Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin

Verdrängte Schuld: Was wussten die Deutschen über den Holocaust?

Man habe nichts gewusst, sagten viele im Nachkriegsdeutschland über den Verbrechen des NS-Regimes. Dem widerspricht Christian Schmittwilken vom Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin angesichts einer neuen Ausstellung.

Teilen

Stand

Die Deutschen wussten mehr als sie zugaben

Die Forschung gehe davon aus, dass relativ viele Menschen „zumindest mal eine grobe Idee davon hatten, was da passierte“, sagt Schmittwilken in SWR Kultur am Morgen. Er hat die aktuelle Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ kuratiert.

Auch wenn der Massenmord vor allem außerhalb Deutschlands stattgefunden habe, hätten eine ganze Reihe von Hinweisen und Informationen kursiert,

„Es war so, dass es tatsächlich sehr viele Briefe gab, die Angehörige ins Reich geschickt haben. Soldaten, Polizisten, SS-Männer, die nach Deutschland auf Urlaub kamen, erzählten“, so Schmittwilken. Zudem habe es alliierte Flugblätter gegeben. Diese Informationen hätten sich ab 1942 immer stärker verdichtet.

Passanten stehen im November 1938 in einer Stadt in Deutschland vor einem jüdischen Geschäft, dessen Schaufensterscheiben in der Reichsprogromnacht am 9. Nov. 1938 zerstört wurden.
Passanten stehen im November 1938 in einer Stadt in Deutschland vor einem jüdischen Geschäft, dessen Schaufensterscheiben in der Reichsprogromnacht am 9. Nov. 1938 zerstört wurden.

Das NS-Regime machte die Bevölkerung zu Mitwissenden

Ab 1943 hätte sich das NS-Regime selbst mehr oder weniger offen zum Massenmord bekannt, erklärt Schmittwilken im Gespräch. Von da an habe eine Verdrängung der Taten begonnen. Die nationalsozialistische Regierung habe die Bevölkerung zu Mitwissenden, aber auch zu Komplizen gemacht.

Heutzutage habe die Mehrheit der Bevölkerung aus Schmittwilkens Sicht verstanden und akzeptiert, dass Deutschland und dessen rechtes Regime „unfassbare Verbrechen“ begangen habe. Dennoch: „In vielen Familien herrscht wieder die Vorstellung oder zumindest das Narrativ vor, dass die eigenen Großeltern oder die eigenen Verwandten doch irgendwie nicht beteiligt gewesen seien“.

Die Ausstellung am Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors solle daher Anregung bieten, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen, sagt der Kurator.

Holocaust-Gedenken Welche Bedeutung KZ-Besuche und Zeitzeugen für die Erinnerungskultur haben

Neue Studien belegen zum 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, dass Jugendliche immer weniger über den Holocaust wissen. Woran das liegt und wie man das ändern kann, erklärt ein Professor aus Gießen. 

Holocaust Gedenktag 2025 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Erinnern allein reicht nicht aus

Vor 80 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten sowjetische Truppen die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz nahe der polnischen Stadt Oświęcim. Der Bundestag gedenkt am 29.01.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

80 Jahre Befreiung von Auschwitz Michel Friedman: "Wir haben seit 1945 jeden Tag Judenhass"

80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wird am Holocaust-Gedenktag der Opfer gedacht. Publizist Michel Friedman wünscht sich eine generationenübergreifende Erinnerungskultur.

Aktuell um 12 SWR1 Rheinland-Pfalz

Erinnerungskultur Anne Frank und ihr Tagebuch – Wie der Personenkult den Holocaust überlagert

Anne Frank ist Symbol für Leid und Menschlichkeit; ihre Vereinnahmung ist kreativ bis empörend. Der Holocaust rückt meist in den Hintergrund. Was rührt so viele an ihrem Schicksal?

Das Wissen SWR Kultur

Psychologie Traumata der NS-Zeit – Wie sie Kriegskinder und Enkel belasten

Der Zweite Weltkrieg war am 8. Mai 1945 zwar zu Ende, doch das traumatische Erleben des Holocaust, von Flucht und Vertreibung, Bombardierung und Hungersnot prägte die Menschen.

Das Wissen SWR Kultur

Stuttgart

Neuanfang! Wenn es anders kommt im Leben Charlotte überlebte Holocaust: So erinnert sie sich an ihre Kindheit unter den Nazis

Charlotte Isler überlebte den Holocaust. Mit 14 Jahren floh sie nach der sog. Pogromnacht aus Stuttgart vor Hitler und den Nazis. In "SWR1 Neuanfang" erinnert sie sich.

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Pia Masurczak
Pia Florence Masurczak
Interview mit
Christian Schmittwilken