Gespräch

70 Jahre Fernsehturm: Ein Stück Nachkriegsgeschichte in Stuttgart

Ästhetisch visionär: Der Stuttgarter Fernsehturm war ein bewusster Bruch mit der Pathos-Architektur der Nazizeit, sagt Architekturhistoriker Nikolaus Bernau in SWR Kultur. Heute ist der Turm ein Wahrzeichen für die Region.
 

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Von Autor/in Ines Kunze

Die Bauart war revolutionär

Kaum vorstellbar, dass der Turm mal ganz anders aussehen sollte. So gab es unter anderem Pläne der Stadt, an der Basis ein mehrgeschossiges Hotel zu errichten. 

Stuttgarter Fernsehturm
Riesige Fensterfronten, eine Aussichtsplattform und mehr: So kannte man Funktürme bis dato nicht. imagebroker

Auch stand ein riesiger Mercedes-Stern auf dem Dach des Turms zur Diskussion, um Werbeeinnahmen zu generieren. Schließlich hatte sich dessen Bau nicht nur verzögert – ursprünglich sollte der Turm nicht 1956, sondern schon zur Fußball-WM 1954 fertig sein – er war auch doppelt so teuer geworden wie anfangs geplant.   

Funkloch in der Landeshauptstadt

Dass der Fernsehturm überhaupt gebaut wurde, hatte zunächst praktische Gründe: Die bisherige Infrastruktur machte das Senden und Empfangen der Funkwellen schwierig. Um das auszugleichen, hätte allerdings ein Sendemast gereicht, sagt Architekturhistoriker Nikolaus Bernau im Gespräch mit SWR Kultur.  

Stuttgarter Fernsehturm
Er erschuf den Fernsehturm, wie wir ihn heute kennen: Eine Gedenkplatte für Architekt Fritz Leonhardt am Stuttgarter Fernsehturm. Lindenthaler

Dass stattdessen ein Sendeturm aus Stahlbeton entstehen sollte – der erste seiner Art – sei den Ambitionen des Architekten zu verdanken, Fritz Leonhard. Er habe vor allem funktional gedacht. An einer Stahlkonstruktion ließ sich deutlich mehr befestigen, Aussichtsterrassen, Restaurants und Bars.

Doch Leonhard habe auch ästhetisch neue Welten erschlossen, gestaltete die Außenlinien entlang einer Parabelform. „Unglaublich elegant“, findet Nikolaus Bernau. Ein Turm wie ein Stab: „Das heißt, man sieht sehr wenig, vor allen Dingen aus großer Distanz“.

Leonhard schüttelt die Nazi-Ästhetik ab

An eine aufsteigende Rakete erinnere die Parabelform. Raumfahrt sei das große Thema der Zeit gewesen. Zumal man sich deutlich von der Pathos-Architektur der Nazizeit habe abgrenzen wollen. Insbesondere Fritz Leonhard, der, so Bernau, „eine sehr, sehr dicke Nazi-Akte hatte“. Mit diesem Projekt habe er sich auch von seiner eigenen Vergangenheit lösen wollen.

Stuttgarter Fernsehturm
Wie eine Rakete in die Nacht: Die Silhouette spielte auf die damals hochmoderne Raumfahrt-Ästhetik an. imagebroker

Ähnliches gelte auch für die Innenarchitektur, entworfen von Hertha-Maria Witzmann. Modernistisch entlang den Formen, die vor allem von der Ulmer Schule in der Zeit vorgegeben gewesen seien. 

Das heißt: ganz klares, einfaches Geschirr, einfache klare Laken, klare weiße Stoffe, ein glatter, dunkler Fußboden – und eben diese ganzen großen Fenster, durch die man durchgucken konnte.

 Auch die Queen war schon oben

Schnell entwickelte sich der Turm zum Touristenmagneten. Als das britische Königspaar 1965 die Landeshauptstadt besuchte, soll Prinz Philip ausdrücklich gewünscht haben, den Fernsehturm zu sehen. Erst deutlich später sei der Berliner Fernsehturm populärer gewesen. 

Stuttgarter Fernsehturm
Auch deutsche Prominenz ließ sich hier oft blicken, etwa hier Fußballegende Hansi Flick 1980. Pressefoto Baumann

Augmented Reality und Bewerbung als Weltkulturerbe

Bis auf zwischenzeitliche Sanierungsphasen können Interessierte die Aussicht vom Turm nun seit sieben Jahrzehnten genießen, dank Fernsehturm-App seit einigen Jahren sogar noch intensiver erleben: Sogenannte Augmented Reality bietet Informationen und Visualisierung in Echtzeit zu dem, was die User gerade von oben erspähen.   

Stuttgarter Fernsehturm
Architektonisch ausgezeichnet: 2009 wurde der Stuttgarter Fernsehturm als Wahrzeichen der Ingenieursbaukunst in Deutschland geehrt. Horst Rudel

Zum 70. Geburtstag ist die Geschichte der regionalen Ikone noch lange nicht auserzählt: Aktuell laufen die Vorbereitungen für eine Bewerbung als UNESCO-Weltkulturerbe. Fest verankert im Herzen der Stuttgarter ist der Fernsehturm allemal.

Stuttgart

Pionier, Vorbild und Wahrzeichen Aktion zum Jubiläum: Stuttgarter Fernsehturm bis Samstagabend am Stück geöffnet

Der Stuttgarter Fernsehturm war 1956 der erste Stahlbetonturm der Welt. Auch 70 Jahre später ist er ein Besuchermagnet. Zum Jubiläum gibt es ein Programm mit einer Premiere.

Zeitwort 5.2.1956: Der Stuttgarter Fernsehturm wird eröffnet

Die 216 Meter hohe „Nadel“ war 1956 weltweit der erste Stahlbetonturm. Als Wahrzeichen der Stadt Stuttgart ist der Fernsehturm offizielles Kulturdenkmal.

SWR2 Zeitwort SWR2