Filmverlag der Autoren, ein Verleih, mit dem sie ihre Werke in Programmkinos unterbringen. 

Wenders wird sich stets als Autorenfilmer begreifen, sich aber auch nach dem großen Publikum sehnen – weil er „Paris, Texas“ 1984 international vertreiben will, kommt es später zum Bruch mit dem Verlag, und damit auch mit der Philosophie des Neuen Deutschen Films. 

Denn Wenders scheute das Politische seiner Zeit: Während beispielsweise der provozierend-laute Rainer Werner Fassbinder sich mit den Rändern und Abgründen der Nachkriegsgesellschaft beschäftigte, blieben Wenders Erstwerke vermittelnde Auseinandersetzungen mit Deutschland.

„Alice in den Städten“ (1974) erzählt von einem Journalisten, der die Großmutter eines Mädchens sucht;  „Im Lauf der Zeit“ (1976) von zwei Männern, die im deutschen Grenzgebiet entlang reisen und Kinos reparieren.

Bruno Ganz in seiner Paraderolle als Engel in "Der Himmel über Berlin", 1987
Bruno Ganz in seiner Paraderolle als Engel in "Der Himmel über Berlin", 1987

Seine filmische Antwort auf das, was Deutschland ist, was es sein könnte, folgt erst 1987 mit einem seiner berühmtesten Filme, „Der Himmel über Berlin“. Sein enger Freund, der Schriftsteller Peter Handke, schrieb das Drehbuch, Bruno Ganz spielte die Hauptrolle, die vor allem Engel ist, und nicht Berliner – kurz vor der Wende interessiert Wenders das Existenzielle der Ewigkeit und weniger das Konkrete der Gegenwart. 

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Siegessäule, von der aus der Engel hinabblickt, ein Symbol für den deutschen Nationalstaat, nun auch „Wims Engel” genannt wird.

Sehnsuchtsort Vereinigte Staaten

Wenders bleibt in einer idealisierten Version des Westens verhaftet, den Vereinigten Staaten, vor allem ihrer Musik, ihren Malern, nach denen er sich schon als Kind gesehnt hat. „All das, was ich mochte, kam aus Amerika“, sagt er, die deutsche Nachkriegskultur langweilige und da sei das Gefühl, „dass irgendwas nicht stimmte“, dass alle immer nur nach vorne gucken wollten und nicht zurück. 

Er schwenkt derweil über die Ferne, in der entfremdete Vaterfiguren mit zerstörten Träumen und Idealen, Kindern und Frauen hadern. Die Flucht in die Vereinigten Staaten wird sich jedoch als Kehrtwende zur unausweichlichen Erkenntnis erweisen: „Ich war immer noch Deutscher“, ja, im Ausland noch mehr als in der Heimat.

Nastassja Kinski und Harry Dean Stanton in "Paris, Texas"
Nastassja Kinski und Harry Dean Stanton in "Paris, Texas"

Dass die Staaten nicht hielten, was sie ihm versprachen, zeigte sich, als er versuchte Teil der durch New Hollywood nachwirkenden Erfolge zu werden. Von 1978 an drehte er „Hammett“, den Francis Ford Coppola mit seiner neuen Produktionsfirma finanzierte.

Es kam zum Ausfall: Setzte sich hier ein europäischer Autorenfilmer über den amerikanischen Produzenten hinweg? Wollte der Regisseur seiner damaligen Frau eine Rolle zuschustern? Gebrandmarkt kehrt er zurück und dreht den Rachefilm „Der Stand der Dinge“ (1982).

Die Welt der Einzelgänger

Die Einzelgänger und die Frauen sind ein wiederkehrendes Thema in seinem Werk. Seine Filme erzählen meist von Männern, die verunsichert oder kontemplierend durch die Welt streifen, die Frauenfiguren sind weniger ausgeleuchtet, meist schön anzusehen, ein Objekt der Begierde, Anlass für eine Suche, und wenn sie selbst auf der Suche sind, wie in „Bis ans Ende der Welt“ (1991), dann ist es die Liebe eines Mannes, die sie begehren. 

Das Frauenbild spiegelt sich auch in seinem Privatleben, wenn seine Frau Donata offen sagt: Ja, er ist der große Wenders, der große Dampfer, der immer weiter gleitet – und sie, die zwanzig Jahre Jüngere, sei das Beiboot.

Lisa Kreuzer in "Der Amerikanische Freund", 1977
Lisa Kreuzer in "Der Amerikanische Freund", 1977

Sein letzter Spielfilm „Perfect Days“ (2023) erzählt die Geschichte eines feinsinnigen Toilettenputzers in Tokio – es ist ein zarter Blick auf diesen einsamen Mann, der aber weniger die Umstände der Figur begreifen will, als die Schönheit, die ihn umgibt, sei es durch die Musik, die Malerei, die Fotografie. 

Ob Vereinigte Staaten oder Japan, ob Portugal („Lisbon Story“), Italien („Palermo Shooting“) , Kuba und Mexiko („Buena Vista Social Club: Adios“) – Wenders Blick ist stets geweitet auf die Welt, und bleibt doch verengt auf eine stets versöhnliche Perspektive. Der Konflikt mit der Heimat bleibt aus.

Wim Wenders bei der Eröffnung der Ausstellung "W.I.M." in der Bundeskunsthalle
Wim Wenders bei der Eröffnung der Ausstellung "W.I.M." in der Bundeskunsthalle

Wim Wenders heute

Einer der anderen Großen des Neuen Deutschen Kinos, Werner Herzog nämlich, sagte vor sechs Jahren, dass Wenders „unsere Zeit verkörpert“ – eine Zuschreibung, die heute noch schwerer wiegt, seit „unsere Zeit“ sich zuletzt doch stark verändert hat.

Heute könnte Wenders nicht mehr in derselben Weise Filme über die Vereinigten Staaten drehen, der Mythos Americana ist gebrochen. Und auch in Europa halten die Geister der Vergangenheit wieder Einzug. 

Kurzfilm Wim Wenders: Die Schlüssel zur Freiheit

Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes hat Wenders einen fünfminütigen Kurzfilm für das Auswärtige Amt gedreht, „Die Schlüssel zur Freiheit“, der von der Kapitulation der Deutschen vom 6. auf den 7. Mai in einer Schule in Reims erzählt, die einen Tag später in Karlshorst wiederholt wurde. 

„Von meiner Kindheit an habe ich achtzig Jahre im Frieden gelebt, der die Nacht in dieser Schule uns allen gebracht hat“, sagt er aus dem Off. „Heute herrscht im vierten Jahr wieder ein Krieg in Europa“, und wir begreifen, dass Frieden nicht selbstverständlich ist.

Bonn

Bundeskunsthalle Bonn Für Filmfans: Ausstellung „Kunst des Sehens“ zum 80. Geburtstag von Wim Wenders

Zum 80. Geburtstag von Wim Wenders zeigt die Bonner Bundeskunsthalle Werk und Denken des Regisseurs. Das Highlight: eine von Wenders konzipierte immersive Rauminstallation.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

„Filmmusik ist für mich integraler Bestandteil des Themas eines Filmes“ Musik im Werk von Wim Wenders

Regisseur Wim Wenders feiert am 14. August 2025 seinen 80. Geburtstag. Berühmt wurde er durch seine Filme, in denen Musik allgegenwärtig ist.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur

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Caroline O. Jebens