Am Anfang war das Wort, bei Wim Wenders die Musik. „Sex and Violence waren nie mein Ding, ich stand immer schon mehr auf Sax and Violins“, hat der Regisseur mal gesagt; Saxofone und Violinen also statt Sex und Gewalt.
Klassische Orchester-Soundtracks findet man bei Wenders selten, dafür aber viel Rock und Pop; oft live gefilmt und das nicht nur im „Buena Vista Social Club“. Schon seine Abschlussarbeit 1969/70 hatte die US-Band „The Kinks“ zum Inhalt.
Wim Wenders arbeitet häufig mit dem Komponisten Jürgen Knieper zusammen. Die Romanadaption „Falsche Bewegung“ erhielt 1975 in sieben Kategorien den Deutschen Filmpreis, unter anderem für die Musik. Und nicht zuletzt Kniepers karge Streicher verleihen Wenders Engeln in „Der Himmel über Berlin“ 1987 Flügel.
Anders als üblich: Musik überspielt Bild
In „Palermo Shooting“ strömen 2008 unentwegt Songs und Irmin Schmidts Verfremdungen von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion aus den Kopfhörern des Protagonisten. Die Irrfahrten eines Fotografen-Odysseus werden nach dem Soundtrack gedreht – umgekehrt wie üblich, wo Musik dem Bilde dient. Hier rächt sie sich und „überspielt“ das Bild!
Zum Geburtstag des Kultregisseurs Wim Wenders wird 80: Der ewig Versöhnliche
Er hat zeitlose Filme geschaffen – nicht nur, weil er die Schönheit suchte, sondern auch das Politische scheute. Wie verändert die jüngste Gegenwart den Blick auf Wim Wenders Werk?
Die Balance von Bild und Ton freilich ist fragil. Auch Wim Wenders hat da gelegentlich was zerbrochen. Im 3D-Tanzfilm „Pina“ über die Ballettikone Pina Bausch etwa, waten die Tänzer 2011 regelrecht durch Thomas Hanreichs oft Minimal-ähnlich-groovige Musik.
Perfekte Balance von Bild und Musik in „Anselm – Das Rauschen der Zeit“
Ein Regisseur, der außer Musiker auch mal Künstler werden wollte, zeigt 2023 einen Maler, der mal Regisseur werden wollte: „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ über Anselm Kiefer. Die Orchestermusik vom damals 27-jährigen Leonard Küßner verwandelt die Doku in eine Art Oper, mit den Bildern als Protagonisten auf der Bühne von Kiefers Studio im französischen La Ribaute.
So viel Orchestermacht könnte kargere Bilder übermalen. Die Kunst Kiefers aber ist so stark, dass sie Küßners Kompositionen Stand hält. Hier findet Wenders perfekt die Balance von Bild und Musik.
Spätes Debüt an der Berliner Staatsoper
Erstaunlich für einen Regisseur, der Musik so in Szene setzt: Wenders findet erst spät, 2017, auf die Bühne; und das ausgerechnet mit Georges Bizets „Perlenfischern“, einer Oper, die als schwierig zu inszenieren gilt.
Sein Debüt an der Berliner Staatsoper gerät antiquiert statisch, finden einige Kritiker; aber Wenders ist das wurscht: „Ich geh’ grundsätzlich nach links, wenn Leute sagen, nach rechts, da ist alles interessant; dann geh’ ich nach links.“
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