Die Empörung war groß: In der Nacht zum 1. November drohten 42 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner wegen des anhaltenden Haushaltsstreits in den USA die Unterstützung durch das Lebensmittelhilfe-Programm SNAP zu verlieren.
Unterdessen feierte ihr Präsident Donald J. Trump in seinem blattvergoldeten Anwesen Mar-a-Lago eine Halloween-Party im Stil des „Großen Gatsby“ – Tänzerinnen in Flapper-Kleidern inklusive. Das Motto der Feier: „Eine kleine Party hat noch niemanden umgebracht.“ Hunger hingegen bekanntlich schon.
Während das Land wegen des Shutdowns lahmliegt und US-Beamte aktuell im unbezahlten Zwangsurlaub sind – oder unbezahlt weiterarbeiten müssen –, gehen im Weißen Haus die Abrissarbeiten des Ostflügels für Trumps neobarocken 300-Millionen-Dollar-Ballsaal ungehindert weiter.
Ballsaal-Barock im Weißen Haus
Trumps Bauprojekt in Washington erinnert nicht nur stilistisch an längst vergangene Zeiten. Die Worte „Dann sollen sie doch Kuchen essen“ liegen einem schmackhaft klebrig auf der Zunge.
Schon längst haben auch Trumps politische Gegner die Parallelen gezogen zwischen ihm und Frankreichs sagenumwobener Rokoko-Königin Marie Antoinette:
Man möchte ja schon fast sagen: Das ist doch noch einer der schmeichelhafteren Vergleiche, die einem zum US-Präsidenten einfallen. Sein eigener Vize-Präsident verglich ihn bekanntlich einst mit Adolf Hitler. Das war, bevor J.D. Vance selbst im Orbit der Trumpokratie ankam.
Mode-Monarchin und Autokrat im Anzug
Marie Antoinette bleibt eine zwiespältige Figur in der Geschichte. Unbestritten ist allein ihre Bedeutung für die Entwicklung der Mode. Aktuell widmet sich etwa eine große Ausstellung im Londoner Victoria & Albert Museum dem Fashion-Vermächtnis der Monarchin.
Optisch gibt es da nun wirklich kaum Schnittmengen. Donald Trump ist ja eher für schlecht sitzende Anzüge, überlange Krawatten und in China produzierte Baseballcaps, die Amerika irgendwie zu neuer Größe verhelfen sollen, bekannt.
Lediglich frisurentechnisch kann man eine gewisse Verbundenheit erahnen: Wie Marie Antoinette trägt Trump sein Haar bekanntlich kunstvoll hochtoupiert, nur ohne schmückende Straußenfedern und Blumen. Zumindest noch: Es wäre ja schade um die Blumen aus dem frisch abgerissenen Jackie-Kennedy-Garten des Weißen Hauses.
Madame Déficit sehnte sich nach Bauernidylle
Auch sonst hinkt der Vergleich. Das fängt schon mit dem berühmten Zitat um den Kuchen an. Das stammt nämlich gar nicht von Marie Antoinette: Jean-Jacques Rousseau schrieb den Satz 1765 bereits einer namentlich unbekannten „großen Prinzessin“ zu. Da war die Prinzessin gerade einmal zehn Jahre alt und noch Österreicherin. Und obendrein war der Kuchen im französischen Original eine Brioche.
Als „Madame Déficit“ stilisierte das Tribunal der französischen Revolutionäre die Königin zur Übeltäterin hoch: Ihr verschwenderischer Lebensstil, die Bälle und Feste, die Glücksspiele und Ausschweifungen in Versailles hätten den Staatshaushalt unter Ludwig XVI. in den Ruin getrieben.
In Wahrheit war es wohl weitaus differenzierter: Die luxusliebende Königin scheute den Trubel bei Hofe und zog sich mit ihren Kindern lieber ins Kleine Trianon, ein Lustschloss im Nordwesten von Versailles, zurück. Dort ließ sie ein Dörfchen anlegen, in dem sie sich ihrem Traum eines Lebens in bäuerlicher Bescheidenheit hingeben konnte.
Man stelle sich doch mal vor, Donald Trump würde die Megalomanie und Grandezza des Trump-Towers hinter sich lassen, seine Profile bei X und Truth Social stilllegen und im Mittleren Westen Mähdrescher fahren, während Melania zu Hause Apple Pie backt. In Kanada und Grönland hätte man bestimmt nichts dagegen einzuwenden.
Marie Antoinette: Steigbügelhalterin der amerikanischen Unabhängigkeit
Der Niedergang der französischen Monarchie hatte weitaus bedeutendere Gründe als Marie Antoinettes Kleiderschrank. Die Staatsverschuldung unter Ludwig XVI. wurde besonders durch dessen Kriegsausgaben in die Höhe getrieben. Nicht zuletzt unterstützte der König die Amerikanische Unabhängigkeit mit gewaltigen Summen und Truppen, um die britische Krone zu schwächen.
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Marie Antoinette zu guter Letzt für die neuen Ideale der Republik wortwörtlich den Kopf hinhielt und nun mit einem Republikaner verglichen wird, der sein Land am liebsten wieder in den Absolutismus zurückführen will.
Es brodelt in der US-Bevölkerung
Unterdessen identifizieren sich Ende Oktober in einer repräsentativen Umfrage des Senders NBC 43 Prozent der befragten US-Bürger*innen als Unterstützer der No-Kings-Proteste. Die Demonstrationen hatten am 18. Oktober mehrere Millionen Menschen auf die Straße gebracht.
Haben die Protestierenden mit New Yorks designiertem Bürgermeister Zohran Mamdani jetzt vielleicht sogar ihren neuen Revolutionsführer gefunden? Maximilien de Robespierre war schließlich auch erst Anfang 30, als das Volk in Paris die Bastille stürmte.
Ob Donald Trump bewusst ist, dass im Vergleich mit Marie Antoinette auch eine Drohung mitschwingen könnte? Bei seiner jüngsten Asienreise sprach Trump im Beisein von Japans Premierministerin von der wunderschönen Freundschaft beider Länder, die „aus der Asche eines fürchterlichen Krieges“ geboren wurde. Geschichtsbewusstsein und Takt waren ja noch nie seine Stärken.