Die Deutschen wussten mehr als sie zugaben
Die Forschung gehe davon aus, dass relativ viele Menschen „zumindest mal eine grobe Idee davon hatten, was da passierte“, sagt Schmittwilken in SWR Kultur am Morgen. Er hat die aktuelle Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ kuratiert.
Auch wenn der Massenmord vor allem außerhalb Deutschlands stattgefunden habe, hätten eine ganze Reihe von Hinweisen und Informationen kursiert,
„Es war so, dass es tatsächlich sehr viele Briefe gab, die Angehörige ins Reich geschickt haben. Soldaten, Polizisten, SS-Männer, die nach Deutschland auf Urlaub kamen, erzählten“, so Schmittwilken. Zudem habe es alliierte Flugblätter gegeben. Diese Informationen hätten sich ab 1942 immer stärker verdichtet.
Das NS-Regime machte die Bevölkerung zu Mitwissenden
Ab 1943 hätte sich das NS-Regime selbst mehr oder weniger offen zum Massenmord bekannt, erklärt Schmittwilken im Gespräch. Von da an habe eine Verdrängung der Taten begonnen. Die nationalsozialistische Regierung habe die Bevölkerung zu Mitwissenden, aber auch zu Komplizen gemacht.
Heutzutage habe die Mehrheit der Bevölkerung aus Schmittwilkens Sicht verstanden und akzeptiert, dass Deutschland und dessen rechtes Regime „unfassbare Verbrechen“ begangen habe. Dennoch: „In vielen Familien herrscht wieder die Vorstellung oder zumindest das Narrativ vor, dass die eigenen Großeltern oder die eigenen Verwandten doch irgendwie nicht beteiligt gewesen seien“.
Die Ausstellung am Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors solle daher Anregung bieten, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen, sagt der Kurator.
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