Die Bauart war revolutionär
Kaum vorstellbar, dass der Turm mal ganz anders aussehen sollte. So gab es unter anderem Pläne der Stadt, an der Basis ein mehrgeschossiges Hotel zu errichten.
Auch stand ein riesiger Mercedes-Stern auf dem Dach des Turms zur Diskussion, um Werbeeinnahmen zu generieren. Schließlich hatte sich dessen Bau nicht nur verzögert – ursprünglich sollte der Turm nicht 1956, sondern schon zur Fußball-WM 1954 fertig sein – er war auch doppelt so teuer geworden wie anfangs geplant.
Funkloch in der Landeshauptstadt
Dass der Fernsehturm überhaupt gebaut wurde, hatte zunächst praktische Gründe: Die bisherige Infrastruktur machte das Senden und Empfangen der Funkwellen schwierig. Um das auszugleichen, hätte allerdings ein Sendemast gereicht, sagt Architekturhistoriker Nikolaus Bernau im Gespräch mit SWR Kultur.
Dass stattdessen ein Sendeturm aus Stahlbeton entstehen sollte – der erste seiner Art – sei den Ambitionen des Architekten zu verdanken, Fritz Leonhard. Er habe vor allem funktional gedacht. An einer Stahlkonstruktion ließ sich deutlich mehr befestigen, Aussichtsterrassen, Restaurants und Bars.
Doch Leonhard habe auch ästhetisch neue Welten erschlossen, gestaltete die Außenlinien entlang einer Parabelform. „Unglaublich elegant“, findet Nikolaus Bernau. Ein Turm wie ein Stab: „Das heißt, man sieht sehr wenig, vor allen Dingen aus großer Distanz“.
Leonhard schüttelt die Nazi-Ästhetik ab
An eine aufsteigende Rakete erinnere die Parabelform. Raumfahrt sei das große Thema der Zeit gewesen. Zumal man sich deutlich von der Pathos-Architektur der Nazizeit habe abgrenzen wollen. Insbesondere Fritz Leonhard, der, so Bernau, „eine sehr, sehr dicke Nazi-Akte hatte“. Mit diesem Projekt habe er sich auch von seiner eigenen Vergangenheit lösen wollen.
Ähnliches gelte auch für die Innenarchitektur, entworfen von Hertha-Maria Witzmann. Modernistisch entlang den Formen, die vor allem von der Ulmer Schule in der Zeit vorgegeben gewesen seien.
Das heißt: ganz klares, einfaches Geschirr, einfache klare Laken, klare weiße Stoffe, ein glatter, dunkler Fußboden – und eben diese ganzen großen Fenster, durch die man durchgucken konnte.
Auch die Queen war schon oben
Schnell entwickelte sich der Turm zum Touristenmagneten. Als das britische Königspaar 1965 die Landeshauptstadt besuchte, soll Prinz Philip ausdrücklich gewünscht haben, den Fernsehturm zu sehen. Erst deutlich später sei der Berliner Fernsehturm populärer gewesen.
Augmented Reality und Bewerbung als Weltkulturerbe
Bis auf zwischenzeitliche Sanierungsphasen können Interessierte die Aussicht vom Turm nun seit sieben Jahrzehnten genießen, dank Fernsehturm-App seit einigen Jahren sogar noch intensiver erleben: Sogenannte Augmented Reality bietet Informationen und Visualisierung in Echtzeit zu dem, was die User gerade von oben erspähen.
Zum 70. Geburtstag ist die Geschichte der regionalen Ikone noch lange nicht auserzählt: Aktuell laufen die Vorbereitungen für eine Bewerbung als UNESCO-Weltkulturerbe. Fest verankert im Herzen der Stuttgarter ist der Fernsehturm allemal.